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Sammeln, Dokumentieren, Bewahren

29.09.2003
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PHARMAZIE

Sammeln, Dokumentieren, Bewahren

 

von Axel Helmstädter, Sinaia

Erstmals veranstaltete die Internationale Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (IGGP) ihren Kongress in Rumänien. Im karpatischen Kurort Sinaia diskutierten 270 Teilnehmer 100 Kongressbeiträge, die sich mit den wichtigsten Säulen historischer Forschung befassten: der gegenständlichen Überlieferung und dem Erschließen schriftlicher Quellen.

In einem Plenarvortrag beschrieb Professor Dr. Christoph Friedrich aus Marburg die wesentlichen Arbeitsgrundlagen des Historikers. In der Praxis dominiert die Auswertung von Schriftquellen über die Realienkunde. Unter den Schriften stehen Veröffentlichungen von Wissenschaftlern und Zeitzeugen an erster Stelle. Dabei spielen neben Materialien pharmazeutischen Charakters auch Schriften von Ärzten und Chemikern eine Rolle. Offizielle Verlautbarungen wie Arzneibücher, Taxen und Gesetzeswerke bilden weitere wichtige Quellen ebenso archivalische Dokumente, beispielsweise Personal-, Ministerial- und Institutsakten oder Kirchenbücher.

Besondere Authentizität und Direktheit vermitteln persönliche Aufzeichnungen wie Briefwechsel, Autobiographien, Reiseberichte oder Labortagebücher, woraus sich oft Wege der Ideenfindung und des wissenschaftlichen Diskurses erhellen lassen. Bildquellen geben, in den richtigen Kontext gestellt, ebenfalls wertvolle Aufschlüsse. Seit einigen Jahren erarbeitet der Referent zusammen mit Professor Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Heidelberg, daher eine kommentierte Bildedition. Die Sammlung von bislang fast 500 Darstellungen erscheint unter dem Titel „Pharmazie-Archiv“ und wird monatlich durch fünf neue Blätter erweitert.

Zeugen antiker Pharmazie

Zu den Raritäten unter den pharmaziehistorischen Objekten zählen Gegenstände, die durch archäologische Arbeiten zu Tage getreten sind. Über bemerkenswerte Funde auf dem Gebiet des heutigen Serbien berichtete Kosta Cvijovic für eine Arbeitsgruppe aus Belgrad und Wien. In Serbien gibt es fünf Grabungsstätten, in denen medizinische Instrumente, pharmazeutische Gerätschaften und Medikamentenbehälter gefunden wurden. Besonders beeindruckend ist eine Reibschale mit einem Durchmesser von 68 cm.

Der wichtigste Fund ist das Grab eines Arztapothekers aus der Zeit Galens, das neben ophthalmologischen Instrumenten beschriftete Behälter mit pillenähnlichen Arzneiformen enthielt, die man bislang nur aus der Literatur kannte. Die in der antiken Terminologie „Katapotion“ genannten, der Beschriftung nach safranhaltigen Darreichungsformen korrespondieren gut mit Angaben antiker Autoren wie Celsus, Dioskurides oder Plinius und bestätigen somit die schriftliche Überlieferung.

Auch an anderen Stellen Süd- und Osteuropas fand man pharmazeutische Gegenstände, etwa Glasgefäße zur Aufbewahrung von Salben und Kosmetika. Die unter anderem in Italien und an der Schwarzmeerküste aufgefundenen Behälter liefern nicht nur Informationen über die Arzneiaufbewahrung, sondern auch über Handelswege und Warenströme zur Römerzeit. Polnische Historiker berichteten über die Disziplin der Bioarchäologie, die ebenfalls zu pharmazeutischen Erkenntnissen führen kann. So ließ die Untersuchung von Spuren organischen Materials aus archäologischen Funden in Polen Rückschlüsse auf Drogen zu, die im frühen Mittelalter zu therapeutischen Zwecken und in magischen Ritualen zum Einsatz kamen.

Über einen pharmaziehistorischen Zufallsfund jüngster Zeit berichtete Dr. Larissa Leibrock-Plehn aus Brackenheim. Baggerarbeiten im schwäbischen Ort Bönnigheim förderten ein in Süddeutschland einmaliges Apothekenlabor aus dem 19. Jahrhundert zu Tage, das dank lokaler Initiativen inzwischen als Museum zugänglich gemacht wurde.

Dr. Peter Hartwig Graepel, Gladenbach, wies auf einen süddeutschen Apotheker hin, der selbst archäologisch tätig war. Hyronimus Edelmann (1853 bis 1922) widmete sich nach dem Verkauf seiner Apotheke in Ebingen (heute Albstadt) der vor- und frühgeschichtlichen Forschung. Er betrieb Ausgrabungen im Gebiet um Sigmaringen und legte eine umfängliche Sammlung an, die seit 1908 im British Museum in London aufbewahrt wird. Sie enthält Gegenstände aus dem Neolithikum, der Urnenfelder-, Hallstadt- sowie La-Tène-Kultur und der Merowingerzeit.

Wichtig für Öffentlichkeitsarbeit

Das Interesse an pharmaziehistorischen Gegenständen äußert sich in der Vielzahl der Fachmuseen weltweit. Ihre Besucherzahlen spiegeln zudem das große Interesse der Allgemeinheit an der Tradition des Heilberufs Apotheker wider. Die Museen sind daher auch wichtige Instrumente der pharmazeutischen Öffentlichkeitsarbeit. Während des Kongresses wurden auch bisher weniger bekannte Sammlungen vorgestellt. Die Teilnehmer hatten Gelegenheit, Exkursionen zu den Sehenswürdigkeiten in Rumänien, insbesondere im Territorium Siebenbürgens, zu unternehmen. Vorträge und Posterbeiträge beschäftigten sich darüber hinaus mit Exponaten in Italien, Frankreich, Deutschland, Spanien, Litauen, Serbien, der Türkei, den USA und der Schweiz. Im Internet einsehbar ist ein von schwedischen IGGP-Mitgliedern gepflegtes Verzeichnis pharmaziehistorischer Museen und Sammlungen (home.swipnet.se/PharmHist/Museer/farm.museer_en.html). In Deutschland ist zweifellos das Deutsche Apotheken-Museum im Heidelberger Schloss am bekanntesten, doch gibt es eine Reihe weiterer interessanter, nicht so prominenter Sammlungen. Hierzu gehört die von Frau Dr. Barbara Rumpf-Lehmann, Marburg, vorgestellte Drogensammlung des Botanikers Albert Wigand (1821 bis 1886), die im Institut für Pharmazeutische Biologie der Universität Marburg, aufbewahrt wird.

Gedrucktes im Zeitalter des Internets

Mehr im Verborgenen liegen pharmaziehistorische Archivalien, die indes für die Forschung von immenser Wichtigkeit sind. Der Kongress in Sinaia bot Gelegenheit, relevante Bestände, vor allem in Osteuropa, näher kennen zu lernen. Insbesondere rumänische Kollegen, darunter der Nestor der rumänischen Pharmaziegeschichte, Professor Dr. Constantin Iugulescu, stellten Archive und Archivalien vor. Beim Erschließen von Literatur und Quellen leistet inzwischen das Internet gute Dienste. Als neues Hilfsmittel wurde in Sinaia der Online-Zugriff auf die von 1954 bis 1988 erschienene „Pharmaziegeschichtliche Rundschau“ vorgestellt. Der Vorläufer der jährlich erscheinenden „Pharmaziehistorischen Bibliographie“ ist nur in wenigen Bibliotheken vollständig erhalten und konnte im Rahmen eine Kooperation zwischen der IGGP, dem Govi-Verlag und den Universitätsbibliotheken Karlsruhe und Braunschweig allen Interessierten online zugänglich gemacht werden. Das Dokument ist Teil der Digitalen Bibliothek der Universität Braunschweig (www.digibib.tu-bs.de/rundschau/start.htm).

Die Petroleum-Lampe

Außerhalb der Hauptthemen des Kongresses wurde an einige bedeutende Jubiläen erinnert. So referierte die polnische Pharmaziehistorikerin Iwona Arabas über Apotheker Ignacy Lukasiewicz (1822 bis 1882), der vor 150 Jahren, am 31. Juli 1853 eine selbst gebaute Petroleum-Lampe erstmals dazu benutzte, sein Apothekenschaufenster und den Operationssaal des Krankenhauses in Lvov zu erleuchten. Lukasiewicz, der in Krakau und Wien Pharmazie studiert hatte, beschäftigte sich zunächst aus medizinischen Gründen mit der Erdölfraktionierung, um das seinerzeit teure „Oleum petrae album“ nicht mehr aus Italien importieren zu müssen. Zusammen mit I. Zeh erhielt er das Patent für die Nutzung des Petroleums als Leuchtstoff und baute ab 1854 eine eigene Erdölraffinerie in Polen auf. Zum Gedenken an den findigen Apotheker apostrophierte die polnische Regierung das Jahr 2003 zum offiziellen Lukasiewicz-Jahr.

Das Forum für junge Forscher

Pharmaziegeschichte an der Hochschule zu etablieren und zu pflegen, ist ein wichtiges Ziel der IGGP. Eine Podiumsdiskussion am Ende des Kongresses beschäftigte sich entsprechend mit Möglichkeiten nationaler pharmaziehistorischer Gesellschaften, akademische Angebote zu unterstützen und auszubauen. Entsprechend dieser Intention bieten die Internationalen Kongresse jungen Forschern ein eigenes Forum für Vorträge und Gedankenaustausch. In Sinaia nahmen Kollegen aus Rumänien, Deutschland, Spanien, Italien und der Schweiz das Angebot wahr, ihre meist im Rahmen von Dissertationen betriebenen Projekte vorzustellen und zu diskutieren. Dabei kamen Hauptthemen des Kongresses ebenso zur Sprache wie Heilquellen, internationale wissenschaftliche Beziehungen oder die Geschichte bestimmter Arzneimittelgruppen.

Die Gesellschaft, deren Hauptziel es ist, pharmaziehistorische Wissenschaft und Lehre zu fördern, schreibt im Jahre 2004 wieder ein Forschungsstipendium für Projekte mit internationalem Charakter aus. Die letztjährigen Stipendiaten, Dr. Sabine Anagnostou, Marburg, sowie Professor Andreea Nitulescu und Dr. Doina Draganescu, Bukarest, berichteten über ihre von der IPPG geförderten Projekte. Die deutsche Stipendiatin beschäftigt sich mit dem pharmazeutisch-medizinischen Wissenstransfer durch Missionare, die rumänische Arbeitsgruppe führt vergleichende Studien internationalen pharmazeutischen Rechts durch.

Die Generalversammlung der IGGP bestätigte den bisherigen Vorstand im Amt. Präsident bleibt für eine weitere zweijährige Amtszeit Professor Dr. François Ledermann, Schweiz. Als Vizepräsidenten stehen ihm Professor Dr. Poul Kruse, Dänemark, Professor Dr. Pierre Labrude, Frankreich, und Dr. Ernesto Riva aus Italien zur Seite. Schatzmeisterin ist Frau Dr. Larissa Leibrock-Plehn, Generalsekretär Dr. Axel Helmstädter, beide Deutschland. Zu Beisitzern wurden Charles Libert, Belgien, und Geoff Miller, Australien, gewählt. Der nächste IGGP-Kongress mit dem Generalthema „People and Places“ findet vom 22. bis 25. Juni 2005 in Edinburgh, Großbritannien, statt.

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