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Immunmodulator gegen Basalzellkrebs

19.05.2003  00:00 Uhr

PHARMAZIE

Heller Hautkrebs

Immunmodulator gegen Basalzellkrebs

von Gudrun Heyn, Berlin

Oft ist bei Hautkrebs die chirurgische Entfernung indiziert. Ein Immunmodulierender Wirkstoff könnte nun beim Basaliom und bei aktinischer Keratose Operationen überflüssig machen. Auch eine Narbenbildung scheint auszubleiben.

Während inzwischen allgemein bekannt ist, dass exzessives Sonnenbaden zu schwarzem Hautkrebs – dem malignen Melanom – führen kann, werden andere Hautkrebsarten, nämlich Stachel- und Basalzellkrebs, meist vergessen. Dabei treten diese Krebsarten, die auch als “heller Hautkrebs” bezeichnet werden, ungleich häufiger auf als das maligne Melanom. Jährlich werden in Deutschland rund 120 000 Neuerkrankungen entdeckt.

Viel versprechende Ergebnisse bei der Behandlung des Basalzellkrebs (Basaliom) zeigte der Immunmodulator Imiquimod. „Die Entdeckung von Imiquimod würde ich auf die Stufe von Kortison oder Antibiotika setzen“, sagte Professor Dr. Eggert Stockfleth von der Charité in Berlin auf der jüngsten Tagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft in Berlin.

Zugelassen ist Imiquimod seit einigen Jahren zur topischen Behandlung von Feigwarzen (Condylomata acuminata). In präklinischen Studien wurde gezeigt, dass die Applikation von Imiquimod zu einer gesteigerten Produktion der beiden Th-1 Zytokine Interferon-alpha (IFN-a) und Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-a) in der Dermis führt. Die zellvermittelte Immunantwort in der Haut wird hochreguliert. „Der Immunmodulator wirkt auf virusinfizierte Zellen, Tumorzellen und Lymphome“, sagte Stockfleth.

Eine komplette Abheilung aktinischer Keratosen wurde bei 84 Prozent der Patienten in einer Doppelblindstudie beobachtet. Die betroffenen Hautareale dieser Patienten wurden über zehn Wochen zwei- bis dreimal wöchentlich mit 5 Prozent Imiquimod Creme behandelt. Nur zehn Prozent der Patienten zeigten ein Jahr nach Behandlung ein Rezidiv.

Die aktinische Keratose, auch Lichtschwiele genannt, ist eine Krebsvorstufe, an der circa 15 Prozent der Bevölkerung leidet. In der Regel entsteht sie erst 10 bis 20 Jahre nach chronischer UV-Einwirkung, so dass die betroffenen Menschen meist älter als 45 Jahre sind. In der Altersgruppe der über 60-Jährigen gehen die Experten inzwischen davon aus, dass jeder zweite Bundesbürger unter der Präkanzerose leidet. „Je heller die Haut und je länger die Sonneneinstrahlung, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit zu erkranken und desto stärker ist auch das Krankheitsbild“, sagte Stockfleth.

Unbehandelt entwickelt sie sich bei 10 bis 20 Prozent der Patienten zum Spinaliom (Stachelzellkrebs) weiter, welches in jedem zehnten Fall tödlich endet. Beim Spinaliom sind die Tumorzellen bereits in tiefere Hautschichten vorgedrungen. Dagegen entsteht das Basaliom meist als kleines Knötchen mit glatter Oberfläche. In Deutschland erkranken pro Jahr im Durchschnitt 70.000 Menschen an diesem Hautkrebs. Im fortgeschrittenen Stadium befallen Basal- und Stachelzellkrebs Knorpel und Knochen. Während das Basaliom örtlich begrenzt wächst, kann das Spinaliom die Lymphknoten befallen und Metastasen bilden.

Für die Entwicklung eines Hautkrebses sieht Professor Dr. Reinhard Dummer vom Universitätsspital Zürich gleich mehrere Ursachen. Neben der genetischen Disposition spielen Umweltfaktoren eine Rolle, wie der Anstieg der UV-Belastung in den letzten Jahrzehnten. Insbesondere sei jedoch das seit den 70er-Jahren veränderte Freizeitverhalten für die stetig steigenden Krankheitszahlen verantwortlich. „Die im Jahr 2000 geborenen Kinder haben eine Chance von 100 Prozent, dass die Haut Krebs entwickelt“, sagte der Dermatologe. Sonnenschutzmittel sollten daher mindestens einen Lichtschutzfaktor über 20 aufweisen.

Zu den gängigen Methoden der Hautkrebsbehandlung gehören Exzision, Laserabtragung, Entfernen mit Kürettage, Kryotherapie und elektrische Desikkation. Eingesetzt wird auch das Zytostatikum 5-Fluorouracil. „Durch diese im wahrsten Sinne des Wortes oft einschneidenden Maßnahmen können oft nicht alle entarteten Zellen entfernt werden, so dass etwa Keratosen später erneut aufflackern und sich unerkannt zu Tumoren entwickeln können“, sagte Stockfleth. Außerdem seien die gängigen Therapieverfahren oftmals schmerzhaft und hinterließen Narben. Besonders im Gesicht sei dies beeinträchtigend und belastend. „Imiquimod bringt das tumoröse Gewebe zum narbenfreien Abheilen“, informierte Dummer.

Zu den kosmetisch schonenderen Behandlungen zählt die Therapie mit Röntgenweichstrahlen und die erst seit einigen Monaten zugelassene photodynamische Therapie mit dem Lichtsensibilisator Methyl-(5-amino-4-oxopentanoat). Erstere hat den Nachteil, dass während der Therapie die Patienten häufig über weite Strecken immer wieder anreisen müssen, bei letzterer stehen Langzeiterfahrungen noch aus.

„Bei aktinischen Keratosen ist das gesamte Areal um die verhornten Hautstellen häufig ebenfalls geschädigt“, sagte Stockfleth. Hier sieht der Dermatologe einen wesentlichen Vorteil von Imiquimod: körpereigene lokale Abwehrkräfte werden aktiviert, so dass entartete Hautzellen erfasst und zum Absterben gebracht werden. Dies zeige sich deutlich während der Behandlung, „denn durch die ausgelöste Entzündung wurden bei einigen Personen auf einmal benachbarte Keratosen sichtbar, die zuvor nicht erkennbar waren“, sagte der Mediziner. Subklinische Tumore werden mittherapiert. Allerdings wirke die Creme nur dort, wo man sie aufträgt. Basalzellen, die daneben liegen, reagierten nicht mit. Die gezielte Anwendung sei somit möglich.

Im Verlauf der Anwendung von Imiquimod kommt es nach einigen Tagen zu Irritationen der behandelten Hautstellen. In der Studie wurden Rötung, Schwellung, Blasenbildung, Erosion, Ulzeration und Verschorfung beobachtet. „Die Entzündung der Haut zeigt, dass die Therapie anschlägt“, so Stockfleth. Wichtig sei es deshalb, die Patienten auf den Juckreiz oder das Brennen vorzubereiten. „Die Compliance wird daher auch die große Schwäche in der Behandlung von oberflächlichen Tumoren mit Immunmodulatoren sein“, sagte Professor Dr. Michael Landthaler von der Universität Regensburg. Dass in Zukunft Patienten acht bis zwölf Wochen lang ihre Krebstherapie mit einer Creme zu Hause durchführen, sieht der Experte eher kritisch. Allerdings räumt er ein, dass für Patientengruppen, die unter immunsuppressiver Therapie stehen, wie etwa nach einer Nierentransplantation, durchaus Vorteile bestehen.

„Nicht anwenden würde ich Imiquimod bei sehr kleinen Tumoren“, sagte Stockfleth. Der primäre Weg sei es dort, den Tumor wegzunehmen und damit Untersuchung und Behandlung in einem Schritt durchzuführen. Bei aktinischer Keratose und superfiziellen Basaliomen sei allerdings der Immunresponsemodifier die Therapie seiner Wahl. Nur bei nodulären Basaliomen würde er die operative Entfernung vorziehen.

Kritisch ist auch die Anwendung von Imiquimod bei Patienten, bei denen die Immunabwehr sowieso hoch aktiviert ist, wie etwa bei der Schuppenflechte. „Bei der Applikation von Imiquimod würde die Immunantwort explodieren“, so Stockfleth. Die Wirkung bei Neurodermitikern ist derzeit Gegenstand weltweiter Studien. Bereits Ende des kommenden Jahres wird mit der Zulassung des Immunmodulators zur Hautkrebstherapie gerechnet. Top

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