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Apotheker helfen in Sri Lanka

03.01.2005  00:00 Uhr
Flutkatastrophe

Apotheker helfen in Sri Lanka

von Brigitte M. Gensthaler, München, und Daniel Rücker, Eschborn

Die Flutkatastrophe in Südasien hat in Europa eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Fast alle großen Organisationen haben ihre Experten nach Sri Lanka, Thailand, Indien und Indonesien geschickt. Die Apothekerschaft ist ebenfalls vertreten.

Mit Arzneimitteln im Wert von 15.000 Euro startete am Dienstag vor einer Woche ein Team aus Apothekern und Ärzten vom Frankfurter Flughafen aus ins Katastrophengebiet. An dem vom gemeinnützigen Verein „Apotheker ohne Grenzen“ organisierten Einsatz beteiligen sich das Hilfswerk der bayerischen Apotheker und das Hilfswerk der baden-württembergischen Apothekerinnen und Apotheker.

„Die Unglücksnachricht riss auch uns aus der Feiertagsstimmung“, so der erste Vorsitzende des Vereins, Ulrich Brunner. Innerhalb weniger Tage stellten die Organisationen der Apothekerschaft zusammen mit der Partnerorganisation Humedica, Kaufbeuren, ein Team aus Apothekern und Ärzten für den Einsatz in Sri Lanka zusammengestellt. Das deutsche Ärzteteam unter Leitung von Humedica-Geschäftsführer Wolfgang Groß traf bereits am 27. Dezember in Colombo ein und ist jetzt in dem zugewiesenen Aufgabengebiet bei Point Pedro im tamilischen Rebellengebiet für 15.000 Flüchtlinge in 28 Lagern verantwortlich. Nach jahrelangen Gefechten zwischen Regierungssoldaten und Tamilen trifft die Flut die Region besonders hart. „Die Menschen in diesem ehemaligen Bürgerkriegsgebiet sind sehr arm, und was sie hatten, das haben sie jetzt auch noch verloren“, berichtete Dr. Martin Müller von Humedica.

Die Fluggesellschaft LTU transportierte das Apotheker-Team gratis nach Colombo. Mit im Gepäck hatten die Pharmazeuten mehrere Paletten lebenswichtiger Medikamente und Verbandsmaterial, verpackt in so genannten Emergency Health Kits. „Mit diesen speziell für Kriseneinsätze entwickelten Kits können mehrere tausend Menschen über drei Wochen medizinisch mit dem Notwendigsten versorgt werden“, berichtet Brunner. Die Medikamente für die Lieferung stellte das Hilfswerk bayerischer Apotheker zur Verfügung. Die Sendung umfasst nach Angaben vom Vorsitzenden des Hilfswerks, Gerhard Reichert, neben Arzneimitteln vor allem Entkeimungstabletten für 700.000 Liter Wasser und Verbandstoffe. Rund 30.000 Menschen sollen damit versorgt werden. Die Sendung soll beim Aufbau eines mobilen Krankenhauses im Norden von Sri Lanka genutzt werden.

„Der enorme Bedarf in dem Krisengebiet zeigt sich daran, dass bereits am 31. Dezember ein erneuter Hilferuf der auf Sri Lanka tätigen Humedica-Ärzte bei uns einging“, berichtet Hilfswerk-Geschäftsführer Dr. Gerhard Gensthaler. Sie fragten vorrangig nach Antibiotika, vor allem für Kinder. Besondere Gefahr droht den Überlebenden jetzt durch verseuchtes Wasser. So bat der einheimische Lufthansa-Vertragsarzt Dr. Lakshman in Colombo dringend um Antidiarrhoika, orales Rehydratationssalz und Antibiotika gegen Magen-Darm- und Atemwegsinfektionen. Isotonische Kochsalz- und Basisinfusionslösungen sind gleichfalls gefragt. Längerfristig wird ein Anstieg von Malaria-Infektionen und Dengue-Fieber erwartet, da die sumpfigen Böden und Wasserstellen beste Brut- und Lebensbedingungen für die Mücken bieten.

 

Spendenkonten

Hilfswerk bayerischer Apotheker
Spendenkonto 4793765
Deutsche Apotheker- und Ärztebank, München
BLZ 70090606
Stichwort: Südostasien-Hilfe

Apotheker ohne Grenzen
Spendenkonto 5077591
Deutsche Apotheker- und Ärztebank, Frankfurt am Main
BLZ 50090607
Stichwort: Flutkatastrophe

Hilfswerk der baden-württembergischen Apothekerinnen und Apotheker
Spendenkonto 6414141
Deutsche Apotheker- und Ärztebank, Stuttgart
BLZ 60090609
Stichwort: Tsunami-Hilfe

 

Damit die Hilfswerke und Apotheker ohne Grenzen weiterhin schnell und unbürokratisch helfen können, sind sie auf Spenden angewiesen. Die Resonanz auf den Spendenaufruf am 28. Dezember sei überwältigend, freut sich Reichert. Große Geldbeträge kamen beispielsweise von der Sanacorp und dem Hilfswerk der baden-württembergischen Apothekerinnen und Apotheker e.V., aber auch viele Apotheker zeigten sich sehr großzügig. Mit Arzneimittelspenden, besonders der gesamten Antibiotika-Palette und Analgetika, halfen die Firmen Heumann und Hexal.

Apotheker ohne Grenzen und das Hilfswerk der bayerischen Apotheker können mittlerweile auf eine mehrjährige Erfahrung beim Einsatz in Krisengebieten zurückblicken. Das bayerische Hilfswerk wurde 1999 unter dem Eindruck des Kosovokrieges gegründet. Apotheker ohne Grenzen Deutschland startete im Jahr 2000. Der Verein konzentriert sich auf langfristige Entwicklungshilfe aber auch auf akute Einsätze in Katastrophengebieten. Die beiden Organisationen arbeiten häufig zusammen.

 

Interview: Die Hilfsbereitschaft unserer Kollegen ist fantastischvon Daniel Rücker, Eschborn

Niemand kann in der Flutregion die Notfallversorgung mit Arzneimitteln besser organisieren als Apotheker. Angesichts der Ausmaße der Katastrophe kommen Hilfsorganisationen wie Apotheker ohne Grenzen oder das Bayerische Hilfswerk schnell ans Limit. Ulrich Brunner, Vorsitzender von Apotheker ohne Grenzen, hofft deshalb auf weitere Geldspenden.

PZ: In welchen von der Flut betroffenen Staaten ist Apotheker ohne Grenzen aktiv?

Brunner: Wir arbeiten zurzeit an der Ostküste von Sri Lanka. In dem Ort Point Pedro koordiniert ein Team aus vier Apothekern die Arzneimittellogistik und unterstützt damit die Ärzteteams unserer Partnerorganisation Humedica aus Kaufbeuren. Die dort eingerichtete Gesundheitsstation versorgt bis zu 5000 Flüchtlingsfamilien mit der wichtigsten Basisversorgung. Parallel erkunden unsere Mitarbeiter derzeit die Situation weiter südlich an der Ostküste in der Stadt Kalmunai. Von dort erreichte uns eine weitere Hilfsanfrage. Der Weg in beide Gebiete ist schwierig, da von tamilischen Rebellen kontrollierte Regionen nur mühsam passiert werden können.

PZ: Mit welchen Organisationen arbeiten Sie in Sri Lanka zusammen?

Brunner: Zum einen mit Humedica. Diese hat bislang zwei Ärzteteams nach Point Pedro geschickt. In Kalmunai arbeiten wir mit dem regionalen Krankenhaus zusammen. Zudem unterstützt uns das Hilfswerk Bayerischer Apotheker in München mit essenziellen Arzneimitteln. Das Hilfswerk stellte allein am 28. Dezember Medikamente und Verbandstoffe im Wert von rund 25.000 Euro zur Verfügung.

PZ: Wollen Sie Ihre Hilfe auf andere Länder ausdehnen?

Brunner: Wir versuchen möglichst strukturiert und bedarfsgerecht zu arbeiten. Als relativ kleine Hilfsorganisation stoßen wir schon jetzt teilweise an unsere Kapazitätsgrenzen. Wir haben zwar weitere Hilfsanfragen aus anderen Krisengebieten, bündeln unsere Hilfe jedoch auf Sri Lanka.

PZ: Wie sieht die Hilfe konkret aus?

Brunner: Unsere Stärke liegt in der Arzneimittellogistik und pharmazeutischen Versorgung. Das heißt, unsere Pharmazeutenteams koordinieren den Transport essenzieller Arzneimittel bis in die Gesundheitsposten und übernehmen dort die sachgerechte Verteilung. Die Ärzteteams werden so entlastet. Diese Zusammenarbeit hat sich bereits bei früheren Notfallprojekten bewährt.

PZ: Wie können Ihnen die Apotheker am besten helfen? Mit Geld oder mit Arzneimitteln?

Brunner: Die große Hilfsbereitschaft unserer Kolleginnen und Kollegen in Deutschland ist fantastisch. Spenden mit in Deutschland überflüssigen Arzneimitteln und Medizinprodukten können wir allerdings nicht annehmen, da eine Koordination viel zu aufwendig wäre, und die Ware mühsam sortiert und neu verpackt werden müsste. Geldspenden sind jetzt am wichtigsten, damit die Güter gezielt eingekauft werden können. Viele Apotheker haben inzwischen unsere Spendendosen in ihren Apotheken aufgestellt oder organisieren eigene Sammlungen.

PZ: Wie steht es um Apothekerinnen und Apotheker, die selbst helfen wollen? Benötigen Sie auch Unterstützung im Flutgebiet? Welche Fähigkeiten muss jemand mitbringen, der für Apotheker ohne Grenzen nach Sri Lanka oder in ein anderes Land fährt?

Brunner: Wir benötigen vermutlich auch in den nächsten Wochen noch mehr qualifizierte Mitarbeiter, um die ersten Teams abzulösen. Tropentaugliche Kolleginnen und Kollegen mit Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit oder Katastrophenhilfe können gerne den auf unserer Homepage (www.apotheker-ohne-grenzen.de) abgelegten Bewerbungsbogen an unsere Geschäftsstelle schicken.

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