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Schön, aber giftig

04.08.2003
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PHARMAZIE

Schön, aber giftig

 

von Conny Becker, Bonn

Sie fallen auf - blühen in leuchtenden Farben, haben schöne Früchte oder versprechen eine besondere Wirkung. Und je verlockender sie sind, desto gefährlicher sind sie auch: heimische Giftpflanzen.

Im Laufe der Evulotion entwickelten Pflanzen Stoffe, die sie vor Fraßfeinden schützen, sagte Dr. Michael Keusgen auf dem Aktionstag des Institutes für Pharmazeutische Biologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität am 19. Juli in Bonn. Typische Pflanzengifte sind Alkaloide, Saponine oder Cardenolide, doch für Kinder kann auch ätherisches Öl wie das der Pfefferminze toxisch sein.

Kinder gelten generell als besonders gefährdet, da sie aus Neugierde die verschiedensten Pflanzen probieren. So etwa Hexeneier genannte Früchte, die im Frühling zwischen den Blättern von Herbstzeitlosen zu finden sind. Gefährlich macht sie das Mitosegift Colchicin, das schon in einer Dosis von 5 mg für ein Kind tödlich sein kann. Problematisch sei auch, dass die Symptome erst nach einigen Stunden auftreten. Es kommt neben Übelkeit, Benommenheit und heftigem Harndrang zu Schock, Magenkrämpfen und Atemlähmung.

„Gut, dass Kinder zum Erbrechen neigen“, urteilte der Apotheker. Ein Notarzt könne dies auch mit Ipecacuanhatinktur einleiten sowie gegen Darmkrämpfe Atropin und bei Krämpfen im ZNS Diazepam geben.

Zum Tode verurteilte Griechen mussten den Saft von unreifen Früchten des Schierlings trinken, erzählte Keusgen. Die letale Dosis von Coniin beträgt bei einem Erwachsenen 0,5 bis 1 g, wobei das toxische Alkaloid auch durch die Haut penetriert. Da es jedoch im Mund brennt, sind auch Kinder sofort gewarnt und spucken die Früchte häufig aus, bevor es zu Übelkeit, Lähmung der Zunge und der Atemmuskulatur kommt. Im Falle einer Vergiftung sollte der Magen gespült oder Aktivkohle zum Absorbieren der Giftstoffe gegeben werden, so der Referent.

„Die Gefahr von Goldregen wird in den Medien überbewertet“, sagte Keusgen. Auch wenn die Fabaceae ein großes Repertoire an Giftstoffen aufweist, bestehe kaum Lebensgefahr für Kinder. Denn auch diese Samen, die durch das Alkaloid (-)-Cytisin toxisch sind, brennen in Mund und Rachen und führen in der Regel zu starkem Erbrechen. Diese heftige Reaktion des Organismus schütze so vor schwer wiegenden Vergiftungserscheinungen. Sollten Kinder dennoch mehrere Samen gegessen haben, müsse schnell gehandelt werden.

Der Reiz des Verbotenen

Schlafmohn, der im Milchsaft der unreifen Kapsel bis zu 20 Prozent Morphin enthält, wächst zwar hauptsächlich in Afghanistan, doch auch aus einheimischen Mohnarten versuchen Jugendliche, mit Tee aus den Kapseln einen Kick zu bekommen. Statt Euphorie erzielen sie jedoch meist Übelkeit, da diese Arten viel Thebain enthalten. Um die letale Dosis von 500 mg Morphin zu sich zu nehmen, müsse man ein halbes Mohnfeld ernten, verglich Keusgen. Kommt es doch zur Morphinvergiftung, steht mit Naloxon ein Gegenmittel zur Verfügung, dass die gefährliche Atemlähmung verhindern kann.

Ganz legal ersteht man Hanfsamen in der Zoohandlung: Wellensittichfutter lässt auf dem ein oder anderen Kompost die Pflänzchen mit den fingerförmig geteilten Blättern wachsen. Ob es sich dabei jedoch um indischen Hanf handelt, ist nicht deklariert und so schwankt der Gehalt an Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) etwa in Marihuana, dem getrockneten weiblichen Kraut mit Blüten, von 0,5 bis 2 Prozent. Keusgen verwies darauf, dass THC nicht toxisch ist. Es bewirkt gerötete Bindehäute und weitet Pupillen, beschleunigt den Puls und versetzt in einen Rauschzustand. Die Sinnestäuschungen können jedoch indirekt tödlich sein, so werden skurrile Verkehrsunfälle häufig auf Cannabiskonsum zurückgeführt.

Schon ehemals bei Hexen beliebt, sind Nachtschattengewächse wieder in Mode gekommen. Jugendliche erhoffen sich einen euphorischen Höhenflug nach dem Genuss von Tollkirsche, Bilsenkraut und insbesondere Stechapfel oder Engelstrompete. Je nach Art und Menge der Pflanze kann ein solcher Tee jedoch neben Tanzlust und Ideenflucht auch zu Tobsucht, Herzklopfen und Atemstillstand führen. Gibt der Notarzt nicht schnell genug Physostigmin zum Antagonisieren, besteht durch die hohen Konzentrationen an Atropin und Hyoscyamin Lebensgefahr.

Tödliche Verwechslungen

Nicht nur Kinder und Jugendliche spüren die Folgen der giftigen Pflanzen. Immer wieder vergiften sich auch ungeübte Kräutersammler, die Blätter des Eisenhut mit Petersilie verwechseln. Das enthaltene Aconitin ruft schon bei einer Dosis unter 1 mg schwere Herzrhythmusstörungen hervor. Einen drohenden Herzstillstand muss der Notarzt auch behandeln, wenn Sammler Maiglöckchenblätter statt Bärlauch in ihre Kräutersoße geschnitten haben. Sofortmaßnahmen bestehen darüber hinaus in einer Magenspülung und der Gabe von Aktivkohle.

Der Referent riet dazu, bei vermuteten Vergiftungen Pflanzenteile und Erbrochenes für eine Diagnose aufzubewahren. Das Erbrechen sollte mit Ipecacuanha-Tropfen und nicht mit Milch und Salz ausgelöst werden. Laxantien und Diuretika sind geeignet, verbliebenes Gift schneller auszuschwemmen. Ein Notarzt muss jedoch immer angefordert werden, um Herz-, Kreislauf- und Atemfunktionen zu überwachen.

 

Weitere Informationen finden Sie bei der Informationszentrale der Universität Bonn gegen Vergiftungen unter www.meb.uni-bonn.de/giftzentrale/pflanidx.html oder der Telefonnummer (02 28) 19 2 40 sowie bei der Giftinfo Mainz unter www.giftinfo.uni-mainz.de oder der Telefonnummer (0 61 31) 23 24 66.
Ein Verzeichnis der Giftinformationszentralen finden Sie hier.

 

 

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