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Kompetenzen nutzen und kommunizieren

25.10.2004  00:00 Uhr
Pharmazeutische Betreuung

Kompetenzen nutzen und kommunizieren

von Patrick Hollstein, Braunschweig

Für die deutschen Apotheken gibt es zahlreiche Möglichkeiten, ihre pharmazeutischen Kompetenzen anzuwenden und so in einer Zeit bedeutender gesundheitspolitischer Umbrüche die eigene Existenz zu sichern. Das Workshopwochenende „Patient und Pharmazeutische Betreuung“ am 23. und 24. Oktober in Braunschweig unterstrich einmal mehr die Bedeutung des pharmazeutischen Fachwissens als Grundlage für die Zukunft des Berufsstandes.

Für die Existenz des Berufsstandes ist die pharmazeutische Kompetenz unverzichtbar, machte die Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen, Magdalene Linz, bei der Eröffnung des Workshops deutlich. Das spezifische pharmazeutische Fachwissen müsse in jeder Apotheke konsequent angewendet, aber auch kommuniziert werden; schließlich sei die flächendeckende Umsetzung der Pharmazeutischen Betreuung in der Apotheke der einzige tatsächliche Wettbewerbsvorteil gegenüber der neu in den Markt drängenden Konkurrenz. Linz forderte die Apothekerinnen und Apotheker auf, entsprechende Programme zur Pharmazeutischen Betreuung wie das Hausapothekenmodell in die Praxis umzusetzen und bei den Kunden aktiv für die Beteiligung zu werben.

Auf die besondere Bedeutung des Hausapothekenmodells wies auch Uwe Hansmann, stellvertretender Vorsitzender des Apothekerverbandes Niedersachsen, hin. Sowohl Politik als auch Kassen bewerteten das Konzept als richtigen Weg, der – konsequent weiterentwickelt – eines Tages honoriert werden würde. Aber auch die Patienten nehmen die Hausapotheke gut an, berichtete Hansmann: Einer aktuellen Umfrage zufolge können sich fast drei Viertel der Apothekenkunden vorstellen, sich in ein entsprechendes Programm einzuschreiben. An diesem Potenzial dürfe man auf keinen Fall vorbeigehen, machte Hansmann deutlich. Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung sei es aber unter anderem, alle Apothekenmitarbeiter für das Konzept zu begeistern und das pharmazeutische Fachwissen als Basis der Leistung zu pflegen.

Herzkrankheiten frühzeitig erkennen

„Etwa die Hälfte der mehr als 280.000 Patienten, die jährlich in Deutschland einen Herzinfarkt erleiden, hat vorher keine Warnsignale gehabt“, sagte Dr. Horst Günter Klar, Leiter der PTA-Schule in Essen, in seinem Workshop zur Koronaren Herzkrankheit (KHK). Daher zähle es zu den wesentlichen Aufgaben des Apothekers, unerkannte KHK-Patienten einer richtigen Therapie zuzuführen. Denn allein das Fehlen typischer Beschwerden schließt eine KHK oder sogar einen Herzinfarkt keinesfalls aus. Vor allem im Frühstadium bleibt der zur Ischämie des Herzmuskels führende Verschluss der Herzkranzarterien oft asymptomatisch. Die reversiblen Beschwerden einer Belastungsangina werden häufig falsch gedeutet, und selbst Patienten mit einer Instabilen KHK oder einem akuten Herzinfarkt denken bei ihren Beschwerden, die von Schmerzen im Arm über Übelkeit und Erschöpfung bis zu Schlaflosigkeit reichen können, nicht an einen atherosklerotischen Gefäßverschluss. Indizien für die Erkrankung sind vielmehr verschiedene, zum Teil in der Apotheke bestimmbare serologische Marker wie erhöhte Blutfett- und Blutdruckwerte sowie bestimmte Risikofaktoren. Zu denen zählen neben Rauchen vor allem Bewegungsmangel, Übergewicht und Diabetes mellitus. Auch die familiäre Vorbelastung kann Aufschluss über die Wahrscheinlichkeit einer KHK liefern; Alter und Geschlecht sind weitere diesbezügliche Kenngrößen.

Da wesentliche Determinanten für die Wahrscheinlichkeit einer KHK in der Apotheke zu erfragen beziehungsweise zu bestimmen sind, stehen dem Apotheker mittlerweile verschiedene Methoden zur Verfügung, das kardiovaskuläre Risikoprofil seines Kunden im Rahmen der Basaldiagnostik zu bestimmen. Auf der Grundlage verschiedener Studien wurden Algorithmen und Punktetabellen entwickelt, die als Instrument der Pharmazeutischen Betreuung dienen können. Informationen sowie kostenlose Rechenprogramme stehen beispielsweise unter www.chd-taskforce.de zur Verfügung. Dem Risikomanagement in der Apotheke, das keinesfalls die ärztliche Diagnose ersetzen kann und soll, dürfte neben der Profilierung der Apothekerberufes in Zukunft auch unter gesundheitsökonomischen Aspekten eine wachsende Bedeutung zukommen.

Apotheke als Gerichtsgebäude

Wodurch unterscheidet sich ein Selbstmedikationsarzneimittel der Apotheke von dem Produkt anderer Vertriebswege? Dieser Frage ging Dr. Hiltrud von der Gathen in ihrem Seminar zur Kundenbindung in der Selbstmedikation nach. Die Referentin unterstrich in diesem Zusammenhang einmal mehr die Bedeutung der pharmazeutischen Kompetenz. So sei das pharmazeutische Fachwissen der Vorsprung der Apotheke gegenüber anderen Vertriebswegen. Entsprechend müsse das pharmazeutische Personal in der Apotheke in der Lage sein, Arzneimittel der Selbstmedikation auf ihre Eignung – zum Beispiel Wirksamkeit, Dosierung, Darreichungsform – fachlich kompetent zu bewerten und damit der Gesundheit des Kunden ein Zuhause zu geben. Die Apotheke müsse sich auch angesichts der Interessen der pharmazeutischen Industrie als „Gerichtsgebäude für Arzneimittel“ bewähren. Gleichzeitig gelte es, das pharmazeutische Fachwissen auch gegenüber dem Kunden zu kommunizieren und die Apotheke als Ansprechpartner für alle Gesundheitsfragen der Kunden zu etablieren. Entsprechend betrachtet von der Gathen es als essenzielle Aufgaben des Apothekenteams, auch auf unausgesprochene Kundenwünsche einzugehen, neue Angebote zu machen und maßgeschneiderte Therapieempfehlungen zu geben. Top

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