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Spätschäden bei Akromegalie verhindern

04.10.2004
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Pegvisomant

Spätschäden bei Akromegalie verhindern

von Brigitte M. Gensthaler, München

Robert Wadlow (1918 bis 1940) gilt laut Guiness-Buch der Rekorde als größter Mensch der Welt. Er war 272 cm groß. Der weitaus häufigste Grund für einen Riesenwuchs ist ein gutartiger Tumor der Hypophyse, der eine Überproduktion von Wachstumshormon auslöst. Mit Operationen, Bestrahlung und Medikamenten versucht man, die Hypersekretion einzudämmen.

Entgleist der Wachstumshormon-Haushalt (Growth Hormone, GH) bereits im Kindesalter, resultiert ein Riesenwuchs oder Gigantismus. Da im späteren Lebensalter „nur“ noch die Körperenden (Akren) weiterwachsen, entsteht eine Akromegalie, erklärte Professor Dr. Christian Strasburger von der Berliner Charité bei einer von Pfizer unterstützten Pressekonferenz in München. Gesichtszüge und -haut werden gröber, die Lippen wulstig, die Nasolabialfalte tiefer und Nase, Hände, Füße und Höcker über den Augen wachsen. Gefährlicher als die Entstellung sind eine Vergrößerung innerer Organe wie Herz, Leber und Darm, Flüssigkeitsretention und Weichteilschwellung. Die Folgen sind teilweise lebensgefährlich.

Das Wachstum des Herzens kann über Rhythmusstörungen bis zum Herztod führen. Häufig leiden die Betroffenen auch an Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Luftmangel im Liegen bis hin zum Schlafapnoe-Syndrom, Karpaltunnelsyndrom durch Kompression des Nervus medianus im Handgelenk, Muskelschwäche, starkem Schwitzen und Gelenkbeschwerden. Da GH ein Gegenspieler von Insulin ist, entgleist der Zuckerstoffwechsel bei vielen Akromegalie-Patienten. Jeder Vierte leidet an Diabetes mellitus, bei jedem zweiten ist die Glucosetoleranz gestört, warnte der Endokrinologe.

Nach Beobachtungen in Neuseeland sterben die Patienten im Mittel zehn Jahre früher als die Normalbevölkerung. Die Überlebenswahrscheinlichkeit korreliert direkt mit den Spiegeln an Insulin-like Growth Factor I (IGF-I). Dieses Protein wird aus der Leber und anderen Geweben nach Stimulation durch GH freigesetzt und vermittelt zahlreiche Effekte des Hormons. Bei einer IGF-I-Normalisierung sinkt auch die erhöhte Sterblichkeit.

Operation durch die Nase

Therapie der ersten Wahl bei einem neu entdeckten Adenom des Hypophysenvorderlappens ist die Operation, sagte Professor Dr. Christian Kasperk von der Medizinischen Uniklinik Heidelberg. Dabei versucht man, den gutartigen Tumor durch die Nase zu entfernen. Eine Heilung gelingt nur bei maximal der Hälfte der Patienten. Neben der risikobehafteten Strahlentherapie kommt eine medikamentöse Behandlung in Frage.

Nach Erfahrungen von Strasburger können oral verfügbare Dopaminagonisten wie Bromocriptin und Cabergolin IGF-I bei 20 bis 50 Prozent der Patienten normalisieren. Somatostatin-Analoga wie Octreotid oder Lanreotid seien bei etwa der Hälfte der Patienten wirksam und könnten das Adenom sogar verkleinern. „Aber etwa 30 Prozent brauchen eine effektivere Therapie“. Hier bietet der Wachstumshormon-Rezeptorantagonist Pegvisomant (Somavert®) seit knapp einem Jahr eine Option. In Deutschland erhalten derzeit 150 bis 200 Patient das subkutan zu applizierende Medikament, berichtete Privatdozent Dr. Bernhard Saller, Medizinischer Leiter für Endokrinologie und Diabetologie bei Pfizer.

Pegvisomant normalisiert IGF-I

Man beginnt mit einer Startdosis von 80 mg; dann injiziert der Patient vier bis sechs Wochen lang täglich 10 mg des pegylierten Proteins. Nach Kontrolle der IGF-I-Serumspiegel kann die nötige Dosis bis zu einer Höchstmenge von 30 mg pro Tag auftitriert werden. In der Zulassungsstudie konnte man damit die IGF-I-Spiegel bei 90 Prozent der Patient normalisieren. In einer kleinen Langzeitstudie blieb der Effekt über ein Jahr bestehen.

Pegvisomant blockiert die Wachstumshormon-Rezeptoren und damit die Signalweiterleitung in der Peripherie, wirkt nicht zentral und verkleinert den Tumor nicht. Um ein Tumorwachstum frühzeitig zu erkennen, muss man den Krankheitsverlauf durch kernspintomografische Aufnahmen regelmäßig kontrollieren, betonte Saller. Etwa 10 Prozent der Patienten bilden Antikörper gegen das gentechnisch hergestellte Protein, dies habe aber keinen Einfluss auf die Wirksamkeit.

Kleine Studien zeigen, so Saller, dass das Medikament nicht nur den IGF-I-Spiegel normalisiert und klinische Beschwerden lindert, sondern auch die Insulinsensitivität der peripheren Zellen erhöht, die Insulinspiegel im Blut senkt und die diabetische Stoffwechsellage bessert. Auf Grund der positiven Erfahrungen wolle Pfizer Pegvisomant als Medikament der ersten Wahl bei Akromegalie etablieren, wenn die Erkrankung operativ nicht zu heilen war. Auch bei weiteren Indikationen wie diabetische Nephropathie, Brust- und Darmkrebs soll der GH-Antagonist geprüft werden.

 

Akromegalie im Netz Das Netzwerk Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der 1994 von Patienten und Endokrinologen in Erlangen gegründet wurde. Zu den Erkrankungen, mit denen sich das Netzwerk beschäftigt, gehören Morbus Cushing, Prolaktinome, Akromegalie, hormoninaktive Hypophysenadenome, Diabetes insipidus, Morbus Addison sowie Hypophyseninsuffizienz. Näheres unter www.glandula-online.de.

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