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Mehr Multidisziplinarität pflegen

01.05.2000
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-PharmazieGovi-VerlagPZ-INTERVIEW

Mehr Multidisziplinarität pflegen

von Hartmut Morck, San Francisco

Vom 16. bis 20. April fand erstmals ein Weltkongress der Pharmazeutischen Wissenschaften in San Francisco statt, der „ Millennial World Congress of Pharmaceutical Sciences„. Veranstalter waren neben der International Pharmaceutical Federation (FIP), die American Association of Pharmaceutical Scientists (AAPS), die Association de Pharmacie Galenique Industrielle (APGI), die Academy of Pharmaceutical Science and Technology of Japan (APSTJ), die vor dem Kongress ihre Jahrestagung abhielt, die Controlled Release Society (CRS), die European Federation for Pharmaceutical Sciences (EUFEPS) und die Pharmaceutical Society of Japan (PSJ). Inwieweit die Veranstalter mit dem Verlauf des Kongresses zufrieden waren, wollten wir von Professor Dr. Hans Junginger aus Leiden, Scientific Secretary der FIP, der neben Professor. Dr. Leslie Z. Benet vom Department of Biopharmaceutical Sciences der Universität von Californien- San Francisco, an der Planung des Kongresses maßgeblich beteiligt war.

PZ: Herr Professor Junginger, 18 Plenarvorträge, 200 Seminarvorträge, 772 Poster und rund 2500 Teilnehmer aus 50 Ländern. Sind Sie mit diesen Zahlen zufrieden und würden Sie den 1. Weltkongress der Pharmazeutischen Wissenschaften als Erfolg ansehen?

Junginger: Ich glaube schon, dass wir mit dem Verlauf des Kongresses zufrieden sein dürfen und der Erfolg kann uns durchaus stolz machen. Wir hatten kein Vorbild, so dass wir auch keine Vergleiche ziehen können. Natürlich hätten wir uns über eine größere Anzahl von amerikanischen Kolleginnen und Kollegen als Teilnehmer gefreut. Für die Amerikaner ist noch die AAPS das gewohnte Forum. Aber ich hoffe, dass mit der Zeit auch sie einen Weltkongress als ihr Forum akzeptieren. Trotzdem wir sind zufrieden. Nach San Francisco kamen immerhin 600 Japaner und 500 Europäer, der Rest waren Amerikaner. Damit hatte der Kongress eine vernünftige Größe. Jeder Teilnehmer konnte die Übersicht behalten.

PZ: Das war der 1. Weltkongress. Werden weitere folgen?

Junginger: Da die Resonanz so positiv war, werden wir weitere Weltkongresse veranstalten, wahrscheinlich im Abstand von vier Jahren. Der nächste findet eventuell 2004 in Japan statt, da der nächste Chairman des Board of Pharmaceutical Sciences der FIP , also der Nachfolger von Leslie Benet, mit Yuichi Sugiyama ein Japaner sein wird.

PZ: Sind diese Weltkongresse der Pharmazeutischen Wissenschaften nicht als Konkurrenz zu den Jahreskongresses der FIP zusehen, die bisher auch alle zwei Jahre einen größeren wissenschaftlichen Teil hatten?

Junginger: Die Furcht, dass solche Kongresse die Wissenschaft von der Offizinpraxis trennen könnten, bestand in der Tat. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass die FIP ihrer Kongressstruktur neu gestalten wird. Das Jahr 2000 mit diesem Wissenschaftskongress in San Francisco und dem Welt-Kongress der Pharmazie in Wien muss als Übergang gesehen werden. Bereits in Singapur 2001 werden wir zwei parallele Kongresse, einen für die pharmazeutischen Wissenschaften und einen für die Apothekenpraxis, durchführen. Ziel ist es, dass die Wissenschaftler zu den Vorträgen der Praktiker, und umgekehrt, die Praktiker zu den wissenschaftlichen Vorträgen gehen, so dass hoffentlich ein reger Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis stattfindet. Die wissenschaftlichen Kongresse sind also keine Konkurrenz zu den bisherigen FIP-Kongressen sondern sie sollen mit diesen eine Symbiose bilden.

PZ: In seiner Eröffnungsansprache betonte der FIP-Präsident Peter Kielgast, dass dieser Kongress als Brücke von Wissenschaft zur Praxis zu sehen ist. Schaut man allerdings auf die Inhalte des Kongresses, fällt es schwer, diese Brücke zu erkennen. Wo sehen Sie die Brückenfunktion dieses Kongresses?

Junginger: Man sollte dieses Bild nicht zu eng sehen. Ich sehe die Brückenfunktion dieses Kongresses darin, dass das sehr hohe wissenschaftliche Niveau den Praktikern das Rückgrat für ihrer Arbeit liefert und auf politischer Ebene den Berufsstand stärkt. Auf der anderen Seite sind auch die Industriekollegen Praktiker und hier hat dieser Kongress eine deutliche Brückenfunktion übernommen. Das hängt aber auch mit dem offeneren Umgang der Hochschule mit der Industrie in den USA zusammen. Davon sind die Europäer noch weit entfernt. Dort wird die Symbiose der Hochschule mit der Industrie noch zu wenig erkannt.

PZ: Die Inhalte dieses Kongresse zeigen mir einen Paradigmenwechsel in den Pharmazeutischen Wissenschaften: Weg vom statischen Denken, hin zu einem von der Natur abgeleitenen logischen Ansatz einer individuellen Arzneimitteltherapie. Schlagworte wie Genomics, Proteomics, Gene-maps etc auf diesem Kongress belegen diesen Wechsel. Muß die Pharmazie generell umdenken?

Junginger: Ja, sie muß umdenken. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms führt zu neuen Ansätzen in der Therapie. So wird mit der Gentherapie kausale Heilung möglich, wo bisher nur symptomatisch behandelt werden konnte. Wir wissen inzwischen, dass unsere Enzymausstattung nicht bei allen Menschen gleich ist. Mit DNA-Chips wird es möglich werden, Wechselwirkungen vorauszusagen und Krebs schon vor Ausbruch behandeln zu können. Wir kommen in eine Ära der präventiven Therapie. Und in dieser Ära werden Molekularbiologen, Toxikologen und Humangenetiker sowie Informatiker eine wichtige Rolle spielen. Das heißt, das klassische Bild des Apothekers wird es nicht mehr geben, deshalb wird es notwendig sein, dass die pharmazeutischen Wissenschaften multidiziplinärer angelegt werden. Diese Multidiziplinarität muß sich aber auch in der Ausbildung widerspiegeln, ansonsten würden die Apotheker große Zukunftschancen auslassen.

PZ: Schaut man auf die deutschen Beiträge auf diesem Kongress: Ein Plenarvortrag von 18 durch Professor Schunack, sechs von 200 Seminarvortägen und neun von 772 Postern. Spiegeln diese Zahlen nach Ihrer Meinung den augenblicklichen wissenschaftlichen Stellenwert der deutschen Pharmazie wider?

Junginger: Ich würde das nicht so sehen. Deutsche und Franzosen tun sich nach wie vor schwerer im Vergleich zu Ländern, wie zum Beispiel der Schweiz, den Niederlanden und Schweden, sich international zu präsentieren. Andere nationale Kongresse sind leichter zu erreichen und kostengünstiger. Dazu kommen die Sprachbarrieren. Es wächst aber zur Zeit eine jüngere Generation nach, die sich bereits hervorragend in englischer Sprache präsentieren kann. Ich würde deshalb behaupten, dass der Stand der pharmazeutischen Wissenschaften in Deutschland nicht schlechter ist als in anderen Ländern. Trotzdem möchte ich die nationalen Gesellschaften motivieren, solche internationalen Gelegenheiten mehr zu promovieren, weil vor allem der internationale Austausch die Wissenschaften voranbringen kann.

PZ: Ist mein Eindruck falsch, dass in den USA die Forscher freier sind und schneller eine Idee umsetzen können, weil das Geld auch zur Verfügung steht?

Junginger: Dieser Eindruck ist sicher nicht falsch. Der bürokratische Aufwand, in den USA an Forschungsgelder zu kommen, ist wesentlich geringer. Außerdem ist die Industrie auch an vielen Projekten der Grundlagenforschung beteiligt, was in Deutschland, wenn überhaupt, eine Ausnahme ist.

PZ: Was sollte sich in Deutschland ändern, damit die deutsche pharmazeutische Forschung nicht den Anschluss an die Weltspitze verliert?

Junginger: Die deutschen Forscher in der Pharmazie sollten nach innen und außen offener sein für interdisziplinäres Handeln. Sie sollten mehr nach innovationen Ideen suchen, sich international präsentieren sowie national und international nach Kooperationen suchen. Isolation und Eigenbrödelei wird die deutsche pharmazeutische Forschung nicht weiterbringen, weil man sie zu wenig kennt,und letztlich dazu führen, dass sie an Bedeutung verliert, da die persönlichen internationalen Kontakte fehlen.Top

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