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Zimt bei Diabetes

23.08.2004
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PHARMAZIE

Kurzbewertung

Zimt bei Diabetes

 

von Thilo Bertsche, Uta Müller und Martin Schulz, Berlin

Zimt dient nicht nur zum Würzen von Süßspeisen, sondern wird auch in der Volksmedizin als Mittel gegen gastrointestinale Beschwerden angewendet. Eine vor kurzem publizierte klinische Studie hat das therapeutische Interesse nun auch auf eine scheinbar ganz neue Indikation gelenkt – Diabetes mellitus.

Als mögliche Ursache für den positiven klinischen Effekt von Zimt (Cinnamomum ceylanicum) auf den Blutzuckerspiegel wird in der Literatur eine gesteigerte Insulinempfindlichkeit durch eine spezielle Wirkung eines Zimtbestandteils auf den Insulinrezeptor diskutiert. Des Weiteren konnte experimentell gezeigt werden, dass vermehrt Glucose in die Zellen aufgenommen und in Speicherformen umgewandelt wird (1).

Die Steigerung der Insulinaktivität durch aktive Zimt-Inhaltsstoffe könnte aus einer Beeinflussung der Insulinrezeptor-abhängigen Signalkaskaden resultieren. So konnten in experimentellen Untersuchungen Modulationen von Posphorylierungs- und Dephosphorylierungsreaktionen dieser Kaskaden für diesen Effekt verantwortlich gemacht werden. Unter anderem stimulierten Verbindungen aus Zimt auch die Autophosphorylierung einer trankierten Form des Insulinrezeptors. Eine Wirkung als allgemeiner Phosphataseinhibitor konnte ausgeschlossen werden (2 - 4).

MHCP als Insulinmimetika

Als insulinmimetische Substanzen kommen im Zimt die so genannten Methylhydroxychalconpolymere (MHCP) in bestimmten Adipozyten in Betracht (4). MHCP stimulierte hier den Glucose-Uptake und die Glycogensynthese in ähnlicher Weise wie Insulin. Zudem wurde die Phosphorylierung des Insulinrezeptors durch MHCP gesteigert. Vermutlich wird so die Insulin-Signaltransduktionskaskade durch MHCP getriggert. Die kombinierte Behandlung mit MHCP und Insulin führte zu überadditiven Effekten. Dies spricht für einen Synergismus zwischen den beiden Substanzen. Da MHCP die Glucose-Utilisation in den Zellen steigert, könnte Zimt vor allem für die Behandlung der Insulinresistenz von Bedeutung sein.

Wasserlösliche Polyphenolpolymere von Zimt steigerten in vitro den Insulin-abhängigen Glucosemetabolismus annähernd um den Faktor 20. Ferner wurden antioxidative Eigenschaften dieser Verbindungen beschrieben. Mittels NMR und Massenspektroskopie wurden Procyanidinoligomere des Catechins und Epicatechins als potenziell wirksamkeitsmitbestimmende Substanzen gefunden. Diese polyphenolischen Polymere könnten die Insulinwirkung potenzieren (5).

In einem Rattenmodell wurde bei Gabe von täglich 300 mg Zimt/kg im Vergleich zur Kontrollgruppe verbesserte Insulinwirkung festgestellt, die auf einer erhöhten Glucoseaufnahme beruhte (6). An Ratten mit induziertem Diabetes wurde eine mögliche antidiabetische Wirkung von Zimtrinde untersucht (7). Zwar wurden in dieser Untersuchung keinerlei Effekte auf den Blutglucosespiegel festgestellt, jedoch wurden biochemische und hämatologische Parameter beeinflusst. Beispielsweise wurden Harnstoff, Gesamtcholesterol und Thrombozytenanzahl signifikant gesenkt. Zusätzlich wurde eine Gewichtsreduktion beschrieben. Sichtbare toxikologische Effekte waren nicht zu beobachten.

Albumin senkt konzentrationsabhängig die Insulin-stimulierenden Effekte von Zimt. Durch eine hohe Plasmaeiweißbindung könnten deswegen optimal wirksame Blutspiegel der biologisch aktiven Substanzen aus Zimt klinisch nicht oder allenfalls nur in sehr hohen Dosen erreicht werden (8).

Zimt senkt Blutzucker und Lipide

Im Rahmen einer klinischen Studie (9) wurde der Effekt von Zimtrinde auf Blutglucose, Triglyceride, Gesamtcholesterol, HDL-Cholesterol und LDL-Cholesterol bei Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus untersucht. Insgesamt 60 Patienten (davon 30 Frauen) mit Typ-2-Diabetes mellitus im Alter von 52,2 ± 6,32 Jahren, wurden in sechs verschiedene Gruppen randomisiert. Die Gruppen 1, 2 und 3 erhielten 40 Tage lang täglich 1, 3 oder 6 g Zimt, die Gruppen 4, 5 und 6 die entsprechende Anzahl an Placebokapseln. In allen drei Dosierungsschemata wurden Nüchternblutglucosespiegel (um 18 bis 29 Prozent), Triglyceride (um 23 bis 30 Prozent), LDL-Cholesterol (um 7 bis 27 Prozent) und Gesamtcholesterol (um 12 bis 26 Prozent) gesenkt. Keine signifikanten Änderungen wurden hingegen in der Placebogruppe beobachtet. Veränderungen im HDL-Cholesterol waren nicht signifikant.

Das Deutsche Diabetes-Forschungsinstitut bewertet diese Studie als Hinweis darauf, dass die Zimteinnahme im Placebovergleich einen Einfluss auf Blutzucker, Triglyceride und Gesamtcholesterol zu haben scheint. Da alle drei getesteten Zimtdosierungen ähnliche Effekte gezeigt haben, sei allerdings eine genaue Dosisempfehlung nicht zu geben. Auch therapeutische Effekte in geringeren als den eingesetzten Dosierungen können deswegen nicht ausgeschlossen werden. Die nach Absetzen weiterhin erniedrigten Blutzucker und Triglyceridwerte lassen möglicherweise eine tägliche Einnahme nicht notwendig erscheinen (1).

Weitere Untersuchungen erforderlich

Trotz einiger positiver Anhaltspunkte, die für blutzucker- und lipidsenkende Eigenschaften von Zimtrinde sprechen, ist derzeit eine therapeutische Anwendung bei Diabetes außerhalb von klinischen Studien nicht zu empfehlen. Diabetes ist keine Erkrankung für eine Phytotherapie im Rahmen der Selbstmedikation. Die derzeit publizierten Studien zu Zimtrinde sind kein ausreichender wissenschaftlicher Beleg für ihre therapeutische Wirksamkeit. Offene Fragen im Hinblick auf eine reproduzierbare Zusammensetzung antidiabetisch wirksamer Inhaltsstoffe werfen weitere Probleme für eine therapeutische Anwendung bei Diabetes auf. Außerdem fehlt derzeit eine Zulassung für diese Indikation.

Auf Grund nicht auszuschließender unerwünschter Effekte (Hypoglykämien, Wechselwirkungen mit der sonstigen antidiabetischen Medikation) ist von der übermäßigen Einnahme von Zimt auch im Rahmen der Ernährung Vorsicht geboten. Dass künftig mit Zimt gewürzte Süßspeisen eine kalorienarme Ernährung für den übergewichtigen Patienten mit Diabetes ersetzen könnten, wird niemand ernsthaft in Erwägung ziehen. Dennoch erscheint eine weitere wissenschaftliche Untersuchung lohnenswert, um eine mögliche therapeutische Bedeutung zur Diabetes-Behandlung nach wissenschaftlichen Kriterien beurteilen zu können.

 

Zimt in der Beurteilung der Kommission E In der Aufbereitungsmonographie der Kommission E aus dem Jahr 1990 (10) werden als Anwendungsgebiete von Zimt Appetitlosigkeit, dyspeptische Beschwerden wie leichte krampfartige Beschwerden im Magen-Darm-Bereich, Völlegefühl und Blähungen angegeben. Als Gegenanzeigen gelten Überempfindlichkeit gegen Zimt oder Perubalsam sowie Schwangerschaft. Als Nebenwirkungen werden häufig allergische Haut- und Schleimhautreaktionen beobachtet. Wechselwirkungen sind nicht bekannt. Als Dosierung für die genannten Anwendungsgebiete werden eine Tagesdosis von 2 bis 4 g Droge, entsprechend 0,05 bis 0,2 g ätherisches Öl und Zubereitungen, genannt. Als Wirkungen sind von der Kommission E antibakterielle, fungistatische und motilitätsfördernde Wirkungen beschrieben.

 

Literatur

  1. Deutsches Diabetes-Forschungsinstitut, Leibniz-Institut an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, unter www.diabetes.uni-duesseldorf.de/index.html?TextID=2581, Stand 13.05.2004.
  2. Broadhurst, C. L. et al., Insulin-like biological activity of culinary and medicinal plant aqueous extracts in vitro. J. Agric. Food. Chem. 48 (2000) 849-852.
  3. Imparl-Radosevich, J. et al., Regulation of PTP-1 and insulin receptor kinase by fractions from cinnamon: implications for cinnamon regulation of insulin signalling. Horm. Res. 50 (1998) 177-182.
  4. Jarvill-Taylor, K. J. et al., A hydroxychalcone derived from cinnamon functions as a mimetic for insulin in 3T3-L1 adipocytes. J. Am. Coll. Nutr. 20 (2001) 327-336.
  5. Anderson, R. A. et al., Isolation and characterization of polyphenol type-A polymers from cinnamon with insulin-like biological activity. J. Agric. Food. Chem. 52 (2004) 65-70.
  6. Qin, B., et al. Cinnamon extract (traditional herb) potentiates in vivo insulin-regulated glucose utilization via enhancing insulin signaling in rats. Diabetes Res. Clin. Pract. 62 (2003) 139-148.
  7. Onderoglu, S. et al., The evaluation of long-term effects of cinnamon bark and olive leaf on toxicity induced by streptozotocin administration to rats. J Pharm Pharmacol. 51 (1999) 1305-1312.
  8. Berrio, L. F. et al., Insulin activity: stimulatory effects of cinnamon and brewer's yeast as influenced by albumin. Horm. Res. 37 (1992) 225-229.
  9. Khan, A. et al., Cinnamomum improves glucose and lipids of people with type 2 diabetes. Diabetes Care 26 (2003) 3215-3218.
  10. BAnz. Nr. 22 a vom 01.02.1990.

 

Anschrift der Verfasser:
Dr. Thilo Bertsche, Dr. Uta Müller und Dr. Martin Schulz
Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA
Jägerstraße 49/50
10117 Berlin

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