Pharmazeutische Zeitung online

Kritik an Bayers Informationspolitik

13.08.2001  00:00 Uhr

Kritik an Bayers Informationspolitik

von Ulrich Brunner, Eschborn

Mittwoch vergangener Woche hat der Pharmakonzern Bayer weltweit den Vertrieb seines Lipidsenkers Cerivastatin (Lipobay®) eingestellt. Einen Tag nach der ersten Pressemeldung informierte das Leverkusener Unternehmen offiziell auch über die Arzneimittelkommissionen Ärzte und Apotheker und startete kurze Zeit später eine Rückrufaktion.

Die meisten Apothekerinnen und Apotheker erhielten die Nachricht aus Radio und Fernsehen. Dabei waren Börseninteressierte teilweise schon am frühen Mittwochmorgen über die Meldung gestolpert. Die ansonsten immer unmittelbar in die Rückrufaktionen eingebundene Apotheker- und Ärzteschaft reagierte auf die Informationspolitik des Pharmaunternehmens verschnupft. Die PZ sprach mit Dr. Petra Zagermann-Muncke von der Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker (AMK) in Eschborn sowie dem Geschäftsführer der Bayer-Vital GmbH, Dr. Hans-Joachim Rothe, über die Informationspolitik des Pharmakonzerns.

PZ: Wie und wann haben Sie von der Rückrufaktion erfahren?

Zagermann: Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker hat am Mittwoch gegen halb zehn über die PZ-Redaktion eine Bayer-Pressemitteilung erhalten, in der das Unternehmen die Rücknahme der im Markt befindlichen Ware ankündigt. Der gleiche Text stand auch auf der Homepage von Bayer. Da bis Mittwoch mittag von der Firma keine genauen Angaben zu erhalten waren, haben wir nachmittags über das Schnellinformationssystem einen Rundruf auf der Basis der Pressemitteilung an alle Apotheken veranlasst.

PZ: Ist das das übliche Prozedere bei Arzneimittelrückrufen?

Zagermann: Üblicherweise erhalten die Fachkreise - speziell die Stufenplanbeteiligten, zu denen die Arzneimittelkommission gehört - Informationen über Marktrücknahmen aus Risikogründen vor oder zumindest zeitgleich mit der Öffentlichkeit. Wir haben dann in der Regel Gelegenheit, über das AMK-Phagro-Schnellinformationssystem alle Apotheken über die Maßnahme und ihre Hintergründe zu informieren.

PZ: Welche Reaktionen kamen aus den Apotheken?

Zagermann: Einige Apotheken haben sich im Apothekerhaus beschwert, weil sie nicht rechtzeitig informiert wurden. Vor allem aber riefen ununterbrochen Apotheken an, die von uns wissen wollten, was eigentlich mit Lipobay los ist.

PZ: Die Apothekerschaft ist verärgert über die Informationspolitik des Hauses Bayer. Können Sie diesen Ärger nachvollziehen?

Rothe: Wir haben großes Verständnis dafür, wenn sich Ärzte, Apotheker und Patienten zu spät informiert fühlten. Wir können die betroffenen Ärzte und Apotheker hier nur nochmals um Verständnis dafür bitten, dass wir auch an die Vorschriften über die Veröffentlichung von wichtigen Finanznachrichten gebunden sind und bitten um Verständnis, dass dies auch für uns eine einmalige Aktion war - und hoffentlich auch bleiben wird. Wir haben uns in dieser Krisensituation intensiv bemüht, allen berechtigten Informationsinteressen und gleichzeitig auch den gesetzlichen Vorgaben gerecht zu werden. Für die bei vielen Ärzten, Apothekern und Patienten gleichwohl entstandene Verwirrung bitten wir um aufrichtige Entschuldigung.

PZ: Warum hat Ihr Unternehmen nicht zeitgleich mit den Meldungen an Analysten und Presse die Ärzte und Apotheker mit einem Rote-Hand-Brief gewarnt? So wäre die Information allen Beteiligten rechtzeitig zugekommen und Sie hätten das arzneimittelrechtlich vorgeschriebene Prozedere eingehalten.

Rothe: Die zeitliche Abfolge der getroffenen Informationsmaßnahmen lag nicht in unserem Ermessen, sondern folgte rechtlichen Vorgaben. Dazu gehört, dass wir alle Nachrichten, die den Börsenkurs der Bayer-Aktie wesentlich beeinflussen können, zunächst in einer Ad-Hoc-Mitteilung veröffentlichen müssen, die allen Investoren gleichzeitig zur Verfügung steht. Das ist gesetzlich so vorgeschrieben. Zum gleichen Zeitpunkt haben wir mit einer Pressemeldung auch die Weltöffentlichkeit informiert. Die nur Stunden vor der öffentlichen Bekanntgabe getroffene Entscheidung zum Vermarktungs-Stopp war damit eine sogenannte Insider-Information und besonderen rechtlichen Regelungen unterworfen. Eine vorherige Information bestimmter Zielgruppen wie Ärzte, Apotheker und Patienten war unglücklicherweise nicht möglich, um nicht gegen Gesetzesvorschriften zu verstoßen. Es war uns also untersagt, einzelne Zielgruppen wie Ärzte oder Apotheker vorher in Kenntnis zu setzen.

Zwar stand die Basisinformation unmittelbar nach Bekanntgabe der Ad-hoc-Meldung auch im Internet allen Interessenten zur Verfügung, doch es gab noch eine zeitliche Verzögerung bezüglich der Hintergrundinformationen für die Fachkreise. Die direkte schriftliche Information von Ärzten und Apothekern hat durch einen Rote-Hand-Brief zu erfolgen. Der Text musste mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte abgestimmt werden. Auch diese Abstimmung haben wir unverzüglich eingeleitet und den Brief am 09.08.2001 an die Fachkreise verschickt. Er wurde gleichzeitig ins Internet eingestellt.

PZ: In den letzten Tagen wurde in der Apothekerschaft Kritik laut, Bayer sei mehr am eigenen Aktienkurs als am Wohle der Patienten interessiert.

Rothe: Wir haben großes Verständnis für die Kritik an der Informationspolitik unseres Unternehmens, halten diese Kritik aber letztlich nicht für gerechtfertigt, weil sie durch gesetzliche Vorgaben bestimmt war. Schon gar nichts hat diese Vorgehensweise damit zu tun, dass für uns die wirtschaftlichen Interessen der Anleger oder die Medien wichtiger sind als die Information der Ärzte, Apotheker und Patienten. Gerade das Wohl der Patienten stand bei unserer Entscheidung im Vordergrund. Der schnelle Rückzug des Präparates zeigt, dass wir unserer Verantwortung gegenüber den betroffenen Patienten in besonderer Weise gerecht werden wollen. Sicherheit und Gesundheit von Patienten, die unseren Medikamenten vertrauen und darauf angewiesen sind, haben für uns Vorrang vor allen anderen Interessen. Deshalb war der schnelle und freiwillige Vermarktungs-Stopp für uns eine beschlossene Sache, als klar wurde, dass wir bestimmte Risiken nicht ausschließen können.

PZ: Was plant Ihr Unternehmen, um den Imageschaden Ihres Konzerns bei Apothekern und Ärzten zu beheben?

Rothe: Uns ist klar, dass die Ereignisse der letzten Woche und deren Folgen ein schwerer Schlag für unser Unternehmen sind. Ich bitte um Verständnis dafür, dass wir Ihnen heute - erst wenige Tage nach der Entscheidung - keine fertigen, neuen Konzepte vorlegen können. Wir werden jetzt die Analyse der Ereignisse auf ihre Auswirkungen abschließen und dann die notwendigen Schlussfolgerungen ziehen. Wir werden alles in unseren Kräften stehende tun, um die vorliegenden Probleme zu lösen, die notwendigen Anpassungen vorzunehmen und das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Vor allem wollen und müssen wir verlorengegangenes Vertrauen wiedergewinnen. Das sind wir den Menschen, die unseren Arzneimitteln vertrauen, unseren Kunden im Kreise der Ärzte- und Apothekerschaft, unserem Unternehmen, seinen Mitarbeitern und Aktionären schuldig. Wir hoffen insbesondere auch auf das Verständnis der Apotheker und darauf, dass wir gerade auch in dieser für unser Unternehmen nicht einfachen Situation die langjährige und bewährte Zusammenarbeit erfolgreich fortsetzen können. Top

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