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Pharmaökonomie wartet auf den Apotheker

18.09.2000
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-PharmazieGovi-Verlag

PHARMACON WESTERLAND

Pharmaökonomie wartet
auf den Apotheker

von Annette van Gessel, Westerland

"Die Pharmakoökonomie ist der einzig rationale und ethisch sowie sozial vertretbare Ausweg des deutschen Gesundheitssystems aus seiner gegenwärtigen Kostenmisere," so die These von Dr. Eva Susanne Dietrich, Leiterin des Referats Arzneimittel, Heil- und Hilfsmitttel der Kassenärztliche Bundesvereinigung in Köln.

Für den permanenten Kostenanstieg trotz gesetzlicher Dämpfungsmaßnahmen sind mehrere Faktoren verantwortlich. Als einen Grund nannte Dietrich die veränderte Altersstruktur der deutschen Bevölkerung. An der Tatsache, dass ältere Menschen mit zunehmendem Lebensalter mehr Arzneimittel benötigen, können auch Gesetzesverordnungen nichts ändern. Außerdem kommen immer bessere und teurere neue Technologien und Medikamente zum Einsatz. Im Gegensatz zu früher sind die Patienten heute viel besser über moderne Therapiemöglichkeiten informiert und fordern aktiv bestimmte Leistungen ein.

Die von den kassenärztlichen Vereinigungen vorgegebenen Arzneimittelrichtgrößen setzen den finanziellen Rahmen, in dem sich die Ärzte bewegen können. Das gesamte Arzneimittelbudget betrug 1999 in Deutschland 33 Milliarden DM. Dieser Betrag macht es unmöglich, die Patienten nach dem aktuellen Stand der medizinischen Entwicklung zu behandeln. Um alle Patienten optimal zu versorgen, würden nur für Medikamente rund 50 Milliarden DM benötigt, schätzte Dietrich. Diese Summe einzufordern, sei illusorisch und politisch nicht durchsetzbar.

An diesem Dilemma setzt die Pharmakoökonomie an. "Sie identifiziert, misst und vergleicht die Kosten beziehungsweise verbrauchten Ressourcen pharmazeutischer Produkte und Dienstleistungen." Bei der Kostenerfassung wird zwischen direkten, indirekten und intangiblen Kosten unterschieden. Zu den direkten Kosten zählen ärztliche Betreuung und medikamentöse Therapie, zu den indirekten gehören Pflegezeiten oder Zeiten der Arbeitsunfähigkeit. Die intangiblen Kosten erfassen körperliche, mentale, psychische und soziale Aspekte wie Behinderung, Angst oder Isolation.

Als derzeit gebräuchlichste Evaluationsform nannte Dietrich die Kosten-Effektivitätsanalyse, die qualitative Unterschiede der Behandlungsalternativen berücksichtigt. Zur Beurteilung des Behandlungsergebnisses werden so genannte natürliche Einheiten herangezogen. Dazu zählen vermiedene Operationen und Krankheitstage sowie die Anzahl geheilter Patienten oder geretteter Leben. Die Bewertung einer Therapiemethode erfolgt durch Berechnung ihres Nutzwerts. Er ist das Verhältnis der Kosten zum Produkt aus Lebensverlängerung und Lebensqualität.

Die Maßeinheit ist das QALY (quality adjusted life years = qualitätsbereinigte Lebensjahre). Als Beispiel für eine solche Nutzwertanalyse zeigte Dietrich den Vergleich der Chemotherapie mit der Kombination aus Operation plus Chemotherapie. Die ausschließliche Chemotherapie ergab einen Wert von 25 000 DM/QALY. Wird zusätzlich zur Chemotherapie eine Operation durchgeführt, ist das Ergebnis 15 625 DM/QALY. Trotz höherer Kosten, die die Operation verursacht, ergibt die Kombination den pharmakoökonomisch besseren Nutzwert, da sie die Lebenszeit um ein weiteres Jahr verlängert. Dietrich: „Für fast alle therapeutischen Interventionen können solche Kostenwerte berechnet werden."

In zahlreichen europäischen Ländern dienen klinisch ökonomische Studien zur Entscheidungsfindung in Bezug auf die Erstattungsfähigkeit, zur Aufstellung von Therapierichtlinien oder um Arzneimittelpreise festzusetzen. Auch in Deutschland öffnen sich Politiker und Krankenkassen derzeit für gesundheitsökonomische Ideen. Aus Sicht des Gesundheitsministeriums sind "die Rationalisierungreserven im Gesundheitswesen weitgehend ausgereizt", zitierte Dietrich. Ein aktuelles Statement des AOK-Bundesverbandes lautet: "Die GKV steht vor der Aufgabe, ihre Finanzmittel künftig effektiver und effizienter einzusetzen. Dazu (...) ist eine Verstärkung der gesundheitsökonomischen und sozialmedizinischen Evaluation unbedingte Voraussetzung."

Immer mehr Pharmafirmen legen Kosten-Nutzen-Studien vor, um den Vorteil ihres Präparates herauszustellen. "Apotheker sollten in der Lage sein, solche Studien zu beurteilen, damit sie die Spreu vom Weizen trennen können", forderte Dietrich. Sie riet Krankenhausapothekern, das pharmakoökonomische controling in ihrem Haus zu übernehmen, auch unter dem Aspekt, den eigenen Arbeitsplatz zu sichern. Öffentliche Apotheken sollten in pharmakoökonomische Studien einbezogen werden. In Absprache mit dem Apotheker könnten Patienten ausgewählt, die benötigten Daten erfasst und somit Ergebnisse aus der ambulanten Therapie mit berücksichtigt werden.

Dietrich Appell an die Kollegen: "Wenn schon Ökonomie, dann ist gerade das Thema Pharmakoökonomie ein Gebiet, das auf unsere Bearbeitung wartet."Top

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