Pharmazeutische Zeitung online

Glaubwürdig im Handeln sein

16.12.2002
Datenschutz bei der PZ
Porträt

Glaubwürdig im Handeln sein

von Brigitte M. Gensthaler, Stuttgart

„Der Arme wird Dir das Brot, das Du ihm reichst, nur verzeihen, wenn Du es ihm in Liebe reichst.“ Immer wieder zitiert Karin Johanna Haase den Heiligen Vinzenz von Paul, wenn sie von ihrem Beruf, der Pharmazie, und den Aufgaben des Apothekers spricht. Kein Wunder: Die Kollegin gehört der Gemeinschaft der Vinzentinerinnen an. Die PZ besuchte sie im Marienhospital in Stuttgart.

Als knapp Zwanzigjährige trat Karin Johanna Haase 1980 in den Orden der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul in Untermarchtal ein. Den kurz darauf zugeteilten Pharmaziestudienplatz in Tübingen nahm sie nicht an, sondern absolvierte zunächst eine dreijährige geistlich-theologische Ausbildung. Nach drei berufsvorbereitenden Praktika - unter anderem in der Apotheke des Stuttgarter Marienhospitals - entschied sie sich gemeinsam mit der Ordensleitung erneut für ein Pharmaziestudium. Sehr gerne erinnert sie sich an ihre Studentenzeit an der Freien Universität im turbulenten, quirligen, damals noch geteilten Berlin.

Pharmazie als Berufung

Beruf und Berufung mag die energische Frau nicht trennen. „Ich versuche beides zu verbinden.“ Schwester Karin Johanna leitet seit 1991 die Krankenhausapotheke des Marienhospitals in Stuttgart und ist damit verantwortlich für die Versorgung von 1000 Betten im Marienhospital und anderen kleineren Einrichtungen. Apothekerin und Ordensfrau - beides sei ihr Auftrag, sagt sie mit leuchtenden Augen. „Meine Berufung ist es, in dieser Ordensgemeinschaft als Apothekerin zu leben und zu arbeiten. Mein Beruf ist ein Stück Berufung, kein Job.“

Der französische Ordensgründer Vinzenz von Paul hat der Gemeinschaft im 17. Jahrhundert verschiedene Aufgaben gegeben, darunter Krankenpflege, Gefangenenseelsorge, Sorge für Kinder, alte und kranke Menschen. Eine Aufgabe hat Schwester Karin Johanna besonders beeindruckt: Als „Pharmacien des pauvres“, als Apotheker für Arme, sollten Ordensmitglieder wirken. Vor diesem Hintergrund versteht sie ihren Beruf. Sie fühlt sich den Menschen verpflichtet. Dies gelte für den Umgang mit Mitarbeitern, Ärzten, Pflegepersonen, Patienten und Angehörigen. „Und Pharmavertretern“, ergänzt sie lachend.

Da sie in dem vom Orden getragenen Haus wohnt, könne sie sich Zeit nehmen für Gespräche, auch wenn es dann abends oft spät wird. Ihre Kolleginnen in der Apotheke hätten dafür Verständnis. Als Chefin steht sie sechs Apothekerinnen, sieben PTA, fünf PKA und etlichen weiteren Mitarbeitern vor. Die Apotheke sei im Haus bekannt für gute Kommunikation und viele Kontakte zu den Menschen, die hier - wenigstens zeitweise - leben. „Das Du ist ein großer Schwerpunkt unserer Gemeinschaft.“

Vertrauen und Glaubwürdigkeit

Hat sie als Nonne in Tracht bei Patienten und deren Angehörigen einen Bonus? Schwester Karin Johanna ist sich sicher: „Als Ordensfrau genieße ich einen absoluten Vertrauensvorschuss, wenn ich als Person glaubwürdig bin. Dass ich daraufhin getestet werde, habe ich schon in der Studentenzeit erlebt.“ Wenn die „Prüfung“ erfolgreich verläuft, sei das Ansehen groß, auch in der sehr säkularen und weltzugewandten Gesellschaft. Das habe auch eine Mitschwester erfahren, die bei der Methadon-Vergabe mitarbeitet. „Selbst Junkies glauben einer Ordensschwester mehr als einem Laien.“ Gleiches gelte für eine Kollegin aus einem anderen Orden, die obdachlose Menschen betreut.

Glaubwürdigkeit - dieser Begriff taucht im Gespräch immer wieder auf. „Ich mag nicht, wenn jemand nur groß redet“, sagt die resolute Frau und zitiert den Gründer der Gemeinschaft: „Seid gut und man wird Euch glauben.“ So einfach sei das.

Ihre religiöse Bindung prägt die Berufsausübung der Pharmazeutin stark. Natürlich birgt dies auch Konfliktstoff. Das Krankenhaus, in dem etwa 75 Vinzentinerinnen leben und arbeiten, habe eine „sehr differenzierte Meinung“ zu Organentnahme und -transplantation, In-vitro-Fertilisation oder Gentechnologie. Schwester Karin Johanna kommt dies entgegen, aber sie sieht die Diskussion eher pragmatisch. „Wenn es dem Menschen nützt“, müsse man vieles versuchen. In solchen Fragen Grundsatzentscheidungen zu treffen, sei jedoch sehr schwierig. Wieder zitiert sie einen Grundsatz des Heiligen Vinzenz, der ihr viel bedeutet. Mitunter müsse man „Gott um Gottes Willen verlassen“.

Den Menschen dienen

Für eine grundlegende Aufgabe der Kirche hält sie die Begleitung des Menschen in schweren Situationen und nennt beispielhaft Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch erwägen, und unheilbar kranke Menschen. Hier bestehe ein großes Defizit der Kirche, sagt sie und erinnert an das Debakel mit der Schwangerenkonfliktberatung.

Das Marienhospital unterhält eine große Palliativstation, auf der die Patienten umfangreich schmerztherapeutisch betreut werden. Um die Begleitung und Betreuung kranker Menschen zu verbessern, investiere die Ordensgemeinschaft viel Geld. Die Palliativmedizin müsse weiter ausgebaut werden, fordert Schwester Karin Johanna und lehnt Sterbehilfe entschieden ab.

Auch im Offizinalltag haben Apotheker eine besondere Verantwortung für die Menschen. „Unser Beruf ist zwar stark wirtschaftlich geprägt, aber wir Apotheker handeln eben nicht mit Bonbons, sondern mit Arzneimitteln. Damit ist eine hohe Verantwortung verbunden. Ein Medikament zu haben oder nicht zu haben - das kann für einen kranken Menschen sehr wichtig sein.“

Mehr Sensibilität fordert sie im Umgang mit Kunden und Patienten. Viele wollten nur ein Medikament besorgen, aber viele suchten auch Rat und Hilfe. Hier müssten Apotheker mit Feingefühl unterscheiden. „Ich gehe vom mündigen Patienten aus, dem ich nichts aufdrängen darf, keine Ware und auch keine Beratung. Er wird fragen oder wenigstens signalisieren, wenn er etwas wissen will.“ Ganz wichtig sei es, die Menschen in ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen und diesen zu entsprechen.

Die Pharmazie versteht Schwester Karin Johanna als dienenden Beruf, ihre Apotheke als Dienstleistungsbetrieb. Dass der Einsatz für die Patienten Früchte trägt, erfahre sie zunehmend von Offizinkollegen. „Bislang habe ich mehr dienende Apotheker kennen gelernt als andere.“

Mittel verantwortlich einsetzen

Eine interessante Einstellung hat Schwester Karin Johanna - praktische Betriebswirtin, Kostenmanagerin in ihrer Apotheke und seit Sommer Rechnungsführerin bei der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg - zum Sparen. „Vinzenz von Paul war der Meinung, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit den Mitteln hochethisch ist, gerade wenn die Ressourcen knapp sind“, sagt die Frau, die jährlich erneut Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam gelobt.

Dass ihr Gehalt an den Orden geht, stört sie nicht. Dies diene dem Erhalt von Einrichtungen und Funktionen der Gemeinschaft; schließlich müssen beispielsweise das Mutter- und das Bildungshaus in Untermarchtal und die Missionsstation in Tansania unterhalten werden. Auch neue Aufgaben - zum Beispiel als ihre Mitschwester den Dienst bei der Vergabe von Substitutionsmitteln und der Betreuung von Drogenabhängigen aufgenommen hat - trage oft erst mal die Gemeinschaft. Inzwischen wird diese Leistung jedoch honoriert. Außerdem entrichtet der Orden alle Sozialabgaben für die Schwester - sie hat Anspruch auf eine Rente -, stellt Unterkunft und Haushaltsgeld.

Zeiten der Stille

Hat Schwester Karin Johanna bei allen Aufgaben und Ansprüchen noch Zeit für sich selbst? Ja, auf Zeiten der Stille und des Gebets lege sie großen Wert; diese dienten der persönlichen Entwicklung. „Wenn ich mir selbst etwas Gutes tue, entsteht ein bisschen Frieden um mich herum.“ Top

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa