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Gute Compliance dank fachgerechter Beratung

02.07.2001
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TREOSULFAN

Gute Compliance dank fachgerechter Beratung

von Eva-Maria Schmidt, Pinneberg

Das Zytostatikum Treosulfan zeichnet sich durch eine gute Verträglichkeit aus. Die hohe und relativ konstante Bioverfügbarkeit von Treosulfan-Kapseln ermöglicht eine nicht invasive Behandlung bei Patientinnen mit einem fortgeschrittenen Ovarialkarzinom (3). Werden die Patientinnen ambulant therapiert, trägt die sachgerechte Beratung in der Apotheke maßgeblich zur Compliance bei.

Die Beratung von Tumorpatienten zu Medikation und Supportivtherapie ist ein Baustein zur Complianceförderung. Wird der Betroffene ambulant mit einem peroralen Zytostatikum behandelt, ist er selbst für die Einnahme seiner Medikamente verantwortlich. Seine Compliance bestimmt den Therapieerfolg wesentlich mit. Faktoren auf Patientenseite, wie zum Beispiel Vergesslichkeit oder unkommunizierte Angst vor Nebenwirkungen sind schwer kontrollierbar. So kann es sein, dass der Tumorpatient beim nächsten Arztbesuch eine leere Tablettenschachtel präsentiert. In Wirklichkeit wurden die Tabletten aber nur vernichtet oder unsachgemäß "entsorgt".

Schlechte Compliance resultiert häufig aus mangelnder Information und Aufklärung (2). Arzneimittelbezogenes Wissen ist eine wesentliche Voraussetzung für gute Compliance. Wichtige Themen für die Beratung bei der Abgabe peroraler Chemotherapeutika sollen hier am Beispiel von Treosulfan erläutert werden.

Besser verträglich

Treosulfan hat einen festen Stellenwert in der Palliativtherapie des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms und wird in der Leitlinie der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe neben Etoposid, Paclitaxel und Topotecan empfohlen. Der Wirkstoff unterscheidet sich von den drei letztgenannten Arzneistoffen durch die gute Verträglichkeit (1). Treosulfan ist zur palliativen Monotherapie bei fortgeschrittenem Ovarialkarzinom zugelassen, wenn eine platinhaltige Standardtherapie zuvor versagt hat.

Der Arzneistoff ist sowohl als Trockensubstanz zur Bereitung einer Infusionslösung als auch in Form von Kapseln verfügbar. Die Abgabe der Kapseln setzt das Wissen über den Wirkstoff und mögliche Therapieschemata voraus. Um Patienten Ängste und Sorgen zu nehmen, sollte die gute Verträglichkeit hervorgehoben werden.

Um Dosierungsfehler beziehungsweise falsche Therapiepausen zu vermeiden, sollte das pharmazeutische Personal den Patienten ihr Therapieschema noch einmal erklären. Für Treosulfan-Kapseln existieren zwei gebräuchliche Schemata, daher muss der Apotheker Rücksprache mit dem behandelnden Arzt halten, falls der keine Einnahmehinweise auf dem Rezept vermerkt hat.

Da gerade bei Zytostatika die Angst vor unerwünschten Nebenwirkungen im Vordergrund steht, sollte der Apotheker unbedingt diese Befürchtungen seiner Patienten ausräumen. Die Art und Häufigkeit der zu erwartenden Nebenwirkungen sollte deutlich kommuniziert werden. Im aufgeführten Beispiel kann der Apotheker die moderaten Nebenwirkungen in den Vordergrund stellen, denn die bei einer Chemotherapie weit verbreiteten Begleiteffekte wie Übelkeit und Haarverlust treten unter Treosulfan nur selten auf.

Bei peroraler Gabe leiden nur rund 0,4 Prozent der Patienten unter Entzündungen der Mundschleimhaut. Diese treten insbesondere dann auf, wenn die Kapseln zerkaut werden. In 2,3 Prozent der Fälle kann es zu Magen-Darm-Beschwerden kommen, die sich durch gleichzeitige Aufnahme von Milch und Nahrung mildern lassen. Leichter Haarausfall wird bei 16 Prozent der Patienten beobachtet. Auch über eine Pigmentierung der Haut in Form einer Bronzefärbung wurde in einigen Fällen berichtet.

In Einzelfällen beobachteten Mediziner grippeähnliche Beschwerden, Missempfindungen (Parästhesien), eine Blasenentzündung mit Blutung (hämorrhagische Zystitis), Morbus Addison oder Hypoglykämien. Bei einem Fall von Herzmuskelerkrankung war ein Zusammenhang mit Treosulfan nicht völlig auszuschließen.

Treosulfan schränkt die Funktion des Knochenmarks ein. Diese dosislimitierende Wirkung normalisiert sich jedoch im allgemeinen wieder, wenn das Medikament abgesetzt wird. Die Funktionsstörung äußert sich in einer Verminderung der Leukozyten- und Thrombozytenzahl und in einem Abfall der Hämoglobinwerte. In der Regel erreichen die Spiegel nach 28 Tagen aber wieder die Ausgangswerte.

Da die Störungen der Knochenmarkfunktion im Laufe der Behandlung stärker werden können, sollte ab dem dritten Zyklus das Blutbild in kürzeren Abständen kontrolliert werden. Dies ist besonders wichtig, wenn die Patienten zusätzlich Therapien erhalten, die das Knochenmark angreifen, wie zum Beispiel Bestrahlungen. Auch ausgedehnte zytostatische Vorbehandlungen gilt es zu beachten. Treosulfan darf bei bestehender schwerer Schädigung des Knochenmarks nicht angewendet werden.

Bei einer Leukozytenzahl unter 2000 pro µl und/oder einer Thrombozytenzahl unter 100.000 µl ist die Treosulfan-Behandlung nicht angezeigt. Erst wenn sich das Blutbild normalisiert, sollte eine Therapie mit Treosulfan begonnen werden.

Es liegen keine Erfahrungen über die Treosulfan-Gabe in Schwangerschaft und Stillzeit vor. Da jedoch Schädigungen der Frucht und ein möglicher Übergang in die Muttermilch nicht ausgeschlossen werden können, darf das Arzneimittel in der Schwangerschaft und Stillzeit nicht gegeben werden. Patientinnen im geschlechtsreifen Alter sollten während und in den ersten drei Monaten nach der Behandlung verhüten.

Treosulfan wird zu 30 Prozent renal eliminiert. Daher ist mit einer entsprechend verminderten Elimination bei eingeschränkter Nierenfunktion zu rechnen.

Wirkungsmechanismus

Treosulfan gehört zu den bifunktionellen Alkylantien. Trotz struktureller Ähnlichkeit zum Busulfan hat das Molekül auf Grund der zwei Hydroxylgruppen einen anderen Wirkmechanismus. Unter physiologischen Bedingungen (pH 7,4 und 37°C) erfolgt eine Enzym-unabhängige intramolekulare nukleophile Substitution. Der Epoxidring schließt sich und es wird jeweils ein Molekül Methansulphonsäure abgespalten. Die daraus resultierenden Verbindungen 1,2-Epoxy-3,4-Butandiol-4-Methansulfonat und L-Diepoxybutan sind als wirksame Reaktionsprodukte anzusehen, die an biologische Makromoleküle binden können. DNA-Alkylierungen am Guanin-N7 sowie DNA Cross-linking und Doppelstrangbrüche konnten nachgewiesen werden, wodurch die antiproliferative und zytotoxische Wirkung ausgelöst wird. Treosulfan selbst ist pharmakologisch inert und ist somit ein Prodrug der alkylierenden Epoxide.

Therapieschemata und Einnahmeempfehlungen

Die zwei gebräuchlichen Therapieschemata sind im Kasten dargestellt. Die Dosis sollte aber dem Blutbild angepasst werden. Leukozyten- und Thrombozytenzahlen müssen also während der Therapie sorgfältig kontrolliert werden. Je nachdem wie der Patient anspricht, muss die Dosis nach oben oder unten korrigiert werden. Bei zusätzlicher Bestrahlung muss die Dosis auf alle Fälle gesenkt werden.

Nehmen die Patienten neben dem Zytostatikum zusätzlich Ibuprofen oder Chloroquin ein, kann deren Wirkung abgeschwächt werden.

Die Kapseln sollen - unterteilt in drei vier Einzeldosen - unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit eingenommen werden. Bei einer Überdosierung müssen symptomatische Maßnahmen ergriffen werden. Es steht kein spezifisches Antidot zur Verfügung.

 

Schema I

1. bis 28. Tag
400 bis 600 mg Treosulfan pro m2 Körperoberfläche täglich (drei bis vier Kapseln)

29. bis 57. Tag
Therapiepause, anschließend Wiederaufnahme

Therapiedauer
üblicherweise bis zur Progression

 

Schema II

1. bis 7. Tag
1,5 g Treosulfan pro m2 Körperoberfläche täglich (sechs Kapseln)

8. bis 28. Tag
Therapiepause, anschließend Wiederaufnahme

Therapiedauer
üblicherweise bis zur Progression

 

 

Literatur

  1. Kurzgefasste interdisziplinäre Leitlinie der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in InFoOnkologie 3 (2000) 174 - 9.
  2. Strohbach, D., et al., Krankenhauspharmazie 22 (2001) 203 - 206.
  3. Hilger, R. A., et al., Cancer Chemother Pharmacol 45 (2000) 483 - 488.
  4. Heuer, H., et al., Compliance in der Arzneitherapie ; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart.

 

Anschrift der Verfasserin
Dr. Eva-Maria Schmidt
Aschhoopwiete 23b
25421 Pinneberg
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