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Krebs heilt man nicht mit Vitaminen

16.02.2004  00:00 Uhr

Krebs heilt man nicht mit Vitaminen

von Conny Becker, Berlin

Soliden Daten und nicht den Versprechungen von spektakulären Wunderheilern sollten Eltern krebskranker Kinder vertrauen, forderte Professor Dr. Günter Henze von der Charité, Berlin. So warnte er davor, zu Gunsten einer reinen Vitamintherapie eine schulmedizinische Behandlung abzulehnen, die mittlerweile drei Viertel der Kinder retten kann.

„Was hier in aller Öffentlichkeit verbreitet wird, spielt mit den Ängsten und Gefühlen der Eltern, aber auch mit dem Leben der Kinder“, warnte Henze, Sprecher des Kompetenznetzes Pädiatrische Onkologie und Hämatologie, auf einer Pressekonferenz in der Charité. Dabei bezieht sich der Mediziner auf die Aktionen von Dr. Matthias Rath, der derzeit publikumswirksam Einzelschicksale auf Großveranstaltungen zur Schau stelle, anstatt mit Dokumentationen und Statistiken zu arbeiten. Raths so genannte „Zellular Medizin“, die teure Vitaminpräparate gegen Krebs und Herzinfarkt anpreist, entbehre jeder wissenschaftlichen Grundlage und so rät auch die schweizerische Krebsliga von diesen Präparaten ab und stattdessen zu einer ausgewogenen Ernährung (www.swisscancer.ch).

Auf der anderen, schulmedizinischen Seite werden seit mehr als 30 Jahren in Deutschland Therapiestudien betrieben, die die Behandlung der Kinder verbessern sowie deren Nebenwirkungen vermindern konnten. So leben inzwischen 25.000 bis 30.000 Menschen in Deutschland, die eine Krebskrankheit im Kindesalter überlebt haben – das entspricht einem von 1000 jungen Erwachsenen. Drei von vier seiner etwa tausend behandelten Kinder seien nun Langzeitüberlebende, so Henze.

Nebenwirkungen lassen sich bei einer Chemotherapie zwar nicht vermeiden, die Heilungsraten sprechen jedoch für sich. In der Therapie der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) sind sie mit Einführung der Chemotherapie in den letzten 30 Jahren von annährend Null auf 85 Prozent gestiegen. ALL macht etwa 80 Prozent der Leukämien aus, die ein Drittel aller bösartigen Erkrankungen bei Kindern darstellen. Hier wurden Zytostatika erstmals eingesetzt, da sie auf dem Blutweg wirken, also dasselbe Vehikel wie die Erkrankung benutzen. Nachfolgend konnten sie sich auch bei anderen Krebsarten beweisen. Wer wie Rath behaupte, man könne Krebs günstiger und ohne Nebenwirkungen heilen, nehme dem Kind eine substanzielle Heilungschance und betrüge die Eltern, so Henze.

Vitamine nicht in einen Topf werfen

Die angebliche Heilung des Vorzeigekindes Dominik begründet der Onkologe mit einer der Vitamintherapie vorangegangenen Zytostatikabehandlung. Breche ein Kind (beziehungsweise seine Eltern) diese ab, sehe es nach vier Wochen aus „wie das blühende Leben“ und erscheine körperlich völlig gesund. Tatsächlich seien die Leukämiezellen jedoch nur um zwei Zehnerpotenzen reduziert und befänden sich somit nicht mehr im messbaren Bereich. „Erst, wenn ich einem erkrankten Kind, das allein eine Vitamintherapie über zehn Jahre bekommen hat, die Hand schütteln kann, bin ich bereit an sie zu glauben.“

Bis dahin sieht er den Einsatz von Vitaminpräparaten in der Krebsbehandlung eher kritisch, wird doch zum Beispiel mit Methotrexat ein Zytostatikum eingesetzt, dass eine Antivitaminwirkung hat. Der natürliche Agonist Folsäure wirkt auf Leukämiezellen nämlich als Wachstumsfaktor, Methotrexat kehrt diesen Effekt um.

Eine neoplastische Erkrankung gebe es jedoch, die mit einem Vitamin, genauer einer Vorstufe von Vitamin A, behandelt werden kann – die Promyelozytenleukämie, eine Unterform der akuten myeloischen Leukämie. Sie entsteht auf Grund eines Genaustauschs zwischen den Chromosomen 15 und 17, woraus eine abnorme Genanordnung, das RARa-Rearrangement, resultiert. Das nunmehr codierte Fusionsprotein (PML-RARa) verhindert die Dissoziation des Histon-Deacetylase-Corepressor-Komplexes von der DNA, womit das normale Ablesen der DNA gestört wird. Mit einer hochdosierten Gabe von Alltrans-Retinsäure kann der Corepressor abgespalten, die DNA abgelesen werden und die entarteten Zellen differenzieren sich zu reifen Neutrophilen. Im Gegensatz zur üblichen zytostatischen Chemotherapie wird hier direkt der vorliegende Defekt behandelt. Seitdem diese Vitamintherapie zusätzlich zur Chemotherapie eingeführt wurde, konnte die Heilungsrate von 50 auf 90 Prozent erhöht werden.

Dieser Therapieansatz basiert jedoch auf wissenschaftlichen Überlegungen und kann mit den Vitaminpräparaten, über die sich Rath finanziert, nicht verglichen werden. Zudem sind dessen Produkte nach Aussage des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte in Deutschland nicht verkehrsfähig, da sie für Nahrungsergänzungsmittel zu hoch dosiert sind und ihnen für Arzneimittel der Wirkungsnachweis fehlt.

Umfassend aufklären und beraten

Henze baut lieber auf Fakten. So bietet etwa das Kinderkrebsregister in Mainz seit 1980 eine Übersicht zur Krebshäufigkeit bei Kindern in Deutschland, ihre regionale Verteilung sowie über epidemiologische Studien. Hiermit erkannte man zum Beispiel, dass in der Umgebung von Industrieanlagen und Kernkraftwerken nicht, wie zuvor angenommen, mehr Kinder an Krebs erkranken.

Zwar müsse man in der Therapie stetig neue Strategien weiterverfolgen, um die Heilungschancen zu verbessern; dies jedoch kontrolliert, mit einer Dokumentation der Wirkungen und Nebenwirkungen, einer Ethikkommission, die die Studie begutachtet, sowie klaren Ziel- und Abbruchkriterien. So werden in Deutschland flächendeckend rund 90 Prozent der an Krebs erkrankten Kinder in Therapiestudien behandelt.

Wichtig: Trotz wissenschaftlicher Herangehensweise dürfen Mediziner die Ängste und Unsicherheit der Kinder, Eltern und Familien nicht vernachlässigen, so Henze. Sonst würden sich diese Hilfe auf dem Gebiet der Scharlatanerie suchen. Um über das Wesen der Erkrankung aufzuklären, seien stets viele Gespräche notwendig. Top

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