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Rösten oder Kochen mit Honig und Ingwer

20.03.2000
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-PharmazieGovi-VerlagCHINESISCHE ARZNEIEN

Rösten oder Kochen mit Honig und Ingwer

von Tadeusz Blaszczyk, Hamm

Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) wird in Europa immer populärer. Bei den meisten Traditionellen Chinesischen Arzneien (TCA) handelt es sich um Arzneimittel pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Ursprungs. Sie gelangen nur selten in unverarbeitet Form in die Apotheke.

Die meisten Traditionellen Chinesischen Arzneien (TCA) die in Europa in den Handel gebracht werden, stammen aus der Volksrepublik China. Einige Medikamente werden aus Taiwan, Vietnam und anderen asiatischen Ländern importiert. In China herrscht die Meinung, dass der Herkunftsort meist über die Qualität bestimmter Heilpflanzen entscheidet. Dabei hat der Ursprungsort einen entscheidenden Einfluss auf "Didao" - die Richtigkeit und die Qualität der Pflanze. Diese Meinung scheint übertrieben zu sein, aber sie stammt aus der Zeit, als oft viele unterschiedliche Heilpflanzenarten ein und denselben Namen trugen.

Untersuchungen einiger TCA europäischer Herkunft haben gezeigt, dass der Inhalt an sekundären und repräsentativen Bestandteile nicht minderwertig ist. Die geprüften Arzneien waren chinesischen Produkten ebenbürtig.

TCA pflanzlichen Ursprungs werden meist in einer bestimmten Jahreszeit gesammelt. Das sollte in der Zeit stattfinden, in der erfahrungsgemäß der höchste Gehalt an bioaktiven Substanzen zu erwarten ist. Es bestehen allgemeine Richtlinien für die Zeit der Sammlung bestimmter TCA. (2)

Wurzeln sammelt man meist in der Frühperiode des Frühlings. Sie sollten geerntet werden, bevor die Pflanze Keime oder Spröße ausbildet. Alternativ kann man die Wurzeln im späten Herbst ernten, wenn alle Pflanzenteile verwelkt sind. In dieser Periode befindet sich die Pflanze in einem Ruhezustand.

Die Rinde der Bäume wird meist im späten Frühling oder im Frühsommer geerntet. Dies ist die Zeit, in der der Baum seine volle Pracht entfaltet und die Rinde den höchsten Gehalt an Saft hat. Die Ernte von Wurzelrinden sollte ähnlich wie bei den Wurzeln im späten Herbst stattfinden. Ganze Pflanzen (mit Wurzeln) erntet man während der Blüte, Blätter und die Stengel manchmal auch zu einem späteren Zeitpunkt.

Viele Blumen werden als Knospen gesammelt, bevor sie zur Blüte kommen. Es gibt jedoch Ausnahmen: Flos Carthami (Hong Hua) wird erst dann geerntet, wenn sich die Blüte von gelb in rot färbt. Der beste Erntezeitpunkt ist bei gutem und trockenen Wetter.

Früchte werden meist dann gesammelt, wenn sie reif sind. Es gibt jedoch Ausnahmen, die die Materia Medica vorschreibt. So werden zum Beispiel Pericarpium Citri reticulatae viride (Qing Pi) und Fructus Aurantii immaturus (Zhi Shi) geerntet, bevor sie reif sind.

Samen und Fruchtkerne müssen bei der Ernte absolut reif sein, eine der schwierigsten Aufgaben bei der Produktion traditioneller chinesischer Arzneien. Das verlangt vom Züchter große Geduld und beste Kenntnisse über die Entwicklung der Pflanze. In Europa reifen die aus Südchina stammenden Heilpflanzen häufig erst später.

Der Umgang mit den Rohstoffen

Die Heilpflanzen müssen so behandelt werden, dass der Verbraucher garantiert ein toxin- und bakterienfreies Produkt erhält. Die Qualitätsansprüche sollten den GAP-Regeln (Richtlinien für die Gute Landwirtschaftliche Praxis) entsprechen. (1)

Züchter und Produzent müssen besonders auf die botanische Art achten und verhindern, dass artfremde Bestandteile während er gesamten Produktion (Saat, Anbau, Ernte, Trocknung, Packen, Aufbewahrung und Transport) beigemischt werden. Natürlich dürfen Arzneipflanzen nicht auf Böden angebaut werden, die mit Klärschlamm, Schwermetallen, Pflanzenschutzmittel-Rückständen und anderen Industriechemikalien verunreinigt sind.

Organischer Dünger sollte frei von menschlichen Fäkalien sein. Das Düngen gilt es grundsätzlich auf ein Minimum zu reduzieren. Selbes gilt für den Gebrauch von Pestiziden und Herbiziden.

Auch für die Lagerung der getrockneter Heilpflanzen schreibt die chinesische Materia Medica Richtlinien vor. Alle Produktionsvorgänge sollten dokumentiert werden. Qualitätssicherung (Inhaltsstoffe, Grenzwerte für Keimzahlen, Pflanzenschutzmittelrückstände, Schwermetalle) müssen auf international anerkannten Spezifikationen basieren (EHIA´S Recommended Specification for Trade in Herbal Infusion Raw Material).

Vorbereitung der TCA

Bei der pharmazeutischen Vorbereitung der chinesischen Heilpflanzen gelten sowohl allgemeine Richtlinien der angewandten Pharmazie als auch der traditionellen Verfahren (Pao Zhi).

Drogen dürfen nur mit Trinkwasser gereinigt werden. Die Pflanze sollte nur kurz mit dem Wasser in Kontakt kommen und sofort getrocknet werden. In seltenen Fällen, zum Beispiel bei Rhizoma Gastrodiae, werden die Wurzeln als Ganzes getrocknet. Erst vor dem Gebrauch taucht man sie erneut in Wasser, um sie in Scheiben zu schneiden.

TCA in gepulverter Form werden meist durch feines Verreiben der Droge, Verdünnung mit Wasser und Austrocknung des Bodensatzes hergestellt.

Pao Zhi

Eine Besonderheit der Traditionellen Chinesischen Arzneien ist ihre traditionelle Verarbeitung (Pao Zhi). Ziel ist es, die Droge zu modifizieren. Oft wird dadurch die Toxizität der Pflanze reduziert oder ganz beseitigt. Die pharmakologischen Eigenschaften der TCA können sich dabei veränderen. Bestes Beispiel sind Radix Rehmanniae und Radix Rehmanniae präparata: Unbearbeitetes Radix Rehmanniae hat ein kaltes Temperaturverhalten. Nach der Bearbeitung ändert sich das Temperaturverhalten in ein warmes (Temperaturverhalten gilt nach den Regeln der traditionellen chinesischen Pharmakologie als eine wichtige Eigenschaft der Heilpflanze).

Generell kann man durch das Pao-Zhi-Verfahren verschiedene Ziele erreichen:

* Toxizität und unerwünschte Nebenwirkungen nehmen ab; zum Beispiel bei Wurzeln von Aconitum carmichaeli Debx. Diese werden nach längerem Einweichen noch bis zu sechs Stunden in Wasser gekocht, bis sich in der aufgeschnittenen Wurzel kein weißes Zentrum mehr erkennen lässt. Erst danach werden die Wurzeln getrocknet. Es entsteht Zhi Chuan Wu (Radix Aconiti praeparata), die wesentlich untoxischer als die unbearbeitete Wurzel ist (4).

* Pharmakologische Eigenschaften (Geschmacksrichtung, Temperaturverhalten, Wirkungsrichtung) lassen sich ändern,

* die Funktionskreiszugehörigkeit kann wechseln. Zum Beispiel Radix et Rhizoma Rhei wirkt nach unten und zeigt die Zugehörigkeit zu mehreren Funktionskreisen (Begriffe aus der Traditionellen Chinesischen Medizin). Ist die Arznei unbearbeitet, wirkt sie vor allem auf den Funktionskreis Dickdarm. Nach dem Jiu-Zhi-Verfahren (Rösten mit Reiswein) wirkt sie vor allem auf den Funktionskreis Leber und Milz (3).

* die therapeutische Wirkung kann sich verstärken; zum Beispiel wird die lungenbefeuchtenden und hustenstillenden Wirkung von Flos Farfarae durch das Mi-Zhi-Verfahren (Rösten mit Honig) verstärkt (Mi Kuan Dong Hua)

* unangenehmem Geruch und Geschmack wird beseitigt; zum Beispiel wird Thallus Sargassi im Wasser und Zaocys im Reiswein gewaschen, Faeces Trogopterori setzt man dem Jiu-Zhi-Verfahren und Bombyx Batryticatus dem Fu Chao (Rösten mit Kleie) aus.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin werden 17 gebräuchliche Pao-Zhi-Verfahren angewandt: Bei Chao-Verfahren wird die TCA geröstet. Das Rösten kann ohne jegliche Zusätze (Qing Cao) oder mit Weizenkleie (Fu Chao) erfolgen. Die Stärke des Röstens entscheidet manchmal über die Eigenschaft der TCA. Bis zur Gelbfärbung geröstete Rhizoma Atractylodis macrocephalae erreicht eine besondere Affinität zum Funktionskreis Milz mit der Folge seiner Stärkung.

Als Tang bezeichnet man ein Rösten unter Zusatz von Sand, Muscheln oder Talk. Dies ist ein ähnliches Verfahren wie Fu Chao, es werden jedoch anstatt Weizenkleie Sand, Muscheln oder Talk verwendet.

Beim Zhi setzt man andere Mitteln wie Honig, Wein, Ingwersaft oder Salzwasser zu. Dadurch werden die Eigenschaften der TCA entsprechend dem Bedarf modifiziert.

Pao bedeutet Rösten bei hoher Temperatur. Das Verfahren ist ähnlich dem Zhi, Tang und Chao. Durch die hohen Temperaturen wird die verarbeitete TCA knusprig und locker. Von den letzten beiden Verarbeitungsverfahren stammt der Namen für das gesammte traditionelle Verfahren Pao Zhi ab.

Beim Duan-Verfahren wird die Droge durchgebrannt. Meist verarbeitet man so Muschelschalen oder Mineralien. Als Wei bezeichnen die Chinesen das Rösten oder Backen in einer feuchten Papierverpackung. Dieses Verfahren reduziert den Fettgehalt und ändert die Wirkung mancher TCA (zum Beispiel Rhizoma Zingiberis).

Zheng bedeutet Dämpfen. Die Droge wird meist unter Zusatz von Reiswein gedämpft. So schwächt man den purgative Effekt von Radix et Rhizoma Rhei ab. Beim Zhi Tan wird die Droge verkohlt ohne das sie verascht. Die Wirkung der TCA muß jedoch erhalten bleiben. Verkohlt werden kann in einer Röstpfanne (Chao-Tan-Methode) oder in einem geschlossenen Gefäß (Duan-Tan-Methode).

Beim Dan wird die gereinigte Droge mit oder ohne Zusätze in einem verschlossenen Gefäß mit heißem Dampf erhitzt. Beim Chan dagegen gibt man die Droge kurz in kochendes Wasser und nimmt sie sofort wieder heraus. Auf diese Weise werden meist Samen mit harter Schale verarbeitet. Die Prozedur wird solange wiederholt, bis die Samenschale leicht zu entfernen ist.

Die Drogenverarbeitung unter Anwendung von Wein nennt sich allgemein Jiu-Zhi-Verfahren. Die mit Wein durchtränkte Droge wird dananch meist geröstet. Kommt Essig zum Einsatz, bezeichnet man die Vorbehandlung als Cu Zhi. Die mit Essig durchtränkte Droge wird danach ebenfalls geröstet. Das Verfahren der Drogenverarbeitung mit Anwendung von Salzwasser nennt man allgemein Yan-Shui-Zhi-Verfahren. Als weitere Substanzen kommen beim Jiang Zhi Zhi Ingwer-Presssaft und beim Mi Zhi Honig zum Einsatz.

Beim Zhi Shuang wird die Droge breiig vermahlen und entfettet. Es entsteht ein Drogenpulver. Schwer lösbare Mineralien und Muscheln werden in Wasser fein zermahlen. Nach Entzug des Wassers entsteht ein feines Pulver (Shui Fei).

Die Liste aller Pao Zhi-Verfahren ist mit den 17 Vorbehandlungen der Drogen nicht abgeschlossen. Zu den Verfahren, die man noch erwähnen sollte, gehören die Fermentation (Fa Jiao Fa) und das Keimen (Fa Ya Fa). Durch Gärung entstehen zum Beispiel folgende Präparate wie Semen Sojae praeparatum oder Massa medicata fermentata. Durch das Keimen der Rohstoffe erhält man Fructus Oryzae germinatus, Fructus Hordei germinatus und Semen Sojae germinatum.

Alle Pao-Zhi-Verfahren lassen sich nach Sionneau in fünf Gruppen einteilen:
1. einfache Vorbehandlung mit Waschen, Pulverisieren, Schneiden und Entfetten
2. Vorbehandlung mit Wasser (Shui Zhi)
3. Vorbehandlung mit Feuer (Huo Zhi)
4. Vorbehandlung mit Wasser und Feuer (Zheng, Zhu, Dan, Chan; hierzu gehören auch alle Verfahren bei denen Reiswein, Wasser et cetera zugesetzt werden.)
5. Fermentation und Keimen

Das traditionelle Verfahren (Pao Zhi) ist für die Therapeuten aber auch Pharmazeuten von großer Bedeutung. Dem Therapeuten gibt es Hinweise auf bestimmte pharmkologische Eigenschaft, die er entsprechend dem klinischen Bild ausnützen kann. Für einen Pharmazeuten sind die Kenntnisse der Pao-Zhi-Verfahren bei der Identifikation und Beurteilung der Qualität der Droge unentbehrlich. Einige Heilpflanzen dürfen nur in verarbeiteter Form in den Handel gebracht werden.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Tadeusz Blaszczyk
Facharzt für Allgemeinmedizin
Naturheilverfahren
Traditionelle Chinesische Medizin
Kamener Straße 114
59077 Hamm

Literatur:

(1) Brantner, A., et al., Richtlinien für Gute Landwirtschaftliche Praxis von Arznei-und Gewürzpflanzen, Zeitschrift für Arznei- und Gewürzpflanzen, 4 (1997) 204 - 206.
(2) Cai, J., et al., Advanced Textbook on Traditional Chinese Medicine and Pharmacology, New World Press, Beijing 1996
(3) Sionneau, P., Pao Zhi, Blue Poppy Press, Boulder (1997)
(4) Stöger, E.A., Arzneibuch der chinesischen Medizin, Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart 1999.

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