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Rasante Entwicklung in Pharmazie und Medizin

02.12.2002  00:00 Uhr

Biotechnologie
Rasante Entwicklung in Pharmazie und Medizin

von Hannelore Gießen, Tutzing

Wird sich die Biotechnologie in diesem Jahrzehnt zur Basis von Medizin und Pharmazie, von Agrarwirtschaft und Umweltschutz entwickeln? Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, ist dieser Auffassung. Einen Blick in die Glaskugel wagten Vertreter aus Pharmaindustrie, Wirtschaft und Forschung Mitte November während eines Workshops der Evangelischen Akademie in Tutzing bei München.

Wie steht die Bevölkerung zu Gentechnik und Biotechnologie? Nach wie vor werden rote und grüne Gentechnik ganz unterschiedlich bewertet. Bei der roten Gentechnik nehmen die Bürger den Nutzen deutlich wahr und bewerten ihn hoch. Die Hoffnungen richten sich auf neue Medikamente und Gentherapien. Für die grüne Gentechnik fehlt dagegen vielen eine tragfähige Begründung. Nicht nur Deutschen geht es so; eine europäische Studie zeigte diese Grundtendenz in allen zwölf teilnehmenden Ländern.

Vom Nutzen der grünen Gentechnik

Antimatsch-Tomate, Herbizd-resistenter Mais, Vitamin-A-haltiger Reis – erste Vertreter gentechnisch veränderter Lebensmittel. Brauchen wir das? In den nächsten dreißig Jahren wird sich der Bedarf an Nahrungsmitteln für die Welt verdoppeln. Ohne grüne Gentechnik sei dieser Bedarf nicht zu decken, stellte Dr. Manfred Kern von Bayer Crop Science fest.

Weltweit sind über 90 transgene Nutzpflanzen zugelassen, etwa 550 warten in den Labors. In Europa wurden jedoch sämtliche Freisetzungsversuche durch das EU-Moratorium gestoppt. Es seien zwar Produkte auf dem Markt, die rekombinant hergestellte Enzyme, Aromen oder Triebmittel enthalten, jedoch kein gentechnisch hergestelltes Lebensmittel, auch nicht die Antimatschtomate.

Außerhalb Europas sieht es ganz anders aus. China setzt vehement auf die Biotechnologie und wird nach Kerns Auffassung zum Expediteur biotechnologischer Methoden werden. Die grüne Gentechnik werde kommen, ob Europa mitmacht oder nicht, prophezeite der Agrarexperte.

Rote Gentechnik etabliert

Insulin war der Anfang. 1977 isolierte Professor Dr. Axel Ulrich, der heute im Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried forscht, das Gen für Insulin. Ein Jahr später wurde das humane Insulin in den USA entwickelt, bereits vier Jahre später kam Humaninsulin als Humulin auf den Markt.

In der Arzneimittelherstellung ist die Technik nicht mehr wegzudenken. Heute sind 95 rekombinante Arzneimittel auf dem Markt und 371 in unterschiedlichen Phasen der Entwicklung. Auf rekombinant hergestellte Arzneimittel entfallen gut sieben Prozent des Umsatzes im deutschen Pharmamarkt, zwanzig Prozent mehr als im Vorjahr. Spitzenreiter sind Impfstoffe und monoklonale Antikörper.

Bei den Diagnostika ist der Einsatz der Biotechnologie noch weiter fortgeschritten: Diagnostika aus der „Biotech-Pipeline“ decken bereits ein Drittel des Marktsegments ab. Pharmaforschung und Industrie betrachten die Biotechnologie als unverzichtbar. Einig waren sich die Workshopteilnehmer, dass biotechnologische Methoden keine neuen Märkte schaffen, sondern ganz überwiegend andere Produkte oder Therapien substituieren.

Liaison aus BigPharma und Biotech

1973 wurde das erste biotechnologische Experiment vorgenommen, und schon drei Jahre später mit Genentech das erste Biotechnologie-Unternehmen gegründet. Damit entstand ein neuer Typ von kleinen hoch spezialisierten Unternehmen, meist Ausgründungen von Universitäten, die oft auch Grundlagenforschung betreiben. Den Startschuss zur Gründungswelle der deutschen Startups gab der BioRegio-Wettbewerb 1996. Heute gibt es weltweit 4300 solcher Biotech-Unternehmen, in Deutschland sind es 365.

Abgesehen von den Entscheidungen der Politik steht die Pharmabranche gegenwärtig unter besonderem Druck: In den nächsten Jahren laufen 18 Patente der 45 umsatzstärksten Arzneimittel auf dem internationalen Markt aus. Neue Blockbuster im entsprechenden Umfang zeichnen sich nicht ab, so dass die Unternehmen dringend auf Erfolge bei der Arzneimittelentwicklung warten.

Die pharmazeutische Großindustrie bleibt angewiesen auf die Biotechs, die als kleine Unternehmen schnell und flexibel reagieren können. Umgekehrt brauchen die kleinen Firmen das Know-how und die Kompetenz eines etablierten Unternehmens für Entwicklung, Zulassung und Vermarktung. Allerdings wird sich nach Einschätzung der Teilnehmer die Zahl der Biotechs durch Zusammenschlüsse, aber auch Insolvenz etwa halbieren. Dieses Szenario stützt sich auf den Deutschen Biotechnologie-Report 2001 der Unternehmensberatung Ernst & Young.

Fortschritt kostet Geld

In den letzten 25 Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung um zehn Jahre gestiegen. Verbunden damit sind rasant steigende Kosten im Gesundheitswesen. Das wirft eine Fülle ethischer, aber auch politischer Fragen auf. Unser Sicherheitsstandard ist inzwischen so hoch, dass es 25 Millionen Euro kostet, eine einzige Infektion bei einer Bluttransfusion zu verhindern.. Top

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