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Impfen ist kein Kleinkinderkram

05.06.2000
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-PharmazieGovi-Verlag

PHARMACON MERAN

Impfen ist kein Kleinkinderkram

von BrigitteM. Gensthaler

Die viel beklagte Impfmüdigkeit gilt nicht für Säuglinge und Kleinkinder. Etwa 90 Prozent sind gegen Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Polio, Haemophilus influenzae Typ B, Masern, Mumps und Röteln geimpft, wie es die Ständige Impfkommission STIKO empfiehlt. Jedes zweite Kind erhält eine Grundimmunisierung gegen Hepatitis B. Deutliche Lücken klaffen dagegen bei Jugendlichen und Erwachsenen, erklärte Professor Dr. Bernhard Stück, Berlin. Nur wenige denken an die Auffrischung des Tetanus- und Diphtherie-Schutzes, der alle zehn Jahre mit einer einzigen Injektion aktualisiert werden kann.

Als "Entwicklungsland" bezeichnete Stück Deutschland in puncto Epidemiologie. "Keiner weiß, wie viele Masern-Erkrankungen es jährlich gibt." Man schätzt 60.000 bis 100.000. Selbst bei meldepflichtigen Erkrankungen wie der Röteln-Embryopathie gibt es keine zuverlässigen Zahlen. Gemeldet würden jährlich vier bis fünf Patienten, geschätzt werden 40 bis 50, sagte der Impfexperte. Die kleinen Patienten leiden lebenslang schwer an zerebralen Störungen, Taubheit und Sehbehinderung.

Ebenso wie Windpocken treten Masern-Infektionen zunehmend bei größeren Kindern und Erwachsenen auf. Diese Patienten entwickeln häufiger eine Enzephalitis als Kleinkinder. Ein Drittel der Enzephalitis-Patienten stirbt, ein Drittel behält Restschäden. Vorbeugen ist nicht schwer: Die zweimalige Impfung – immer mit Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff – schützt lebenslang. Zwar erhalten 90 Prozent der Kleinkinder die erste MMR-Spritze, doch nur 10 Prozent erscheinen zur zweiten Impfung (etwa bei Schuleintritt), beklagte Stück. Dennoch sollen die Masern in Deutschland bis 2007 ausgerottet sein.

Auch an Pertussis erkranken wieder mehr Erwachsene. Sie klagen über Husten, auch mit Spasmen, seltener mit Erbrechen, und Schlafstörungen durch Hustenattacken. Jedoch denken nur wenige Ärzte an Keuchhusten, der immer noch als Kinderkrankheit gilt. Gefährlich wird die Ansteckung für Babies und Kleinkinder, die keinen Nestschutz haben und noch nicht geimpft sind. Daher wurde in den Impfkalender eine Boosterimpfung zwischen dem 11. und 18. Lebensjahr aufgenommen, erklärte Stück. Impft man ab dem 16. Jahr, hält der Impfschutz bis ins dritte Lebensjahrzehnt an, in dem viele Menschen ihre Kinder bekommen. Grundsätzlich können auch Erwachsene, zum Beispiel Eltern und Großeltern, die relativ gut verträgliche azelluläre Pertussis-Vakzine erhalten.

Das Screening auf Hepatitis-B-Antigen (HBs-Ag) wurde vor einigen Jahren in das Vorsorgeprogramm für Schwangere aufgenommen. Der Grund: HBs-Ag-positive Frauen können die Erreger auf das Kind übertragen. Hepatitiden bei Kleinkindern sind selten, verlaufen aber häufig chronisch. Neugeborene, deren Mütter das Virus in sich tragen, müssen daher innerhalb von zwölf Stunden geimpft werden. Der Impfschutz hält Jahrzehnte- oder sogar lebenslang an.

Ausgesprochen schlecht ist die Akzeptanz der Influenza- und Pneumokokken-Impfung, die die STIKO für Menschen ab 60 empfiehlt. Nur 20 bis 40 Prozent der Älteren sind gegen Influenza geschützt. Weniger als 20 Prozent nehmen die Pneumokokken-Vakzine an, obwohl eine einzige Impfung für mehrere Jahre schützt. Die Folgen sind bitter: Etwa 12.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen einer Pneumokokken-Pneumonie.Top

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