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Fortbildung hautnah

11.09.2000  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-VerlagPHARMACON WESTERLAND

Fortbildung hautnah

von Ulrich Brunner und Daniel Rücker, Westerland

Galenik ist die Domäne der Pharmazeuten schlechthin. Keine andere Berufsgruppe kennt sich mit der sachgerechten "Verpackung" von Arzneistoffen so gut aus wie der Apotheker. Auch in dieser Disziplin hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Das macht es unerlässlich, sein Wissen regelmäßig aufzufrischen.

Einen Schwerpunkt zum Auftakt des 26. Seminarkongresses der Bundesapothekerkammer bildete daher in diesem Jahr die Pharmazeutische Technologie. Dabei drehte sich auf Sylt alles um die Haut. Neben einem Vortrag beschäftigten sich auch zwei Seminare mit den Transdermalen Therapeutischen Systemen. Zusätzlich standen die Magistralrezepturen auf dem Programm. Den zweiten Teil der Bericherstattung vom Westerländer Pharmacon mit dem Schwerpunktthema Rheuma lesen Sie in der nächsten Ausgabe der PZ.

Transdermale Pflaster sind beratungsintensiv

Pflaster zur transdermalen Anwendung sind eigentlich nichts Neues. Schon um 1830 half eine Einreibung aus ammoniakalischem Seifenspiritus mit Bilsenkrautextrakt, Rohopium und Muskatblüten Seefahrern gegen die Reiseübelkeit. Das war die Geburtsstunde des Scopolaminpflasters, berichtete Professor Dr. Karl Thoma aus München. Dabei diente der Seifenspiritus als Transporter durch die Haut und die lipophilen Schichten des Stratum corneums als retardierendes System, in dem sich der Wirkstoff staut. Noch heute gebe es zum Beispiel mit Gynokadin® Gel Darreichungsformen, die ähnlich funktionieren, so der Technologe.

Entscheidend dafür, ob ein Wirkstoff die Passage durch die Haut schafft, ist sein Verteilungskoeffizient. Er gibt an, ob sich die Substanz eher in lipophilem oder hydrophilem Medium anreichert. Arzneistoffe mit einer ausgeprägten Lipohilie können die Barriere Stratum corneum besser überwinden. Daneben sind aber auch Parameter wie das Molekulargewicht und die Dosis entscheidend.

Heute befinden sich laut Thoma vom Aufbau her zwei verschiedene Transdermale Therapeutische Systeme (TTS) auf dem Markt. Das bislang populärere Reservoirpflaster werde zunehmend durch Matrixpflaster ersetzt. Erstere bestehen aus einer undurchlässigen Folie, einem Wirkstoffreservoir, einer abgabebestimmenden Polymer-Membran und der Klebeschicht. Nachteil: Im Reservoir sind häufig auch Lösungsmittel mit allergenem Potenzial enthalten. Die Matrixpflaster kommen dagegen auch ohne Polymer-Membran und eine separate Klebeschicht aus. Zentrales Element ist hier eine Matrix, die mit dem Wirkstoff beladen ist. Sie klebt direkt auf der Haut und gibt kontinuierlich die Substanz frei. Da die Matrixpflaster allerdings häufig keine schützende Folie haben, sollte das Pflaster vor starker Sonneneinstrahlung geschützt werden, warnte Thoma.

Wichtig sei es, die Pflaster immer auf die richtige Körperpartie zu kleben. Dabei sollten gut durchblutete Flächen, zum Beispiel an Oberschenkel, Bauch, Rücken oder Oberarm gewählt werden, sagte der Referent. Die Haut dürfe dort natürlich vorher auf keinen Fall eingecremt werden.

Die in der Apotheke populärsten Transdermalen Therapeutischen Systeme sind die Estradiol-haltigen Pflaster. Die Applikation des Hormons über die Haut bietet laut Thoma verschiedene Vorteile. Einerseits ließe sich so der ausgeprägte First-pass-Effekt umgehen, und andererseits würde der Organismus durch die niedrige aber kontinuierliche Abgabe des Wirkstoff weniger belastet.

Eine weniger erfolgreiche Karriere hätten Nitroglycerin-Pflaster hinter sich, erklärte der Referent. Ihr Nachteil: Die so erreichten gleichmäßigen Nitroglycerin-Spiegel im Plasma führten schnell zu einer Gewöhnung und die vasodilatierende Wirkung lasse bereits nach wenigen Stunden nach. Daher sei es nötig, täglich eine rund achtstündige Nitratpause einzulegen; und das möglichst nachts, da es dann seltener zu Angina pectoris kommt.

Auch bei den Testosteron-Pflastern ist der richtige Klebezeitpunkt entscheidend. Thoma empfahl, die Pflaster entsprechend der zirkadianen Rhythmik immer abends um 22 Uhr aufzukleben. Besonders bei diesem Arzneistoff sei es zudem wichtig, die richtige Körperpartie zu wählen. Testosteron-Pflaster dürften auf keinen Fall auf Hautpassagen geklebt werden, die direkt über den Knochen liegen. Ansonsten reagiere die Haut unweigerlich mit Blasenbildung. Applikationsort der Wahl sei in diesem Fall das Scrotum, so der Technologe. Denn der Hodensack ist circa 40mal stärker durchblutet als der Oberarm. Top

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