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DAB-Semester im neuen Gewand

14.02.2000  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-VerlagPHARMAZIE IN MARBURG

DAB-Semester im neuen Gewand

von Peter Imming, Marburg

Im Jahr 2001 soll die neue Approbationsordnung in Kraft treten. So sagt es der "Referentenentwurf einer Zweiten Verordnung zur Änderung der Approbationsordnung für Apotheker", den Interessierte unter anderem auf den Internet-Seiten des Bundesministeriums für Gesundheit nachlesen können (1). Am ausführlichsten wird derzeit die Definition und Einführung des Fachs "Klinische Pharmazie" diskutiert. Daneben sollten aber andere Fächer und damit Tätigkeitsgebiete der Pharmazeuten nicht vergessen werden.

Apotheker zu sein beinhaltet, sich insbesondere mit der Entwicklung und Herstellung von Arzneistoffen und Arzneimitteln auseinanderzusetzen. Das ist nicht nur ein spannender und herausfordernder Aspekt von Studium und Beruf, sondern damit verwirklichen wir teilweise unseren Auftrag, die Arzneimittelversorgung sicherzustellen.

Die Verwendbarkeit eines Arzneimittels ruht auf drei Säulen: seiner Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit. Qualität ist in §4 des Arzneimittelgesetzes als "die Beschaffenheit eines Arzneimittels" definiert, "die nach Identität, Gehalt, Reinheit, sonstigen chemischen, physikalischen, biologischen Eigenschaften oder durch das Herstellungsverfahren bestimmt wird". Damit sind alle Lehrveranstaltungen angesprochen, die sich mit der Synthese, Analytik und Herstellung von Arznei- und Hilfsstoffen und Arzneimitteln beschäftigen.

Wir wollen eine dieser Lehrveranstaltungen aufgreifen, nämlich aus dem Stoffgebiet H, "Medizinische Chemie und Arzneistoffanalytik", die "Arzneistoffanalytik unter besonderer Berücksichtigung der Arzneibücher (Qualitätskontrolle und –sicherung bei Arzneistoffen)". Die in Klammern gesetzten Begriffe des Untertitels sind eigentlich diejenigen, die bei dieser Thematik heutzutage am häufigsten genannt werden. Komplementär wird Qualitätssicherung auch in Stoffgebiet F erwähnt für die "Herstellung und Prüfung von Arzneimitteln„. Zudem sollen vermehrt schon im Grundstudium Methoden der Arzneibücher gelehrt werden, nämlich in der qualitativen, quantitativen und instrumentellen Analytik.

Was bleibt für die genannte "Arzneistoffanalytik unter besonderer Berücksichtigung der Arzneibücher"? Was ist hier sinnvollerweise zu unterrichten? Wie kann das "DAB-Semester" weiterentwickelt werden? Im Folgenden soll das in Marburg in den letzten zwei Jahren eingeführte Modell kurz geschildert werden.

Qualitätsmanagement

Welchen Stellenwert hat das Arzneibuch heutzutage? Drei Arzneibücher spielen in unserem Wirtschaftsraum eine Rolle. Das DAB ist seit 1997 auf etwa ein Viertel seiner Dicke geschrumpft. Auch die in Deutschland wichtigen Methoden und Stoffe sind inzwischen fast komplett – soweit überhaupt monographiert – ins Europäische Arzneibuch gewandert. Die Ph. Eur. erscheint derzeit in der dritten Auflage mit Grundband 1997 und jährlichen, jeweils kumulierten Ergänzungsbänden (2). Sie versucht den Spagat zwischen Arzneimittelhersteller und Offizin.

Als drittes ist die United States Pharmacopoiea zu nennen. Ihre 24. Ausgabe, die 2000 in Kraft tritt, hat international große Bedeutung. Im Gegensatz zu ihren älteren Ausgaben ist die USP 2000 in den USA als Normwerk gesetzlich voll verankert, hat in spanischer Übersetzung Gültigkeit für den südamerikanischen Markt und etabliert sich im asiatischen Raum (3). Ihre große Akzeptanz in Industriekreisen ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass sie im Unterschied zur Ph. Eur. auch Zubereitungen monographiert.

Alle drei Arzneibücher sind wesentliche Bausteine eines größeren Ganzen, das oft mit dem Schlagwort "Qualitätsmanagement" (QM) umschrieben wird. Dieser Begriff und die verwandten "Qualitätssicherung" (QS) und "Qualitätskontrolle" (QC) werden unterschiedlich definiert (4).

Man kann QM als Überbegriff verwenden und QS auf die Herstellung und QC auf die Analytik beziehen. Diese Einteilung wird im Arzneimittelgesetz (AMG) vorgenommen. Sein achter Abschnitt trägt die Überschrift "Sicherung und Kontrolle der Qualität" (§§54 bis 56). Die Qualitätssicherung, also Herstellung, Abgabe et cetera, wird näher über die Betriebsverordnungen auf Basis des §54 reguliert, was die internationalen GMP-Richtlinien über den EG-Leitfaden einer Guten Herstellungspraxis einschließt. Der Aspekt der Qualitätskontrolle wird über §55 durch die Arzneibücher als normierende Institutionen näher geregelt.

Die "DAB-Analytik" ist heutzutage als in diesen Rahmen eingebettet zu vermitteln, mit Blick auf das Ganze des QM und auf die Herstellung (Synthese, Galenik). Bei der eigentlichen Analytik wird es darum gehen, das naturwissenschaftliche und analytische Wissen, das im Grundstudium erworben wurde, auf verschiedene Arznei- und Hilfsstoffe anzuwenden. Es gilt also das analytische Instrumentarium zu überschauen und anzuwenden, besonders die Arzneibuchmethoden. Dabei kann im Wesentlichen auf im Grundstudium Erlerntes zurückgegriffen werden, das Material also sehr gestrafft dargeboten werden.

Der Stoffkatalog des fünften Semesters in Marburg (5) versucht einen Rahmen für die konkrete Vermittlung der genannten Inhalte und Ziele zu geben (siehe Kasten).

Punkt 11 dieses Stoffkatalogs erweitert die gängige analytische Stoffcharakterisierung um einen Aspekt, der für die moderne Arzneistoff-Entwicklung von erheblicher Bedeutung ist. Da das Stoffgebiet H des Entwurfs der Approbationsordnung "Medizinische Chemie und Arzneistoffanalytik" zusammenfasst, ist die stabilitäts-, resorptions- und insbesondere wirkungsbezogene Arzneistoffanalytik zum Teil hier anzusiedeln.

Die experimentelle Bestimmung und theoretische Berechnung von Stoffcharakteristika wie Löslichkeit, log D, pK, Reaktivität, lipophile und elektrostatische Oberflächen und ähnlichem ergänzt die analytische Charakterisierung hinsichtlich Identität, Reinheit und Gehalt um einen wichtigen weiteren Aspekt, den man als Typisierung bezeichnen könnte.

Im eigentlichen Praktikum ist das Ziel, eine vernünftige Balance zu finden. Einerseits ist eine ausreichende Methodenvielfalt zu gewährleisten, die den Stoff des Grundstudiums nicht wiederholt, aber ergänzt und vertieft, und die wichtigsten Arzneistoffe berücksichtigt. Als Hilfestellung bei der Auswahl der letzteren haben wir auf die WHO-Liste unentbehrlicher Arzneimittel zurückgegriffen, und daraus wiederum eine Auswahl erstellt (6). Andererseits sollte bei der Analysendurchführung die Validierung Eingang finden. Analysenergebnisse müssen nicht nur "gekocht", sondern mit der im Ernstfall geforderten Methodik abgesichert werden.

Informationsmanagement

"Es gibt über 50000 Medikamente – und Ihr Apotheker kennt sie alle." Dieser Slogan wurde von der ABDA-Imagekampagne benutzt. Er stimmt nur dann, wenn "kennt" wie folgt zu verstehen ist: Der Apotheker weiss, woher er Informationen über jedes beliebige Arzneimittel oder jeden Arzneistoff bekommen kann. Also müssen im Studium und im Praktischen Jahr Kenntnisse über wichtige Nachschlagewerke und Datenbanken sowie deren Bewertung und Zuverlässigkeit erworben werden.

Das 5 Semester ist dafür ein guter Einstieg. Erstens liegt es am Anfang des Hauptstudiums. Der Umgang mit Literatur, die nicht Lehrbuch oder Skript ist, wird spätestens jetzt erforderlich. Zweitens führt das Thema "Qualitätsmanagement von Arzneistoffen" ohnehin mit sich, dass etliche Norm- und Nachschlagewerke angesprochen und benutzt werden. Deshalb haben wir das praktische Pensum dahingehend modifiziert, dass die Studierenden anstelle einer Laboranalyse ein "Arzneistoff-Dossier" erstellen. Ausgegeben wird ein möglichst neuer Wirkstoff, der vor kurzem in die Therapie eingeführt wurde oder sich am Ende der Entwicklung befindet (INN oder Firmencode).

Für diesen Stoff müssen in eine Datenmaske Angaben zu seiner Synthese, Erstpatentierung, pharmakologischen und therapeutischen Klassifizierung, Analytik, Toxizität, sein Handelsname et cetera eingegeben werden. Alle Angaben müssen durch kopierte Literatur belegt werden. Besonders wichtig ist die Suche nach Monographien und Übersichtsartikeln. Weiterhin wird die chemische Formel gezeichnet, und die Struktur mit einem einfachen Kraftfeldprogramm minimiert.

Die Datensätze einschließlich Literatur sowie zwei- und dreidimensionalen Formeln werden von uns in einer Datenbank, der sogenannten "WisDa" (Wirkstoff-Datenbank), zusammengefasst. Alle Informationen können dann über das Internet unter der Adresse http://pc16154.pharmazie.uni-marburg.de/wisda/index.html abgerufen werden (7). Um die Molekülstrukturen darzustellen, benötigt man das Browser-Plugin Chemscape Chime. Pro Semester kommen circa 40 Datensätze hinzu. Im Oktober 1999 lagen 173 Datensätze vor. Pro Monat erfolgen circa 1000 Zugriffe aus aller Welt auf unser Angebot.

Um die Dossiers zusammenzustellen, müssen die Studenten wichtige gedruckte und elektronische Nachschlagewerke und Datenbanken benutzen. Dazu werden sie in Referaten eingeführt, die zum größten Teil Studierende selbst halten. Neben unverzichtbaren Datenbanken wie Chemical Abstracts und Medline wird sich die Auswahl an den Gegebenheiten vor Ort orientieren, ebenso die vorgestellten Wege der Literaturbeschaffung. Außerdem werden Werke den Vorzug erhalten, die zum Thema Qualitätssicherung und Arzneistoffanalytik gehören.

Mit diesen Veränderungen wurde die Lehrveranstaltung auf einen aktuellen Stand gebracht. Die Studierenden erarbeiten sich durch ihre Vorlesungsmitschrift, die zahlreiche weiterführende Literaturangaben einschließt, ein kleines Kompendium über Qualitätsmanagement und Arzneistoffanalytik. Gleichzeitig werden sie adäquat auf die entsprechenden Themen des Prüfungsstoffes der Pharmazeutischen/Medizinischen Chemie der neuen Approbationsordnung vorbereitet.

Danksagung

Mein Dank gilt den unter http://pc16154.pharmazie.uni-marburg.de/semv/index.html genannten Firmen für ihre Unterstützung des Marburger Modells des fünften Semesters mit gedruckten und elektronischen Nachschlagewerken und anderen Sach- und Finanzmitteln sowie den unter http://pc16154.pharmazie.uni-marburg.de/semv/gastvortraege.html genannten Fachleuten für ihre Mithilfe in Form von Gastvorträgen. Mein Dank gilt auch den Kollegen im Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Münster, insbesondere Prof. G. Blaschke und Dr. M. Jung, für die derzeitige Unterstützung bei der modifizierten Einführung des geschilderten Modells in Münster.

Anschrift des Verfassers:
Privatdozent Dr. Peter Imming,
Institut für Pharmazeutische Chemie,
Philipps-Universität,
35032 Marburg und

Institut für Pharmazeutische Chemie,
Westfälische Wilhelms-Universität,
48149 MünsterTop

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