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Nur noch einmal täglich

15.07.2002
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PHARMAZIE

Antiretrovirale Therapie

Nur noch einmal täglich

von Christina Hohmann, Barcelona

Die antiretrovirale Therapie verzeiht keine Fehler: Eine Compliance von über 95 Prozent ist für eine erfolgreiche Behandlung nötig. Möglichst einfache Therapieregime, am besten mit einmal täglicher Gabe der Medikamente, erhöhen die Compliance und steigern auch den Therapieerfolg.

Seit der 11. International Aids Conference 1996 in Vancouver ist die hoch aktive antiretrovirale Therapie (HAART) Standard in der Behandlung von HIV-Infizierten. Dabei sind die Regime zum Teil sehr kompliziert: Zu den mindestens drei Komponenten der Kombinationstherapie, die zu verschiedenen Zeitpunkten, mal zum Essen, mal nach dem Essen, eingenommen werden müssen, kommen noch verschiedene Substanzen, um Coinfektionen vorzubeugen. „Ein solch kompliziertes Regime überfordert selbst zwanghafte Gymnasiallehrer“, sagte Dr. Jörg Gölz, Leiter einer Schwerpunktpraxis HIV/Aids und Sucht in Berlin, während eines Satelliten-Symposium am Rande der 14. International Aids Conference in Barcelona. Daher ist eines der Hauptziele, die Einnahmevorschriften so weit wie möglich zu vereinfachen. Seit 1998 wurden die meisten Therapieregime auf zweimal täglich umgestellt und auch die Anzahl der Tabletten nach und nach reduziert.

Eine ART benötigt eine ausgesprochen hohe Motivation der Patienten: Liegt die Therapietreue unter 95 Prozent, sinkt die Wirksamkeit deutlich ab. Bei einer Compliance von 90 bis 95 Prozent, erreichen nur noch 64 Prozent der Patienten das Therapieziel, nämlich die Verminderung der Viruslast unter die Nachweisgrenze. Werden etwa 80 bis 90 Prozent der Einzeldosen korrekt eingenommen, ist die Therapie nur bei jedem zweiten Patient erfolgreich.

Dabei hängt die Compliance stark von der Anzahl der Einnahmezeitpunkte ab. Sie ist bei einer einmal täglichen Gabe deutlich höher als bei zweimal oder dreimal täglichen Applikation, berichtete Gölz. Allerdings sind zurzeit wenige antiretrovirale Substanzen zur Einmaldosierung zugelassen (siehe Tabelle). Mitte nächsten Jahres soll mit Atazanavir der erste Protease-Inhibitor (PI) zur einmal täglichen Gabe auf den Markt kommen, berichtete Dr. Franz Peter Kesseler, Leiter der Geschäftseinheit HIV/Virologie des Herstellers Bristol-Myers Squibb. Damit gibt es in allen Substanzklassen einmal täglich zu nehmende Arzneistoffe, mit denen alle gebräuchlichen Kombinationen abgedeckt werden können. Goldstandard der ART ist zurzeit die Kombination aus zwei nukleosidischen Reverse Transkriptase Inhibitoren (NRTI) und einem nicht nukleosidischen RTI (NNRTI). Bei auftretenden Resistenzen oder starken Nebenwirkungen wird häufig auf ein Regime aus zwei NRTI und einem Proteasehemmer gewechselt. Diese Kombination wird durch Atazanavir in Zukunft auch zur einmal täglichen Gabe zur Verfügung stehen.

 

Antiretrovirale Substanzen zum einmal täglichen Gebrauch

Nukleosidische Reverse Transkriptase Inhibitoren (NRTI) Abacavir (ABC), Glaxo Wellcome (GW)
Didanosin (ddI), Bristol-Myers Squibb (BMS)
Lamivudin (3TC), GW
Stavudin (d4T), BMS (voraussichtlich ab Herbst 2002) Nukleotidische Reverse Transkriptase Inhibitoren (NtRTI) Tenofovir (TF), Gilead Nicht nukleosidische Reverse Transkriptase Inhibitoren (NNRTI) Efavirenz (EFV), BMS
Nevirapin (NVP), Boehringer Ingelheim Protease-Inhibitoren (PI) Atazanavir (ATZ), BMS (voraussichtlich ab Mitte 2003)

 

Toxizität senken

Grund für die mangelnde Therapietreue ist neben den komplizierten Regimen die Langzeit-Toxizität der ART. Vor allem die als Lipodystrophie bekannte Störung des Fettstoffwechsels mit sichtbarer Umverteilung des Körperfetts, macht den Patienten zu schaffen, da sie sie als HIV-positiv stigmatisiert. Besonders Proteaseinhibitoren wird diese Nebenwirkung zugeschrieben. Die neue Substanz Atazanavir scheint den Lipidstoffwechsel weniger zu beeinflussen als bisheige Protease-Inhibitoren, berichtete Privatdozent Dr. Jürgen Rockstroh von der Medizinischen Universitätsklinik und Poliklinik Bonn: Erste klinische Studien mit dem Protease-Hemmer in Kombination mit zwei NRTI im Vergleich zum häufig verwendeten Protease-Hemmer Nelfinavir zeigten, dass sich die Triglycerid- und Cholesterol-Konzentrationen im Blut unter Atazanavir kaum veränderten. Bei den Patienten, die die Nelfinavir-Kombination erhielten, stiegen die Blutfettwerte dagegen deutlich an, so Rockstroh. Auch die häufigen gastrointestinalen Nebenwirkungen – vor allem Durchfall – traten unter Atazanavir-Therapie signifikant weniger auf als unter Nelfinavir.

Den Luxus, über Vereinfachungen und Beseitigung der Langzeit-Toxizität nachzudenken, kann man sich laut Rockstroh nur erlauben, weil die heutige antiretrovirale Therapie so erfolgreich ist. Dies dürfe allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass immer noch Forschungsbedarf besteht. Die Entwicklung neuer Substanzen ist dringend notwendig, wie die zunehmenden Resistenzen gegenüber gängigen antiretroviralen Therapeutika belegen. Bei fast 50 Prozent der zurzeit behandelten HIV-Patienten weisen die Viren zumindest gegen eines der eingesetzten Medikamente Resistenzen auf. Außerdem besitzen bereits 20 Prozent der neu diagnostizierten HIV-Positiven resistente Viren. Daher ist es wichtig, sowohl neue Substanzen der bekannten Klassen als auch ganz neue Stoffklassen, wie zum Beispiel Eintritts-Inhibitoren, zu entwickeln. Top

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