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Pregabalin muss sich beweisen

13.09.2004
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PHARMAZIE

Epilepsie

Pregabalin muss sich beweisen

von Conny Becker, Berlin

Mit Pregabalin ist seit Anfang September ein neues Antiepileptikum auf dem deutschen Markt, das wie sein Strukturverwandter Gabapentin auch periphere neuropathische Schmerzen lindert. Experten sehen in der neuen Substanz einige Vorteile: Sie wirkt schnell, ist leicht zu handhaben, gut verträglich und kombinierbar.

„Etwa ein Drittel der Patienten mit Epilepsie zeigt eine Remission nur unter Therapie. Bei vielen Patienten muss man daher davon ausgehen, dass sie 20, 30 oder 40 Jahre lang ein Medikament einnehmen müssen“, informierte Professor Dr. Christian Elger von der Klinik für Epileptologie an der Universität Bonn auf der von Pfizer unterstützten Einführungspressekonferenz in Berlin. Daher sei es wichtig, in der Langzeittherapie nebenwirkungsarme Substanzen einzusetzen. Goldstandard seien weiterhin Valproinsäure und Carbamazepin. Neuere Antiepileptika wie Levetiracetam würden häufig kombiniert, um bei mehr Patienten eine Anfallsfreiheit zu erzielen. Auch wenn Pregabalin, das als Lyrica® zur Zusatztherapie von partiellen Anfällen mit und ohne sekundäre Generalisierung bei Erwachsenen zugelassen ist, nicht wesentlich besser wirke als andere Antiepileptika, so weise es doch eine günstige Pharmakokinetik auf: Es ist im Plasma nicht an Eiweiß gebunden, wird nahezu vollständig und nicht metabolisiert über die Niere ausgeschieden, zeigt keine Enzyminduktion und somit keine Interaktion mit dem hormonellen System, anderen Antiepileptika oder Medikamenten.

„Neue Antiepileptika sollen Vorteile außerhalb der Anfallskontrolle bieten, auch in der Gruppe der schwer behandelbaren Epilepsiekranken“, sagte der Neurologe. So beeinflusst Pregabalin kognitive Fähigkeiten nicht (wie etwa von Carbamazepin bekannt) und wirkt zudem antidepressiv beziehungsweise anxiolytisch, wie unpublizierte Studien zeigten. Da laut Schätzungen rund die Hälfte aller Patienten mit schweren Formen der Epilepsie unter Depressionen leidet, könne ein solcher Nebeneffekt den Therapieerfolg erhöhen. Die Compliance steige zudem dadurch, dass die Patienten nur zweimal täglich eine Hartkapsel (mit 25, 50, 75, 100, 150, 200 oder 300 mg Wirkstoff erhältlich) einnehmen müssen. „Wir haben eine Vielzahl von Patienten, die täglich 2 oder 3 g Gabapentin einnehmen. Das ist eine Hand voll Tabletten, damit sinkt die Compliance“, so Elger. Im Vergleich zu dem älteren GABA-Analogon brauche man bei Pregabalin nur ein Fünftel der Substanzmenge, da es eine höhere Bindungsaffinität zum Rezeptor aufweist.

Dosisabhängige Gewichtszunahme

„In einer Dosis von 150 mg pro Tag ist Pregabalin bereits deutlich wirksam“, klärte Professor Dr. Dieter Schmidt, niedergelassener Neurologe aus Berlin. Verdoppelte man diese Startdosis, so nahm in Studien die Frequenz fokaler Anfälle um weitere 10 Prozent ab, bei 600 mg pro Tag erneut um 10 Prozentpunkte. So konnte die Zusatztherapie mit 600 mg Pregabalin die Anfälle um rund 54 Prozent senken.

Dabei sei die Substanz gut verträglich. Die Nebenwirkungen der Zusatztherapie, wie Benommenheit (bei 29 Prozent), Müdigkeit (21 Prozent), Ataxie (13 Prozent) und allgemeine Schwäche (11 Prozent), waren meist leicht bis mittelschwer und in der Regel dosisabhängig. Allerdings nahmen 10 Prozent der Patienten innerhalb von drei Monaten mindestens 7 Prozent ihres Körpergewichts zu. Besonders ausgeprägt war die Gewichtszunahme bei der maximalen Dosierung (16 Prozent), wohingegen nur 5 Prozent der mit 150 mg Behandelten betroffen waren. Daher rät Schmidt, mit Tagesdosen von zweimal 75 mg zu beginnen.

Neuropathischer Schmerz gemildert

In der Behandlung von Patienten mit peripheren neuropathischen Schmerzen, das heißt, vor allem bei diabetischer Neuropathie und postzosterischer Neuralgie, ist das neue Antikonvulsivum ebenfalls wirksam, berichtete Professor Dr. Thomas Tölle von der Neurologischen Klinik der TU München. In Deutschland leiden etwa vier Millionen Patienten unter den von Läsionen oder einer Dysfunktion des peripheren Nervensystems hervorgerufenen Schmerzen. Eingesetzt werden neben Antidepressiva wie Amitriptylin oder Venlafaxin, Opiaten und Lidocain auch Antikonvulsiva – allen voran Gabapentin sowie die Natriumkanalblocker Carbamazepin und Oxcarbazepin.

„Wir haben zehn randomisierte kontrollierte Studien zu Pregabalin im Bereich neuropathischer Schmerz, die alle positiv sind. Das kann sonst keine Substanz aufweisen“, sagte Professor Dr. Ralf Baron von der Klinik für Neurologie der Universität Kiel. In den drei publizierten placebokontrollierten Studien mit mehr als 650 Patienten sei die Substanz wirksam und sehr gut verträglich gewesen. Hier spiele die Gewichtszunahme mit nur 3 Prozent keine signifikante Rolle, allerdings seien Ödeme aufgetreten, die im Verlauf der Therapie aber wieder verschwanden. Da Pregabalin keine Interaktionen mit anderen Medikamenten gezeigt habe, sei es besonders bei älteren, multimorbiden Patienten eine gute Alternative. Darüber hinaus konnte die Substanz den gestörten Schlaf der Patienten verbessern, der ein Problem bei Menschen mit neuropathischen Schmerzen ist.

„Wir haben hier einen sehr schnellen Wirkungseintritt“, beschrieb Baron einen weiteren Vorteil der Substanz. So wirke sie bereits nach Tagen signifikant besser als Placebo, wobei kein langsames Auftitrieren wie bei Gabapentin notwendig ist. In einer Dosierung von 150 bis 600 mg konnte Pregabalin innerhalb von zwölf Wochen bei rund der Hälfte der Patienten die Schmerzen halbieren (Placebo 25 Prozent). Daher sieht er vor, initial Pregabalin mit Tramadol oder Tilidin sowie eventuell Amitriptylin zu kombinieren. Top

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