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Apotheker und Universität

22.05.2000  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-VerlagPHARMAZIEHISTORISCHE BIENNALE

Apotheker und Universität

von Axel Helmstädter, Leipzig

Seit zwanzig Jahren bemüht sich die Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (DGGP) in ihren Kongressen, die Stellung des Apothekers in seinem gesellschaftlichen Umfeld aufzuarbeiten. Die diesjährige Biennale vom 12. bis 14. Mai 2000 in Leipzig widmete sich den Beziehungen des Pharmazeuten zur Hochschule und stand unter dem Motto "Apotheker und Universität". Schwerpunkt der Vorträge: die Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert.

DGGP-Präsident Dr. Klaus Mayer hob die Bedeutung der Historie als Ursprung, Basis und Wurzel vieler Entwicklungen hervor, die wir in der Gegenwart erleben. So seien beispielsweise Diskussionen über die Novellierung der Approbationsordnung für Apotheker ohne historischen Hintergrund kaum sachgerecht zu führen. In diesem Sinne könne die DGGP, wie andere Fachgesellschaften auch, wichtige Beiträge leisten. Dass diese dankbar zur Kenntnis genommen werden, bekräftigte der Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG), Professor Dr. Theodor Dingermann, in seinem Grußwort. Er lobte die hervorragende Kooperation zwischen beiden Organisationen, die keineswegs in Konkurrenz stünden sondern synergistisch zusammenwirkten. Das zeige sich zum Beispiel an dem schon lange akzeptierten Status der Pharmaziegeschichte als gleichberechtigter Fachdisziplin innerhalb der DPhG.

Ein langer Weg zur Hochschule

Den Werdegang des Apothekers zum Akademiker beleuchtete Dr. Berthold Beyerlein aus Traunstein. Er verwies auf die ab Mitte des 18. Jahrhunderts eintretende Verwissenschaftlichung der Naturforschung. Gerade Apotheker leisteten zu dieser Zeit wichtige Beiträge zur Erforschung chemischer und biologischer Zusammenhänge. Entsprechend löste sich die wissenschaftlich ambitionierte Berufsgruppe von ihrer handwerklichen Tradition und schuf zunächst in Eigenregie hochschulähnliche Ausbildungsgänge. Hierfür standen pharmazeutische Privatinstitute zur Verfügung, dessen bekanntestes von Johann Bartholomäus Trommsdorff in Erfurt geleitet wurde. Trommsdorff war wie viele seiner Zeitgenossen der Auffassung, dass nur ein wissenschaftlich ausgebildeter Apotheker den Berufsanforderungen in vollem Umfang gerecht werden kann.

Mehr und mehr angehende Pharmazeuten besuchten daher, allerdings auf freiwilliger Basis und nur für wenige Semester, die Hochschulen und hörten Vorlesungen in Chemie oder Medizin. Als erstes deutsches Land schrieb Bayern 1808 einen zweisemestrigen Hochschulbesuch vor, der für das gesamte deutsche Reichsgebiet 1875 obligatorisch wurde. Erst 1920 wurde das Abitur Zugangsvoraussetzung zum Pharmaziestudium, was sich historisch gesehen als größter Hemmschuh für die Etablierung des Faches im akademischen Kanon erweisen sollte.

Pharmazeuten erhielten oft nur eine limitierte Immatrikulation und die Einrichtung von Lehrstühlen scheiterte häufig an der fehlenden Reifeprüfung der fachlich geeigneten Kandidaten. So wurden pharmazeutische Ausbildungsinhalte lange Zeit nur als Hilfswissenschaften von Chemie oder Medizin vermittelt. Die ordentliche Professur für Pharmazie stellt daher bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland die Ausnahme dar.

Eidgenossenschaft stand einheitlicher Ausbildung im Weg

In der Schweiz war der Apotheker vor 1800 in handwerkliche Zünfte integriert und daher eher ein Element der Handelsorganisation als des Gesundheitswesens, beschrieb Professor Dr. François Ledermann aus Bern. Er ging in seinem Referat auf die Ausbildungssituation in der Schweiz und in Frankreich ein. Aus dieser Zeit gibt es nur wenige Regelungen zur Apothekerausbildung, die sich in Apothekerordnungen und -eiden finden. Typisch für die Schweiz ist die kantonale Zersplitterung des Verordnungswesens; so erließen einige größere Städte bereits um 1600 Prüfungsordnungen (Genf 1569; Zürich 1650), während solche in anderen Kantonen erst im 19. Jahrhundert entstanden.

Auch in der Schweiz entwickelte sich um 1800 das Verlangen nach akademischer Ausbildung, dem vielen Pharmazeuten durch ein Studium im Ausland nachkamen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Apothekerausbildung nach und nach auch in Schweizer Universitäten integriert. Allerdings stand die stark föderalistische Organisation der Eidgenossenschaft auch nach 1850 einer einheitlichen Ausbildung im Wege. Erst 1877 gab es in der Schweiz eine einheitliche Prüfungs- und Ausbildungsordnung als Folge des „Bundesgesetzes über die Freizügigkeit der Medizinalpersonen„, das noch heute in seinen Grundzügen gültig ist. Zeitweise bestanden in der Schweiz fünf pharmazeutische Hochschulinstitute in Lausanne (ab 1873), Bern (1891 bis 1996), Zürich (ab 1892), Basel (ab 1916) und Genf (ab 1923).

In Frankreich hingegen galten schon früh einheitliche Ausbildungsrichtlinien; in Montpellier ist eine akademische Ausbildung für Pharmazeuten durch Mediziner bereits im 16. Jahrhundert nachweisbar. Diese wurde in der Folge eines königlichen Erlasses von 1777 institutionalisiert. 1803 wurde die Ausbildung zum Apothekerberuf grundlegend reformiert; in Paris, Straßburg und Montpellier entstanden akademische Pharmazieschulen, die im ganzen Land gültige Diplome verleihen konnten.

Studium war in Polen schon ab 1844 obligatorisch

Früher als in westeuropäischen Staaten setzte die Entwicklung in Polen ein. Professor Dr. Wladyslaw Szczepanski, Olsztyn, nannte in diesem Zusammenhang die erste Professur für Pharmazie und Materia medica in Krakow (1783). Zunächst immatrikulierten sich dort wie auch an den Universitäten Wilno und Warschau nur wenige Studenten, da für die Leitung einer Apotheke eine mit Examen abgeschlossene praktische Ausbildung genügte. 1844 wurde in Polen das Hochschulstudium für angehende Apotheker obligatorisch. Die akademischen Ausbildungsmöglichkeiten für Pharmazeuten in Polen wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts kontinuierlich erweitert. Als jüngste selbstständige Einrichtung entstand 1986 die pharmazeutische Abteilung in der Ärztlichen Akademie Bialystok.

Das Pharmaziestudium im Nationalsozialismus

Während der Zeit des Nationalsozialismus kennzeichnen mehrere, teilweise gegenläufige Strömungen die pharmazeutische Ausbildung, hoben Dr. Ursula Pohl, Hannover, und Claus Gansen, Marburg, hervor. So war man anfangs der 30er Jahre davon überzeugt, zu viele Pharmazeuten auszubilden und führte neben allgemeinen Hochschul-Zugangsbeschränkungen auch Lehrapotheken als weiteren Engpassfaktor für die Apothekerausbildung ein. Zu Kriegsbeginn zeigte sich dann, dass ein großer Apothekermangel bestand, dessen Nachwirkungen bis weit in die Nachkriegszeit reichten. 1934 wurde die Apothekerausbildung grundlegend reformiert; die Approbationsordnung brachte den Hochschulen zusätzliche Aufgaben und Fächer. Allerdings waren diese finanziell, räumlich und organisatorisch nur ansatzweise in der Lage, ihren Auftrag zu erfüllen.

1938 wurden dann zehn pharmazeutische Institute in Deutschland geschlossen, um an den verbleibenden Einrichtungen bessere Bedingungen schaffen zu können. Dazu kam es jedoch auf Grund finanzieller Engpässe sowie des Kriegsbeginns nicht und die Möglichkeit der Hochschulen, überhaupt ein der Prüfungsordnung entsprechendes Studium anbieten zu können, stand in Frage.

Hinsichtlich ihrer Forschungsprojekte hatten sich die pharmazeutischen Hochschullehrer, die sich im Wesentlichen mit dem nationalsozialistischen System zu arrangieren suchten, nach politischen Vorgaben zu richten. Im Rahmen der allgemeinen Autarkiebestrebungen stand die Erforschung einheimischer Heilpflanzen im Vordergrund; vor allem bei laxierenden Drogen war man weitgehend auf Importe angewiesen. Viele Pharmazeuten engagierten sich auch in der vom Regime unterstützten Fettforschung mit dem Ziel, künstliche Streichfette und Salbengrundlagen zu schaffen.

Hochschulpharmazie in der DDR

Unter den 1938 geschlossenen pharmazeutischen Instituten befanden sich mit Halle, Greifswald und Rostock drei Einrichtungen auf dem Boden der ehemaligen DDR. Nach dem Kriege wurde dort die Ausbildung jedoch wieder aktiviert, so dass bei Gründung des zweiten deutschen Staates fünf Ausbildungsstätten zur Verfügung standen. Zunächst wurde nach der Prüfungsordnung von 1934 unterrichtet; 1951 erhöhte man die Mindestsemesterzahl von 6 auf 8 und vertiefte die Ausbildung vor allem in den Fächern Galenik und Pharmakologie, berichtete Professor Dr. Christoph Friedrich aus Greifswald. Wissenschaftlich standen zunächst traditionelle Forschungsgebiete der Analytik und Pharmakognosie im Vordergrund, später bildeten sich andere Schwerpunkte in der pharmazeutischen Technologie und der Biochemie von Pflanzeninhaltsstoffen.

In Leipzig konnte sich unter Günther Wagner eine eigene wissenschaftliche Schule auf pharmazeutisch-chemischem Gebiet etablieren. Ende der 60er Jahre schlossen die pharmazeutischen Institute in Rostock, Leipzig und Jena, da man nur noch geringen Bedarf an akademisch ausgebildeten Apothekerinnen und Apothekern sah. Die verbliebenen Einrichtungen adaptierten in der Folge recht flexibel neue Lehrinhalte wie Biopharmazie, Pharmakologie, Arzneimittel-Standardisierung, oder auch Kybernetik und Datenverarbeitung. Obligatorisch war zusätzlicher gesellschaftspolitischer Unterricht. Im Gegensatz zu fast allen westdeutschen Universitäten konnte seit den siebziger Jahren eine Diplomarbeit im Fach Pharmazie angefertigt werden.

Militärpharmazie galt in der DDR als eigenes Hochschulfach, so Carsten Dirks aus Bielefeld. Die angehenden Sanitätsoffiziere der Nationalen Volksarmee wurden an der Greifswalder Militärmedizinischen Sektion (MMS) unterrichtet, die bis 1963 unabhängig von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität agierte. Später erfolgte die Ausbildung überwiegend innerhalb des zivilen Unterrichts, wurde jedoch in der vorlesungsfreien Zeit durch spezifisch militärpharmazeutische Ausbildungsinhalte ergänzt. Die zukünftigen Armeeapotheker waren in Kasernen untergebracht und trugen auch an der Hochschule Uniform.

Auf und Ab in Leipzig

Die wechselvolle Geschichte der Pharmazeutenausbildung an der Universität Leipzig zeichnete Dr. Erika Mayr aus Leipzig nach. An der bald 600 Jahre alten Universität gab es seit 1668 einen Hochschullehrer für Chemie in der medizinischen Fakultät, der bisweilen Pharmazeuten als Hörer hatte. 1819 wurde ihnen in Sachsen nach bayerischem Vorbild ein zweisemestriges Studium mit Vorlesungen in Botanik, Physik, Chemie und Materia medica vorgeschrieben. Im Zuge der Ausdifferenzierung des Hochschulfaches Chemie im 19. Jahrhundert entstand 1865 eine außerordentliche Professur für Pharmazeutische Chemie. Dem Ordinarius für Organische Chemie, Hermann Kolbe, gelang 1873 in Leipzig die berühmte, nach ihm benannte Synthese von Salicylsäure. Die Zahl der Leipziger Pharmaziestudenten erreichte zwischen 1904 und 1912 ihren Höhepunkt und sank im und nach dem Ersten Weltkrieg kontinuierlich.

Einen besonderen Ruf hatte die Universität auf Grund ihrer, allerdings in der medizinischen Fakultät aufbewahrten, umfangreiche Drogensammlung, deren Ursprung auf das Jahr 1840 zurückging. Von ihr überstanden nur einige Exponate den zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg erlebte die Apothekerausbildung in Leipzig eine neue, durch herausragende Hochschullehrer geprägte Blütezeit. 1968 ging das Institut allerdings in der neu gegründeten "Sektion Biowissenschaften" auf und der Studiengang Pharmazie wurde geschlossen. Nach der deutschen Wiedervereinigung konnte das traditionelle "Laboratorium für angewandte Chemie" im Jahre 1993 dann wieder die pharmazeutische Ausbildung aufnehmen.

Schon seit 1915 Multiple Choice

Im Herbst dieses Jahres wird das Erste Pharmazeutische Staatsexamen zum 50sten Male im Antwortwahlverfahren ("Multiple Choice") durchgeführt. Anlass für Dr. Klaus Mayer vom Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen (IMMP) in Mainz, der Geschichte dieser Prüfungsart nachzugehen. Die Methode stammt aus der experimentellen Psychologie und wurde ursprünglich in Amerika bei Testverfahren für Intelligenz und Gedächtnis eingesetzt. Die erste bekannte Antwortwahlfrage stammt aus dem Jahre 1915 und ist Bestandteil eines Lesetests zur angewandten Zoologie. Vor allem die amerikanische Armee übernahm das Verfahren nach 1917 um Rekruten zu prüfen, da sich die Tests so leicht und zuverlässig auswerten ließen und eine Massenanwendung gut möglich war. Aus dem gleichen Grund verbreitete sich das Verfahren rasch in Schulen und Hochschulen der USA, einem Land, das im Gegensatz zu Deutschland eine lange Tradition der Lehr- und Prüfungsevaluation pflegt.

1951 wurde der Multiple-Choice-Test für Pharmakologie und Innere Medizin an Stelle der bis dahin dominierenden Aufsatzprüfung in Amerika eingeführt. Seit 1971 ist er Bestandteil der deutschen Prüfungsordnung für Apotheker. Die Einführung vor fast 30 Jahren wird in Verbindung gebracht mit den Reformbestrebungen an deutschen Universitäten Ende der 60er Jahre, in deren Zuge man eine Entpersonalisierung und Objektivierung von Prüfungen anstrebte. Die deutschen Hochschullehrer, die zunächst die Einführung des Systems befürwortet hatten, wandelten sich allerdings schon bald zu seinem Gegnern.

Das Sächsische Apothekenmuseum

Vor knapp einem Jahr öffnete im Gebäude der ehemaligen Homöopathischen Centralapotheke Wilmar Schwabes das Sächsische Apothekenmuseum. Die Teilnehmer der Leipziger Biennale konnten wie bereits etwa 3000 Besucher zuvor die auf etwa 100 m2 eindrucksvoll präsentierte Sammlung unter die Lupe nehmen. Die Exponate sind in drei Räumen ausgestellt, deren erster dem Apothekenwesen in Sachsen gewidmet ist. Der zweite Saal zeigt Stücke zur Geschichte der pharmazeutischen Industrie, Arzneimittelanalytik und Pharmakognosie. Der dritte Raum illustriert die Geschichte der Homöopathie. Ein Schmuckstück ist die vergoldete Statue des König Salomo, die die ehemalige Leipziger Salomon-Apotheke zierte.

Die vom Sächsischen Apothekerverband und dem Förderverein Sächsisches Apothekenmuseum getragene Einrichtung befindet sich gegenüber der Thomaskirche und ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, Donnerstags von 14 bis 20 Uhr geöffnet.Top

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