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Pharmazeutische Betreuung auf dem Weg in die Praxis

13.09.1999
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-PharmazieGovi-VerlagPHARMACON WESTERLAND

Pharmazeutische Betreuung auf dem Weg in die Praxis

von Christiane Berg, Ulrich Brunner und Daniel Rücker, Westerland

Intensiv und kontrovers diskutiert: Die Pharmazeutische Betreuung. Bringt sie Vorteile für den Patienten? Eindeutig - wie die Hamburger Asthma-Studie zeigt. Auch die Apothekerschaft kann nur profitieren, wenn sie ihre Patienten kompetent pharmazeutisch betreut. Der fundierte Rat des Pharmazeuten wird dankbar angenommen und stärkt das Vertrauen in den Apotheker. Für Pharmazeutische Betreuung benötigt man das richtige Handwerkszeug. Der Grundstein wird zwar schon an der Universität gelegt, dennoch ist es wichtig, das Fachwissen regelmäßig aufzupolieren. Auf ihren wissenschaftlichen Kongressen hält die Bundesapothekerkammer das passende Rüstzeug bereit. Was die Initiatoren der Hamburger Studie auf dem 25. Pharmacon in Westerland vorstellten, gilt es jetzt in die Praxis umzusetzen.

Das Ziel ist ambitioniert. Vereinfacht lautet es: Mehr Leistung und Qualität bei reduzierten Kosten. Und konkreter: "Durch Pharmazeutische Betreuung kann die Lebensqualität des Patienten verbessert und die Arzneimitteltherapie optimiert werden", wie es Dr. Martin Schulz, Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis, Eschborn, auf den Punkt brachte. Die Hamburger Asthma-Studie habe gezeigt, daß die Betroffenen mehr über ihre Krankheit gelernt haben. Die informierten, motivierten und gesünderen Patienten verursachen bei den Krankenkassen weniger Kosten als ein durchschnittlicher Asthmatiker.

"Sie brauchen einen klugen Patienten, der die Hilfsmittel, die sie ihm an die Hand geben, auch richtig einzusetzen versteht", betonte Professor Dr. Franz Petermann vom Zentrum für Rehabilitationsforschung der Universität Bremen. Eine Aufgabe der Pharmazeutischen Betreuung sei es, dem Patienten dieses Wissen zu vermitteln. Petermann war zuständig für die psychosozialen Aspekte der Hamburger Studie. Bislang habe die Wissenschaft bei der Therapie ausschließlich auf den körperlichen Zustand des Patienten geachtet. Heute beurteilten Experten den Erfolg einer Behandlung zunehmend an seiner Lebensqualität. Hatten knapp zwei Drittel der Hamburger Asthmapatienten vor Studienbeginn über mangelnde Lebensqualität geklagt, besserte sich diese bei den meisten bis zum Studienende signifikant. Petermann: "Lebensqualität läßt sich durch pharmazeutische Betreuung steigern."

"Die Hamburger Studie wird bald als Meilenstein für die Betreuung von Asthmatikern in Deutschland gelten," bilanzierte Professor Dr. Karl-Christian Bergmann, Bad-Lippspringe. Für den Pulmologen ist dies ein Hoffnungsschimmer, denn "heute werden die meisten Asthmatiker ungenügend betreut". Sie wenden deshalb ihre Arzneimittel oft falsch an.

Die Mediziner geben meist den Patienten die Schuld für mangelnde Therapietreue, beklagt Bergmann. Er sieht dagegen Allgemein- und Fachärzte sowie Apotheker in der Pflicht. Die Ergebnisse der Studie belegten, dass die bessere Betreuung die Lebensqualität und den Gesundheitszustand der Patienten deutlich steigert. Sowohl nach Selbsteinschätzung als auch in den Lungenfunktionsparametern haben die betreuten Patienten besser abgeschnitten als die in der Kontrollgruppe.

Nach Bergmanns Überzeugung zeige dies, dass die Schulung von Asthmatikern in der Apotheke möglich ist - auch wenn es die meisten Fachärzte nicht glauben wollen. Diese Vorbehalte kann er nicht nachvollziehen. "Nicht nur der Patient und der Apotheker, auch der Arzt gewinnt, da er mehr Zeit für andere Aufgaben hat, wenn ihm der Apotheker die Patientenschulung abnimmt". Deshalb sein Appell an die Apotheker: "Haben Sie Mut, machen sie mit bei der Pharmazeutischen Betreuung von Asthmatikern oder Patienten mit anderen Krankheiten."

"Der erste Schritt ist getan, nun sind sie gefordert!", munterte auch Schulz das Auditorium auf. Pharmazeutische Betreuung sei in allen deutschen Apotheken umsetzbar, und zwar täglich.

Während der sich anschließenden Podiumsdiskussion zeigte sich Schulz überzeugt, daß die Mehrzahl der Apotheker vom Konzept der Pharmazeutischen Betreuung grundsätzlich überzeugt ist.

Die Hamburger Studie sei repräsentativ, da sie alle Schweregrade des Asthmas erfasste und unter Routinebedingungen stattgefunden hat, betonte Bergmann. Seines Erachtens nach könne man die Bedeutung der Hamburger Asthma-Studie gar nicht hoch genug einschätzen. Es lohnt sich, wenn sich die Apotheker einbringen, so sein Resümee.

Die falsche Anwendung eines Arzneimittels ist die Diskreditierung eines guten Therapeutikums, sagte der Moderator der Podiumsdiskussion, Dr. Gerd Glaeske, Wuppertal, der eine Effizienzoptimierung im Gesundheitswesen forderte, um "mit gleichen Mitteln mehr zu erreichen. Auf der Basis der Studienergebnisse müsse man auch über Möglichkeiten der besseren Vernetzung und Zusammenarbeit im Gesundheitswesen nachdenken, so Glaeske, der unter dem Aspekt der Kosteneinsparung auf die Notwendigkeit der Integration in den gesamt-medizinischen Bereich verwies. Für den Apotheker sei die Pharmazeutische Betreuung "das Qualifizierungsinstrument schlechthin". Die in die Studien zur Pharmazeutischen Betreuung investierten Mittel seien sehr gut angelegt. Glaeske sprach von einer "Investition in die Zukunft, die zur Stabilisierung der Rolle des Apothekers beitragen wird".

Patientenschulung gebe es in der Medizin bei jeder chronischen Erkrankung. In diesem Konzert müsse man mitmachen, da die Ansprüche wachsen, betonte Petermann. Der Apotheker müsse Antwort finden auf die Frage, wie er den Patienten und Kunden langfristig binden kann. Er müsse dem Informationsbedürfnis des Patienten gerecht werden und dieses in seinen Alltagsprozeß integrieren. Er müsse Kommunikations-, Schulungs - und kaufmännische Kompetenz zeigen. "Sie müssen wissen, was der Patient fühlt. Stellen Sie Fragen, auch wenn sie noch so ungewöhnlich sind. Das erzeugt Vertrauen".

Zwar liegen Standards und Guidelines medizinischer Fachgesellschaften vor, so Bergmann, doch sei es sehr mühsam, diese überall durchzusetzen. Es müsse gelingen, den Patienten zu führen, bestätigte der Mediziner, der sich ebenfalls von den Effekten der Pharmazeutischen Betreuung sehr überzeugt zeigte.

Petermann forderte eine stärkere Gesprächsbereitschaft von Ärzten und Apothekern, die versuchen müßten, sich in die Lage des Patienten zu versetzen. "Fragen Sie den Patienten nicht nur , was er macht, sondern auch, wie er es macht, um sein Krankheitskonzept zu verstehen". Petermann beklagte, daß der Perspektivenwechsel nur von sehr wenigen Ärzten vollzogen wird, dabei sei er notwendig, um eine effektive medizinische Versorgung des Patienten zu gewährleisten. Compliance müsse dauerhaft immer wieder hergestellt werden. Die chronische Erkrankung bedeute für den Patienten eine Herausforderung, die ihn zum Umdenken auffordert und mit sich bringt, daß er sich immer wieder "neue Dinge erschließen muß".

Sehr erfreut über die Entwicklungen auf dem Sektor der Pharmazeutischen Betreuung zeigte sich der Präsident der Bundesapothekerkammer, Dr. Hartmut Schmall. "Wir haben Trends, die mutig machen". Es hätten sich bereits viele mit der Pharmazeutischen Betreuung angefreundet. Dem Apotheker, der sich auf diesem Gebiet engagieren möchte, werde ausreichend Material und Schulungsmöglichkeiten an die Hand gegeben, um den Anforderungen gerecht zu werden. Top

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