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Das Pharmakologische Institut ist ein besonderes Forschungszentrum

06.11.2000  00:00 Uhr

UNIVERSITÄT GREIFSWALD

Das Pharmakologische Institut ist ein besonderes Forschungszentrum

von Hartmut Morck, Greifswald

Für viele Bundesbürger wird die Hansestadt Greifswald, die etwa 1230 gegründet wurde, nur eine Stadt an der mecklenburg-vorpommerischen Ostseeküste bleiben, die zu weit entfernt ist, dass es sich lohnen würde, sie zu besuchen. Nach mehreren Aufenthalten stellt der Besucher schnell fest: Ein Aufenthalt in der Stadt mit knapp 61.000 Einwohner lohnt sich.

In den letzten zehn Jahren wurde viel renoviert und restauriert. Heute präsentiert sich Greifswald mit wunderschönen Bauten aus Gotik, Barock, Empire, Biedermeier und Jugendstil. In dieses Stadtbild fügt sich die Universität, die 1456 vom Bürgermeister Henrik Rubenow gegründet wurde, hervorragend ein. Die Ernst Moritz Arndt Universität gehört damit zu den ältesten Hochschulen Deutschlands. Allerdings ist die Universität der Hansestadt Rostock noch 37 Jahre älter.

Die vier Gründungsfakultäten Theologie, Recht, Medizin und Philosophie der Greifswalder Universität gibt es heute noch. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät aus der Philosophischen Fakultät ausgelagert. Begonnen hat die Universität 1456 mit 242 Studenten sowie 28 Magistern und Professoren. Heute werden die über 7000 Studenten von rund 240 Professoren unterrichtet. Im Vergleich zu anderen bundesdeutschen Universitäten also eine kleine Universität, die allerdings den Vorteil bietet, dass die Lehrenden die Lernenden viel intensiver und persönlicher kennen und betreuen als an einer der Massenuniversitäten.

Das barocke Hauptgebäude, von 1747 bis 1750 erbaut, wird heute als Verwaltungsgebäude genutzt. Die Aula, in ihrem ursprünglichen barocken Stil erhalten geblieben, nutzt man auch heute noch zu Sitzungen der Universitätsgremien. Der Ruf der Greifswalder wird von einer Reihe bekannter Wissenschaftler geprägt. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch erprobte in Greifswald revolutionäre Operationsmethoden. Bernhard Windscheid legte hier im letzten Jahrhundert die Grundlagen für das noch heute geltende Bürgerliche Gesetzbuch. Julius Wellhausen ersann im letzten Jahrhundert die historisch-kritische Betrachtung des Alten Testamentes. Der Mathematiker Felix Hausdorff entwickelte in Greifswald seine Theorie der Fraktale. Der Nobelpreisträger Johannes Stark begründete vor 80 Jahren die moderne Plasmaphysik. Gerhard Domagk, ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, machte in Greifswald seine vorentscheidenden Entdeckungen zur Bekämpfung bakterieller Entzündungen wie der Tuberkulose. Der Reformator Johann Bugenhagen prägte die Universität nach dem gewaltigen Umbruch im 16. Jahrhundert und Ernst Moritz Arndt lehrte in Greifswald seine freiheitlichen politischen Gedanken.

Pharmakologie seit 1886

Das Pharmakologische Institut wurde 1886 gegründet und hatte in der Domstraße 14 sein erstes Domizil, wo sich vorher die geburtshilfliche Klinik und das chemische Institut die Räumlichkeiten teilten. Sein erster Leiter war Professor Dr. Hugo Schulz, der bereits drei Jahre das Fach Arzneimittellehre in Greifswald vertrat.

Es war ein bescheidener Anfang. Die Innenausstattung war auch für die damaligen Greifswalder Verhältnisse mehr als dürftig : Sechs Räume, die sich eigentlich für Lehre und Forschungsarbeiten auch auf Grund des schlechten baulichen Zustandes nicht eignen, so steht es in der Biographie von Hugo Schulz. Als wichtigstes und wertvollstes Gerät erscheint im Inventarverzeichnis eine analytische Waage. Erst 1908 konnte das Institut ein neues Domizil beziehen: die untere Etage des Institutes für Chemie und Mineralogie in der damaligen Langefuhrstraße, heute Friedrich-Löffler-Straße. Diese repräsentative Gebäude stammt aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. Hier ist auch heute noch das Pharmakologische Institut beheimatet, inzwischen über alle Etagen des Hauses (www.medizin.uni-greifswald.de/pharmako/).

Das Institut in der Friedrich-Loeffler-Straße 23d gehört zur medizinischen Fakultät und damit zum Universitätsklinikum der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. Das Besondere an diesem Institut ist, dass der heutige Lehrstuhlinhaber ein Apotheker ist, der zur Zeit auch das Amt des Dekans der Medizinischen Fakultät inne hat: Professor Dr. Heyo K. Kroemer.

Kroemer studierte von 1978 bis 1983 an der Technischen Universität in Braunschweig Pharmazie. Anschließend folgte die Promotion am Dr. Margarete Fischer Bosch-Institut für klinische Pharmakologie in Stuttgart bei Professor Dr. Ulrich Klotz mit einer Arbeit zur Hämodilutionsbehandlung des apoplektischen Insultes. Nach einem kurzen Forschungsaufenthalt in der Schweiz schloss sich eine zweijährige, vom Wissenschaftsausschuss der NATO geförderte Postdoc-Zeit in der Abteilung Klinische Pharmakologie der Vanderbilt University, Nashville, Tennessee (USA), bei Professor Dr. Dan M. Roden an. 1989 kehrte Kroemer wieder an das von Professor Dr. Michel Eichelbaum geleitete Institut nach Stuttgart zurück und habilitierte sich 1992 für das Fach Pharmakologie und Toxikologie in der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen. 1998 erhielt er den Ruf auf eine C3-Professur für Klinische Pharmazie an der Universität Bonn. Seit dem 1. September 1998 hat er den Lehrstuhl für Allgemeine Pharmakologie an der Medizinischen Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald inne.

Der neue Ordinarius ist derzeit dabei, gemeinsam mit seinen Kollegen die Räumlichkeiten auf einen modernen Stand zu bringen, in dem gentechnischen Arbeiten möglich ist. Die Grundstruktur des Hauses ist folgendermaßen: Es gibt zwei Abteilungen, eine für klinische Pharmakologie unter Leitung von Professor Dr. Werner Siegmund und eine für allgemeine Pharmakologie, die Kroemer leitet. In der allgemeinen Pharmakologie ist zusätzlich eine Professur eingerichtet. Hier beschäftigt sich Professor Dr. Dr. Ingolf Cascorbi mit dem Forschungsschwerpunkt Pharmakogenetik. Beide Abteilungen sind sehr eng miteinander vernetzt.

In der Lehre ist das Institut verantwortlich für die Ausbildung der Medizinstudenten in Pharmakologie und klinischer Pharmakologie sowie für Zahnmediziner in Pharmakologie. Zudem erhalten die Pharmazeuten hier ihre gesamte pharmakologische Ausbildung. Das Institut bildet außerdem auch Humanbiologen im Fach Pharmakologie aus. Dieser Studiengang ist insofern bemerkenswert, weil die Lehre interfakultär angeboten wird. Das heißt, Mediziner und Naturwissenschaftler gemeinsam unterrichten. Die Studenten leisten ein biologischen Grundstudium ab und können sich im Aufbaustudium spezialisieren.

Greifswald ist der einzige Ort in der Bundesrepublik Deutschland, wo Biologen ein Aufbaustudium Pharmakologie machen können. Biologen können also in Greifswald ein Diplom in Humanbiologie mit Hauptfach Pharmakologie erwerben. Eine außerordentlich bemerkenswerte Sache für Greifswald, betonte Kroemer im Gespräch mit der PZ.

Digitale Vorlesungen Intoxikations-Service

Die Lehre versucht das Institut so modern wie möglich zu gestalten, es werden elektronische Medien eingesetzt, die Vorlesungen sind zum größten Teil digitalisiert.

Von der Dienstleistungsseite her wird versucht, das Institut in das Klinikum zu integrieren, indem man rund um die Uhr einen Intoxikations-Service anbietet. Ständig ist ein Wissenschaftler und ein technischer Mitarbeit in Rufbereitschaft. Bei einer Intoxikation können die eingesandten Proben in kürzester Zeit analysiert werden. Dafür stehen moderne Methoden zur Verfügung, wie zum Beispiel ein direkt an einen Massenspektrometer gekoppelter Gaschromatograph (GCMS). Die Toxikologie ist der allgemeinen Pharmakologie zugeordnet.

Die klinische Pharmakologie biete als Dienstleistung ein therapeutisches Drug-Monitoring an, misst also die Wirkstoffkonzentrationen im Plasma. "In der Forschung", so Kroemer, "können wir natürlich im Wesentlichen auch auf unsere apparative Ausstattung zurückgreifen. Diese ist ausgezeichnet. So können wir in der Probandenstation der Abteilung Klinische Pharmakologie Untersuchungen an gesunden Freiwilligen durchführen. Mit der ebenfalls in dieser Abteilung beheimateten modernen Analytik und sämtlichen gängigen molekularbiologischen Verfahren inklusive quantitativer Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR) sowie Klonierungstechniken sind wir auch in der Lage, alle Fragestellungen rund um das Arzneimittel von Zellkulturen über Tierexperimente bis hin zu Studien an gesunden Freiwilligen oder Patienten durchzuführen".

Derzeit soll die Struktur des Instituts weiterentwickelt werden. Ausgangspunkt ist folgendes Problem: Heute bilden sich kaum noch Ärzte in theoretischen oder klinisch theoretischen Fächern weiter, weil die Weiterbildung für sie unattraktiv geworden ist. "Wir haben uns deswegen auch aus wissenschaftlichen Gründen entschlossen, ein Zentrum - das Peter Holtz-Forschungszentrum für Pharmakologie heißen soll - zu gründen", berichtet Kroemer.

Außer den beiden schon genannten Abteilungen werden in diesem neuen Zentrum die universitäre Kardiologie unter Professor Dr. Stefan Felix, die Anästhesiologie (Professor Dr. Michael Wendt) und die pädiatrische Onkologie (Professor James Beck) angesiedelt. Aus der Pharmazie und somit der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät soll zusätzlich noch die Pharmazeutische Technologie unter Leitung von Professor Dr. Werner Weitschies einbezogen werden. Neben den neuen apparativen Möglichkeiten hoffen die Organisatoren, "dass wir eine kritische Masse an Kollegen aus verschiedenen Disziplinen bekommen".

Krömer weiter: "Damit sind wir auch wieder beim Ausgangsproblem. Wir können dann für Mediziner und Naturwissenschaftler in der Weiterbildung ein Curriculum anbieten. Das heißt, derjenige, der zwei Jahre im Rahmen seiner Facharztausbildung oder als naturwissenschaftlicher Doktorand zu uns kommt, durchläuft verschiedene Stationen, die wir im Prinzip vorher festlegen können, und erhält eine spezialisierte Ausbildung. Wir hoffen, dass sich die Einrichtung durch die beschriebenen Strukturen so entwickelt, dass wir so attraktiv werden, dass junge Leute aus anderen Einrichtungen und anderen Universitäten zu uns nach Greifswald kommen. Unabhängig davon halte ich es grundsätzlich für wichtig, dass Einrichtungen ihren eigenen Nachwuchs entwickeln, der im Haus diplomiert oder promoviert wird und nach einer Postdoc-Zeit im Ausland wieder an die Einrichtung zurück kehrt."

Engagierte Diplomanden

Bemerkenswert: Greifswald ist einer der wenigen Orte in Deutschland, an dem man unabhängig, ob man in der Hansestadt oder anderenorts studiert hat, ein Diplom in Pharmazie machen kann. Die Pharmakologie hat zwischenzeitlich eine Reihe von Diplomarbeiten auch an Pharmazeuten vergeben, die mit einem erstaunlichen Engagement durchgeführt wurden. Diese Diplomarbeiten bieten die Möglichkeit, für einen limitierten Zeitraum von sechs Monaten wissenschaftlich zu arbeiten. Das Haus hat die Chance, sich einen Eindruck von möglichen zukünftigen Kollegen zu machen.

Zurück zu Ausbildung des Pharmazeuten: Für das neue Fach Klinische Pharmazie gibt es zur Zeit in Greifswald noch kein Curriculum. Da an der Uni eine äußerst klinisch orientierte Pharmakologie betrieben wird, sind die äußeren Bedingungen dafür, klinische Pharmazie erfolgreich umsetzen zu können, aus Sicht Kroemers außerordentlich gut. Bei gutem Willen aller Beteiligten könnte eine ganze Menge erreicht werden, schätzt der Pharmakologe.

Immer weniger aus Landestöpfen

Die limitierte finanzielle Ausstattung der Universität muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass Mecklenburg-Vorpommern ein dünn besiedeltes Land ist. Zudem befindet sich mit Rostock eine weitere Universität in der Nähe. "Unser Haus war durch die vorhandenen Berufungsmitteln in Kombination mit der beschriebenen Zentrumsbildung und extern eingeworbenen großzügigen Drittmitteln in der Lage, die apparative Ausstattung auf einen befriedigenden Stand zu bringen. Grundsätzlich glaube ich, dass die Finanzierung der Universitäten nicht mehr überwiegend aus Landestöpfen erfolgen wird," erklärt Kroemer. Die Forschung müsse sich künftig überwiegend aus Drittmitteln finanzieren. "Dies setzt voraus, dass man Strukturen schaffen muss, den Wettbewerb um diese Gelder erfolgreich zu bestehen. Das ist ein Grund dafür, warum wir dieses Zentrum bilden."

Zur Zeit laufen in beiden Abteilungen des Institutes intensive Drittmittelkooperationen mit der Industrie, wobei insbesondere die Möglichkeit, klinische Prüfungen in der Abteilung Klinische Pharmakologie durchführen zu können, erheblich dazu beigetragen hat, dass sich das Institut in dieser Form entwickeln konnte. Kroemer ist grundsätzlich der Ansicht, dass man in der Pharmakologie eine enge Kooperation mit der Industrie pflegen sollte.

Andererseits sei genau zu überlegen, welche Rolle ein Pharmakologisches Institut im Prozess der Arzneimittelentwicklung oder Arzneimittelvermarktung spielen kann. Man müsse sich darüber klar werden, dass auf Grund der Komplexität der Arzneistoffforschung ein Institut nur punktuell an der Entwicklung neuer Arzneistoffe mitwirken kann. Die Schwerpunkte des Hauses seien so gewählt, dass auf bestimmten Sektoren Beiträge geleistet werden können, erklärt Kroemer.

"Wir wollen unser Haus und auch das geplante Zentrum auf drei Forschungsschwerpunkte fokussieren: Der erste Schwerpunkt ist die Onkologie. Hier beschäftigen wir uns insbesondere mit dem Stoffwechsel von Zytostatika beziehungsweise mit den Enzymen, die den Stoffwechsel bewerkstelligen, um Nebenwirkungen abklären zu können. Daraus sollen Strategien entwickelt werden, die das Drug-Targeting verbessern können. Hauptforschungsrichtung ist dabei eine lokale Bioaktivierung", berichtet der Pharmakologe.

Zweiter Schwerpunkt sind die Arzneimittel transportierenden Molekülen, die Wirkstoffe über Biomembranen schleusen. Sie können von anderen Arzneistoffen gehemmt oder stimuliert werden und bilden eine Familie vergleichbar mit der der Cytochrom-P450–Enzymen.

"Kleine Framingham-Studie"

Der dritte Schwerpunkt ist die Pharmakogenetik, die für die Greifswalder deshalb sehr interessant ist, weil sich die medizinische Fakultät mit dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt "Community Medicine" beschäftigt. Im Rahmen dieses Forschungsvorhabens findet vor Ort eine "kleine Framingham-Studie" statt. Dabei untersucht man den Gesundheitszustand von 5000 Bewohner aus Vorpommern. "In Abstimmung mit diesem Forschungsverbund haben wir für unseren Schwerpunkt Pharmakogenetik hervorragende Forschungsvoraussetzungen", betont Kroemer. "Mit diesen drei Forschungsschwerpunkten sollte es uns gelingen, das Zentrum nach außen attraktiv zu gestalten."

An der Ernst Moritz Arndt Universität sind inzwischen Strukturen entstanden, die Greifswald sowohl für ein Studium, ob mit oder ohne Diplom, als auch für eine sich möglicherweise anschließende Dissertation sehr interessant machen. Top

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