Pharmazeutische Zeitung online

Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis

22.11.2004
Datenschutz bei der PZ

PHARMAZIE

Pharmazeutische Betreuung

Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis

von Anke Pfleger, Münster

Die Initiatoren des Wochenendworkshops „Patient und Pharmazeutische Betreuung“ hatten sich das Ziel gesetzt, Wissenschaft und Praxis zu verbinden. Etwa 350 Pharmazeuten waren am 20. und 21. November nach Münster gekommen, um Anregungen und neues Wissen für mehr Beratungsqualität in der Apotheke zu erwerben.

„Die Pharmazeutische Betreuung wird immer mehr an Bedeutung gewinnen“, sagte ABDA-Präsident Hans-Günther Friese. Sie sei für die wohnortnahe Versorgung von Patienten notwendig und beinhalte, dass Arzneimittel Waren der besonderen Art sind. Mit diesem Grundsatz sei die Existenz des Berufsstandes unmittelbar verknüpft. „Wenn die Ware Arzneimittel nichts mehr Besonderes ist, braucht es nicht den Beruf des Apothekers“, ist sich Friese sicher. Daher müsse das Motto lauten: „Beraten können und beraten wollen.“ Friese bedauerte, dass das „beraten wollen“ in der Praxis nicht immer zufrieden stellend geschehe.

Die Apothekenzukunft schätzt Friese positiv ein: „Weltweit werden Apotheker gesucht.“ Zudem kämen zu den gewohnten Aufgaben eines Apothekers neue Berufsaspekte wie die Pharmaökonomie hinzu, die ihn in seiner Position weiter stärken. Die pharmazeutischen Kompetenzen des Apothekers würden somit mit wirtschaftlichen Gesichtspunkten verknüpft werden wie die Kosten-Nutzen-Abwägung von neuen Medikamenten. Den Apotheker definiert der ABDA-Präsident daher als einen ökonomisch versierten Heilberufler, der seine Priorität jedoch eindeutig auf den Heilberuf setze. „Unsere Zukunft wird pharmazeutisch entschieden“, betonte er.

Dr. Georg Hempel, Vorsitzender der Fachgruppe Klinische Pharmazie der DPhG, stellte die Bedeutung und Notwendigkeit dar, die Arzneimitteltherapie für den Patienten zu optimieren. In den Apotheken könne dies durch die Pharmazeutische Betreuung realisiert werden. Aber sie zeige nicht nur Vorteile für den Patienten, sondern ebenso für den Apotheker. „Die Pharmazeutische Betreuung ist ein wichtiges Mittel, um den Apotheker in der Öffentlichkeit als Arzneispezialist wahrnehmbar zu machen“, betonte der Pharmazeut.

Team Apotheker und Patient

Wie ein Apothekenleiter seine Mitarbeiter und Patienten erfolgreich für die Umsetzung der Pharmazeutischen Betreuung gewinnen kann, zeigte Bernd Dewald, Offizinapotheker aus Emmerich, in seinem Workshop auf. „Motivation ist der Schlüssel zum Erfolg“, ist er sich sicher. Dieses Ziel erreiche jedoch keiner mit der „Keule“, sondern mit guten Argumenten.

Die Pharmazeutische Betreuung sei ein Modell, bei dem der Pharmazeut sein Wissen optimal einsetzen und weiterentwickeln könne. Der daraus resultierende Erfolg mache zufrieden und motiviere. Zum anderen sei ein wichtiger Aspekt der Pharmazeutischen Betreuung die Kundenbindung. Darüber hinaus zeige sie positive Marketingeffekte wie Imagegewinn in Richtung Heilberuf und bedeute Konkurrenzvorteil gegenüber dem Versandhandel. „Wir können zwar nicht billiger, aber schneller. Darüber hinaus haben wir die direkte Kommunikation mit dem Patienten. Dies kann kein Callcenter leisten“, sagte Dewald. Ein grundlegender Schritt, um das Personal für die Pharmazeutische Betreuung zu begeistern, sei, das Apothekenteam in Entscheidungen zur Teilnahme und Planung mit einzubeziehen. Vertrauen und Übertragung von Verantwortung an Mitarbeiter seien weitere Schritte, die zum Ziel führen. Zum anderen gehöre die Anerkennung von Erfolgen ebenso dazu, als Fortbildungen des Personals zu fördern. Daraus resultiere eine Multiplikatorfunktion. Fortgebildete Mitarbeiter geben ihr Wissen an die anderen weiter, so dass jeder davon profitiere und die Arbeit im Team gestärkt werde.

Vor dem Start der Pharmazeutischen Betreuung habe sich das Proben an einem Modellpatienten als sinnvoll erwiesen. Darüber hinaus sei ähnlich wie beim Qualitätsmanagementsystem das Erstellen von Kommunikations- und Beratungsleitlinien hilfreich.

„Der Apotheker ist für den Patienten ein persönlicher Gesundheitscoach, der ihm hilft, mit seinen gesundheitlichen Problemen und seiner Krankheit umzugehen“, sagte Dewald. Vorteil der Apotheke sei es, eine ganzheitliche strukturierte Betreuung anzubieten, die sich nicht nur auf die Haupterkrankung beschränke. Darüber hinaus seien Apotheken für Patienten besser erreichbar als Arztpraxen, da diese zum Beispiel freitags nachmittags schon schließen würden. „Für einen Patienten ist die beste Motivation, an der Pharmazeutischen Betreuung teilzunehmen, der Leidensdruck“, stellte der Pharmazeut fest. Das Konzept biete ihm die Aussicht auf mehr Lebensqualität sowie auf Selbstbestimmung trotz der Erkrankung. Der Apotheker dürfe jedoch nie vergessen, dass der Patient über die Intensität und Kontinuität der Zusammenarbeit mit ihm entscheide und nicht umgekehrt.

Günstige Einstiegszeitpunkte der Pharmazeutischen Betreuung bei einem Kunden seien die Umstellung auf ein neues Medikament oder auf eine neue Darreichungsform, das Auftreten arzneimittelbezogener Probleme sowie die Diagnose einer neuen Erkrankung.

Der Krebspatient in der Apotheke

Der Krebspatient in der Apotheke und seine Betreuung während der Supportivtherapie waren Inhalt des Workshops von Dr. Elisabeth Kohrt von der Albert Schweitzer Apotheke in Düsseldorf. „Ohne Supportivtherapie sind Chemo-, intensive Chemo-, Strahlen- oder Immuntherapie nicht möglich, sie ist vielmehr Voraussetzung für diese Behandlungsformen“, sagte die Pharmazeutin. Am häufigsten würden supportive Maßnahmen in der palliativen Versorgung Tumorkranker benötigt. „In der Terminalphase sind sie oft die einzigen und daher wichtigsten Behandlungen der Patienten“, erklärte die Referentin. Wichtige Aufgabenbereiche der Supportivtherapie seien die antiemetische Therapie, Prophylaxe und Behandlung der Knochenmarkinsuffizienz und des Fatiguesyndroms, Schmerztherapie, Haut- und Schleimhautpflege sowie die Verbesserung der Lebensqualität.

Innerhalb der Pharmazeutischen Betreuung könne die Apotheke Betroffenen und Angehörigen wichtige Hilfestellungen geben. „Dazu gehört unter anderem die Mitgabe gezielter Informationen zur Schmerztherapie, zu Selbsthilfegruppen und Hospize sowie zu Ärzten für Naturheilverfahren“, sagte Kohrt. In Form von persönlichen Gesprächen oder telefonisch sei die Apotheke nicht nur wichtiger Ansprechpartner für arzneimittelbezogene Probleme, sondern biete Betroffenen eine wichtige Stütze und Halt in der schweren Zeit.

Zudem profitiere der Patient von dem engen Dialog mit dem Apotheker, da fehlendes Wissen über Begleiterscheinungen, die zum Beispiel bei einer Chemotherapie auftreten, ausgeräumt werden können. Daneben kann das Apothekenpersonal wertvolle Tipps über eine angepasste Ernährung vermitteln, um einem bestehenden Nährstoffmangel entgegenzuwirken. Ratschläge, was ein Patient gegen Mundtrockenheit tun kann, gehörten ebenso zu einer guten Betreuung wie Betroffenen die Angst vor Haarausfall nach einer Chemotherapie zu nehmen. Daneben erleichtern praktische Tipps den Alltag der Erkrankten. Zum Beispiel, wo in der Nähe Perücken zu erwerben sind oder wann und wo Make-up-Beratungen für Krebspatienten stattfinden. „Ziel ist es, ihr Selbstvertrauen zu fördern“, sagte Kohrt. Auch wenn die Aussichten noch so deprimierend und aussichtslos seien, dürfe den Patienten nie ihre Hoffnung geraubt werden.

 

Wochenendworkshops 2004 – eine ErfolgsgeschichteZAPP  In diesem Jahr fanden die Wochenendworkshops (WEWS) Patient & Pharmazeutische Betreuung neben Münster in Jena, Tübingen und Braunschweig statt. Damit ist diese ursprünglich regionale Initiative mittlerweile zu einem festen Bestandteil des Fortbildungsangebots aller 17 Landesapothekerkammern geworden. Über 1000 Apothekerinnen und Apotheker haben an den WEWS 2004 teilgenommen.

Um Anregungen der Teilnehmer bei der Organisation und den Inhalten aufnehmen und das Angebot noch weiter verbessern zu können, wurden die WEWS an allen vier Veranstaltungsorten evaluiert. Die Ergebnisse der Evaluation der ersten drei Wochenendworkshops liegen bereits vor. Im Mittelpunkt stand auch in diesem Jahr die Umsetzung der Pharmazeutischen Betreuung in den Apothekenalltag. Ein Großteil der Teilnehmer attestiert der Veranstaltung einen großen Praxisbezug (46 Prozent sehr gut und 50 Prozent gut) und beurteilt den persönlichen Nutzen mit sehr gut (42 Prozent) beziehungsweise gut (52 Prozent).

Die Ergebnisse der Evaluation zeigen die große Zustimmung der Teilnehmer. 98 Prozent bewerten die WEWS mit sehr gut bis gut und 95 Prozent wünschen sich in Zukunft ähnliche Veranstaltungen (4 Prozent: keine Angabe).

Daher werden 2005 wieder Wochenendworkshops angeboten, bei denen der Praxisbezug der Seminarthemen im Vordergrund stehen wird. Wir freuen uns darauf, Sie nächstes Jahr im Herbst in Frankfurt am Main, Halle an der Saale und Lübeck begrüßen zu dürfen.

   Top

© 2004 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa