Pharmazeutische Zeitung online

Visionen, Geduld und Zusammenarbeit

03.03.2003  00:00 Uhr

PHARMAZIE

Patient und Pharmazeutische Betreuung

Visionen, Geduld und Zusammenarbeit

von Christiane Berg, Hamburg

„Voneinander lernen“ lautete einer der Appelle des zweiten Workshopwochenendes „Patient und Pharmazeutische Betreuung“ am 1. und 2. März. Rund 200 Teilnehmer informierten sich in Hamburg, wie sie die Idee der Klinischen Pharmazie und Pharmazeutischen Betreuung im Apothekenalltag umsetzen können und was sich dabei von den Vorbildern Niederlande, Schweiz oder den USA abschauen lässt.

„Da lässt sich sehen, wie wir es machen können“, sagte Ann Snyder-Strohkirch aus Bonn. Die Apothekerin amerikanischer Abstammung kennt sich auf dem Gebiet der Klinischen Pharmazie aus: 50 Prozent ihrer Zeit arbeitet sie in einem Bonner Krankenhaus. Die verbleibenden Stunden nutzt sie, das in der Klinik gewonnene Wissen Studenten und Apothekern in der Fortbildung zu vermitteln.

Begeisterung motiviert

„Bei politischem und meteorologischem Regenwetter“ hatte der Präsident der Apothekerkammer Hamburg, Dr. Hans-Jochen Gelberg, im Namen von Dr. Richard Klämbt, Präsident der Apothekerkammer Bremen, Magdalene Linz, Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen, und Volker Articus, Präsident der Apothekerkammer Schleswig-Holstein, circa 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Großen Hörsaal des Chemischen Institutes der Universität begrüßen können.

Gelberg zeigte sich erfreut über die große Resonanz und den Erfolg der Veranstaltung, den bereits das Auftaktwochenende am 22. und 23. Februar in Würzburg demonstriert hatte. Diese Begeisterung motiviere. Der Kammerpräsident dankte nicht nur den benachbarten Apothekerkammern, sondern auch dem Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA und den Sponsoren sowie Professor Dr. Hans- Jürgen Duchstein, Leiter der DPhG-Landesgruppe Hamburg und Repräsentant des Pharmazeutischen Institutes der Universität Hamburg, für die gelungene Kooperation. Als „Hausherr“ hatte Duchstein Räume für die zahlreichen Vorträge und Seminare (siehe PZ 9/03, Seite 18) zur Verfügung gestellt.

Vieles in Bewegung gekommen

„Es gibt viele Schön-Wetter-Segler, nun zeigt sich, wer auch Brecher vertragen kann“, so Gelberg mit Verweis auf die wirtschaftlich schweren Zeiten für Apotheker. Er ermutigte die Kolleginnen und Kollegen nicht aufzugeben, sondern aktives Krisenmanagement und vor allem Fortbildung zu betreiben. „Sie können nichts besseres tun – für sich und den ganzen Stand“, unterstrich der Kammerpräsident. In Anlehnung an den Werbespruch eines japanischen Unternehmens „Senken Sie die Kosten – oder Sie sind gefeuert. Senken Sie die Ansprüche – und Sie sind geliefert“ plädierte Gelberg dafür, die das gewohnt hohe Niveau in der Pharmazie aufrechtzuerhalten. „Investieren Sie in die Zukunft durch Stärkung Ihrer Persönlichkeit“, so lautete sein Rat an die Kolleginnen und Kollegen.

Zur Zukunftssicherung lasse sich bereits bestehendes Wissen nutzen, führte Snyder-Strohkirch im Anschluss aus. Schon in den vergangenen Jahren sei in der deutschen Pharmazie vieles in Bewegung gekommen. Mit der Umsetzung der Pharmazeutischen Betreuung werde in der Bundesrepublik eine Entwicklung vollzogen, die in anderen Ländern schon früher eingesetzt hat. Bei der flächendeckenden Einführung pharmazeutischer Dienstleistungen hätten sich vor allem Zeitnot, Wissensmangel, fehlende Vergütung und mangelnde Akzeptanz der Ärzte als größte Schwierigkeiten herauskristallisiert.

Verzahnung von Theorie und Praxis

Wie die in niederländischen Krankenhausapotheken und Offizinen praktizierte Pharmazeutische Betreuung zeige, lasse sich das Problem der Zeitnot im Apothekenalltag durch eine bessere Aufgabenverteilung, intensive Nutzung der Computer-Technologie und Einbindung von Studenten lösen. Auch in den USA habe die erfolgreiche Verzahnung von Theorie und Praxis sowie Umsetzung so genannter „Orientation to Medicines“-Programme zur Etablierung von „Satellitenapotheken“ in Krankenhäusern geführt. Diese seien dort unter anderem für die Kontrolle von Verordnungen zuständig, sie dienen als Arzneimittelinformationsstelle und erstellen Arzneimittelanamnesen bei der Neuaufnahme von Patienten. Nicht zuletzt die Dokumentation und Führung von Medikationsprofilen trage zur Entlastung des Pflegepersonals bei.

Stichwort Vergütung: Snyder-Strohkirch machte deutlich, dass nicht nur die Krankenkassen, sondern auch die Kunden zum großen Teil selbst zahlen wie in Neuseeland auch in den USA. In der Schweiz gäbe es seit 2001 eine leistungsorientierte Abgeltung, um die Apothekervergütung vom Arzneimittelpreis unabhängig zu machen. Das Argument der mangelnden Akzeptanz der Ärzte könne sie nicht gelten lassen. Im Gegenteil: Vielen Ärzten sei das Problem der unzureichenden Arzneimittelsicherheit bewusst. Sie würden gern auf die Fähigkeiten der Apotheker zurückgreifen, unterstrich die Referentin. Bereits heute gäbe es Mediziner, die in Ihren Praxen Apotheker zur Pharmazeutischen Betreuung der Patienten oder Unterrichtung des Pflegepersonals einstellen.

Nachfrage hervorrufen

Die 3,5 bis 4 Millionen Kundenkontakte pro Tag sowie zahlreiche Möglichkeiten der Aus-, Fort- und Weiterbildung seien Chancen der Apotheker, die es zu nutzen gilt, so Snyder-Rothkirch. Nicht zuletzt die University of Florida untersuche derzeit in Zusammenarbeit mit den Apothekerkammern Bayern und Nordrhein in einem Modell die Durchführbarkeit eines dreijährigen Fernstudiums für deutsche Pharmazeuten. Bereits jetzt sei es möglich, sich in dieses Projekt zu integrieren. Langfristig solle das Konzept als dauerhaftes Angebot etabliert werden.

Zur politischen Aufbruchstimmung rief Dr. Martin Schulz, Leiter des ZAPP in Berlin, auf: „Wir müssen die Nachfrage für Pharmazeutische Betreuung fördern und diese anbieten, bevor Patienten, Krankenkassen, Politik oder auch Ärzte danach fragen.“ Dabei bestünde für die Apotheker allerdings ein Problem: „Wir können sie erst breit anbieten, wenn die Nachfrage stimmt“, so der Referent. Zur Lösung dieses „Dilemmas“ und „Marketingproblems“ sei die Weiterentwicklung der selbstständigen öffentlichen Apotheke zur Hausapotheke voranzutreiben.

Segel und Zeichen setzen

„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen setzen Segel. Es kann nur darum gehen, keine Mauern zu bauen, sondern hoffnungsvoll aufs Meer der Möglichkeiten zu fahren“: Diese Erkenntnis von Dr. Uwe Hoppenworth, Osnabrück, der wie in Würzburg gemeinsam mit der Psychologin Christina Sokol, Hildesheim, zur „Kreativität in der Begegnung“ aufforderte, ist seit jeher Prämisse des Vorsitzenden des Landesapothekerverbandes und ABDA-Vizepräsidenten, Heinz Günter Wolf, Hemmoor. Als treibende Kraft hat er die Einbindung von Apotheken in Disease-Management-Programme durch Entwicklung des Hausapothekenmodells, wie es in Niedersachsen gemeinsam mit der BKK praktiziert wird, vorangetrieben.

Auch in Hamburg plädierte Wolf für „ die wohnortnahe Apotheke als Vollversorger und pharmazeutischer Betreuer“. Der ABDA-Vizepräsident warnte vor Einführung des Versandhandels und Etablierung von Callzentren, die mit der Trennung des Arzneimittels von der Pharmazeutischen Betreuung einhergehen. „Als Teil des Qualitätsmerkmals der Versorgung ist die untrennbare Einheit des Arzneimittels und der persönlichen pharmazeutischen Betreuung zu belassen“, so lautete seine Forderung.

Einmal mehr betonte Wolf, dass die Pharmazeutische Betreuung nicht apothekenpflichtig ist. Angesichts der großen Konkurrenz und der „unvorstellbaren Dynamik im Geschehen“ müsse der Apotheker besonders wachsam sein. „Unsere Chancen sind gut, aber es liegt noch viel Arbeit vor uns“, erklärte Wolf und rief zu „Sorgfalt, Fingerspitzengefühl und Augenmaß“ auf. Durch Einschreiben von Patienten in DMPs und Hausapotheken entstehe für Pharmazeuten die Pflicht zur Fortbildung. Zertifizierte Versorgungsqualität werde zukünftig die Regel sein. Der Service der Apotheke werde fortan als Anspruch festgeschrieben.

Bislang wurden in Verträgen mit den Krankenkassen nur kaufmännische Aspekte geregelt. Erstmals werden nunmehr auch Dienstleistungen der Apotheker beschrieben und honoriert. Dies wird dazu beitragen, die Wahrnehmungsprobleme der Öffentlichkeit und der Politik zu lösen, zeigte Wolf sich zuversichtlich. Unter Beifall des Auditoriums dankte Dr. Jens Schneider, Augsburg, dem obersten Repräsentanten des Landesapothekerverbandes Niedersachsen für seine „enormen zukunftsweisenden Leistungen“. Segel und Zeichen sind gesetzt. Top

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