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Keine Anzeichen für Missbrauch

12.09.2005  00:00 Uhr

Pille danach

Keine Anzeichen für Missbrauch

von Patrick Hollstein, Berlin

Die Rezeptfreigabe der »Pille danach« führt nicht zu einem veränderten Sexual- und Verhütungsverhalten bei jungen Frauen. Auch die Zahl der Notfallverhütungen bleibt unverändert. Zu diesen Ergebnissen kommen britische Wissenschaftler nach einer dreijährigen Untersuchung, die im British Medical Journal vorgestellt wurde.

In Frankreich und Schweden ist die Abgabe Levonorgestrel-haltiger Notfallkontrazeptiva ohne Rezept seit mehreren Jahren erlaubt. Zwar wurden in diesen Ländern seitdem keine Auffälligkeiten im Sexual- und Verhütungsverhalten junger Frauen beobachtet, große Studien zu den gesellschaftlichen Folgen eines freien Zugangs zur »Pille danach« fehlten jedoch bislang. Das OTC-Geschäft mit Notfallkontrazeptiva blieb daher umstritten.

Die Befürchtungen der Liberalisierungsgegner, ein niedrigschwelliger Zugang zu hormonellen Nachverhütungsmitteln führe vor allem bei Teenagern zu vermehrten ungeschützten Sexualkontakten sowie zu einem Missbrauch der Notfallkontrazeption, wurden jetzt weitgehend widerlegt: Wissenschaftler vom Imperial College in London hatten drei Jahre lang Frauen im Alter von 16 bis 49 Jahren zu ihren Verhütungspraktiken sowie ihren Erfahrungen mit der »Pille danach« befragt. Im Januar 2001 war im Königreich trotz großer Widerstände Levonorgestrel zur Nachverhütung aus der Verschreibungspflicht entlassen worden. Seitdem können Frauen, die älter als 16 Jahre sind, die Präparate für etwa 35 Euro ohne Rezept in der Apotheke kaufen oder bei Ärzten, Familienplanungseinrichtungen und in Kliniken kostenlos beziehen.

Im Rahmen der Omnibus-Studie, einer Mehrzweck-Untersuchung des nationalen Statistikamtes, wurden pro Jahr etwa 2000 Frauen zu ihrem Verhütungsverhalten befragt. Im Verlauf der Untersuchung änderten sich die Anwendungshäufigkeiten der regulären Verhütungsmethoden nicht. Auch der Anteil an nicht verhütenden Personen blieb im Untersuchungszeitraum mit etwa 21 Prozent konstant.

Tatsächlich genutzt wurden Notfallkontrazeptiva sowohl vor als auch nach der Rezeptfreigabe von etwa 8 Prozent der Befragten. Drei Viertel der Frauen aus dieser Gruppe hatten nur einmal im Jahr nachverhüten müssen. Den Wissenschaftlern zufolge waren es vor allem junge, allein stehende Frauen, die auf die Möglichkeit zur nachträglichen Empfängnisverhütung zurückgegriffen haben: So lag die Inanspruchnahme bei Singles dreimal so hoch wie bei den verheirateten Befragten. Frauen zwischen 20 und 24 Jahren nutzten die »Pille danach« dreimal so häufig, Teenager zweimal so häufig wie Frauen über 30 Jahren. Trotzdem waren insgesamt mehr als 50 Prozent der Nutzerinnen älter als 25 Jahre. Ein Einfluss von Bildung oder Einkommen war nicht erkennbar.

Lediglich bei der Wahl des Bezugsortes beobachteten die Wissenschaftler einen eindeutigen Trend: Die Zahl an Arztkonsultationen im Zusammenhang mit der Notfallverhütung ging von über 60 auf knapp 50 Prozent zurück. Im ersten Jahr nach der Freigabe nutzten knapp 20 Prozent der Frauen die Möglichkeit, sich direkt in der Apotheke beraten zu lassen; 2002 nutzte bereits ein Drittel das wertvolle Zeit sparende Angebot. Die Mehrzahl der Frauen aus dieser Gruppe war älter als 25 Jahre. Allerdings konnte allein ein hohes Einkommen als statistischer Prädiktor für die Selbstmedikation von Notfallkontrazeptiva ausfindig gemacht werden. Top

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