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Ausbildung stärker auf Patienten ausgerichtet

01.09.2003
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Studium in GB

Ausbildung stärker auf Patienten ausgerichtet

von Michael Heinrich, London

In den letzten Jahren ist in Deutschland eine intensive Diskussion über Lehrinhalte und Dauer aller Studiengänge entbrannt. Dieser Beitrag ist ein persönlicher Bericht über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Pharmaziestudiums in Großbritannien im Vergleich zu Deutschland.

Die Bedeutung und Qualität der deutschen Hochschulausbildung ist stark in die Diskussion gekommen. Als ein Resultat ist zum Beispiel das Fach Klinische Pharmazie gemäß den neuen Vorgaben der Approbationsordnung ein integraler Bestandteil des Pharmaziestudiums. In Deutschland gibt es zum Stellenwert dieses Fachs noch wenig Erfahrung, doch in Großbritannien* und Nordirland werden angewandte und klinische Fragen schon lange in der Ausbildung berücksichtigt.

*In diesem Beitrag wird einheitlich der Begriff Großbritannien verwendet, da diese Beschreibung vor allem für England und Wales und bis zu einem gewissen Grad auch Schottland gilt. Nordirland dagegen hat eine eigene unabhängige pharmazeutische Gesellschaft.

Pharmazie ist wie in allen Ländern nur im Kontext des gesamten Gesundheitssystems zu verstehen. Im Falle von Großbritannien sind aus deutscher Perspektive zwei zentrale Unterschiede hervorzuheben: Zum einem liegt die Gesundheitsversorgung in den Händen des National Health Services (NHS), einer staatlichen Einrichtung, die alle Briten grundlegend medizinisch versorgt (aber viele chronische Krankheiten und Konditionen wie auch zahnärztliche Versorgung nur teilweise abdeckt). Zum anderen gehören die meisten der englischen Apotheken inzwischen zu Ketten wie Boots oder Moss, so dass die Mehrzahl der Apotheker als Angestellte arbeitet. Die privaten Apotheken spielen eine wesentliche Rolle bei der Basisversorgung der Patienten innerhalb des staatlichen NHS. Darüber hinaus ist die Rolle der Krankenhausapotheker sehr viel weiter entwickelt als in Deutschland.

Kein einheitlicher Lehrplan

In Großbritannien bilden die Europäischen Direktiven zur Ausbildung in Pharmazie (85/432/EEC und 95/433/EEC) und die nationalen Rahmengesetze sowie der auf dieser Grundlage entwickelte und recht allgemein gehaltene „Indicative Syllabus“ (richtungsweisender Lehrplan) der Royal Pharmaceutical Society of Great Britain

(RPSGB) die Basis für die Hochschulausbildung. Dies führt zu deutlichen Unterschieden im Lehrplan der einzelnen Hochschulen. Somit kann dieser Artikel nicht repräsentativ die Ausbildung in Großbritannien wiedergeben. Vielmehr zeigt er am Beispiel der School of Pharmacy in London Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum deutschen Pharmaziestudium auf.

Die Londoner Universität ist die älteste der in Großbritannien etablierten Ausbildungsstätten für Pharmazie und wurde vor über 160 Jahren von der „(Royal) Pharmaceutical Society of Great Britain“ gegründet (1842). Heute ist sie ein autonomes College innerhalb der föderalen Universität Londons. Die Auswahl der Studierenden liegt an allen englischen Hochschulen ausschließlich in der Hand der jeweiligen Hochschule (siehe Tabelle 1). Nach einer zentralen Bewerbung (UCAS) evaluiert die Hochschule die Kandidaten zum Beispiel nach den Schwerpunktfächern der Schüler (auf jeden Fall Chemie und/oder Biologie) und anhand der Noten. Diese spielen zwar eine wichtige Rolle, jedoch hängt das „Angebot“ (offer) an einen Schüler für einen Studienplatz auch von anderen Faktoren ab. Unter anderem ist jeder Bewerber verpflichtet, ein kurzes persönliches Statement über seine Studienwünsche und weitergehenden Pläne abzugeben. Einzelne Hochschulen führen auch Interviews mit den Kandidaten. Da sich diese bei mehreren Universitäten bewerben, kann im Regelfall allen interessierten und qualifizierten Schülern ein Studienplatz angeboten werden.

Praktika spielen geringere Rolle

Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen dem Pharmaziestudium an den meisten englischen Universitäten und dem deutschen System ist die Aufhebung der Grenzen zwischen den pharmazeutischen Teilfächern, vor allem in den ersten zwei Jahren der Ausbildung. Kurse werden gemeinsam von Lehrenden verschiedener Abteilungen unterrichtet, die ihre Lernerwartungen im Kontext eines gemeinsamen Kernthemas entwickeln. An der School of Pharmacy in London werden folgende Kurse unterrichtet (1):

  • Semester 1: Grundlagen der Pharmazeutischen Wissenschaften
  • Semester 2: Die naturwissenschaftliche Basis der Pharmazie
  • Semester 3: Pharmazeutische und pharmakologische Aspekte der Therapie
  • Semester 4: Arzneimittelentwicklung – vom Design zum Patienten
  • Semester 5: Pharmazeutische und biomedizinische Aspekte der Zell- und Molekularbiologie
  • Semester 6: Erstes Wahlpflichtfach und Projektstudium (das heißt, ein Forschungsprojekt innerhalb einer Arbeitsgruppe der Hochschule unter Anleitung eines Dozenten, circa. 6/7 der Studierenden) oder Praktikum in der Industrie, im Krankenhaus oder an einer ausländischen Hochschule (circa 1/7 der Studierenden)
  • Semester 7: Zweites Wahlpflichtfach und Beginn des Kurses Vorbereitung auf die Praxis der Pharmazie
  • Semester 8: Vorbereitung auf die Praxis der Pharmazie

Neben theoretischen Lehrveranstaltungen sind Praktika, Seminare und andere Lernmethoden wie im ersten und zweiten Semester problemorientiertes Lernen (Problem based learning), Computer gestütztes Lernen und Einführungstutorate wesentliche Elemente der Ausbildung. Für den erfolgreichen Abschluss des Studiums und die dazugehörige Note zählen die Endprüfungen der Kurse in den Semestern drei bis acht, sowie die Noten in den Praktika. Das erste Staatsexamen (Multiple-choice-Prüfung) sowie das mündliche zweite Staatsexamen des deutschen Studiums sind in Großbritannien unbekannt. Insgesamt spielen Praktika eine geringere Rolle (vor allem im Bereich der Chemie), während Seminare und Anleitungen zum selbstständigen Arbeiten (directed study) mehr Bedeutung haben. Neben der fachlichen Ausbildung ist in diesen Kursen die Entwicklung von Selbstständigkeit, wissenschaftliche Kompetenz und Entscheidungsfähigkeit der Studierenden wichtig.

Qualität der Ausbildung wird geprüft

Die Qualität der Ausbildung (und Forschung) wird in Großbritannien über verschiedene Systeme der Qualitätskontrolle gewährleistet. Hierbei werden zum Beispiel die Studienprogramme der jeweiligen Hochschulen schon seit Jahren von der Royal Pharmaceutical Society regelmäßig zertifiziert. Ein weiteres in Deutschland unbekanntes Element sind externe Prüfer. Diese werden von der Hochschule für die Dauer von drei Jahren ernannt, sind in der Regel erfahrene Kollegen von anderen Hochschulen und überprüfen die wesentlichen Entscheidungen der jeweiligen internen Prüfergruppen.

In den ersten beiden Studienjahren werden die wissenschaftlichen und sozial-pharmazeutischen Grundlagen der Pharmazie vermittelt (2). Letzteres beinhaltet im ersten Semester unter anderem

  • Verschreibung von Arzneimitteln und deren Beurteilung, Dosierungen und deren Festlegung (Posologie),
  • Grundlagen der Gesundheitserziehung und -förderung
  • Verstehen und Erkennen des normalen menschlichen Verhaltens in Bezug auf Gesundheit und Krankheit
  • Kommunikation mit Kranken
  • Vorgehen bei Krankenhausaufnahme, ärztliche Dokumentation und Arzneimittelanamnese

Auch in Großbritannien sind Fragen der allgemeinen Studierfähigkeit ein zunehmend wichtiges Thema. Grundlegende Wissensgebiete wie Mathematik, Informationstechnologien und deren Nutzung in der Pharmazie sowie allgemeine Lerntechniken werden vor allem im ersten Jahr intensiv vermittelt.

Im dritten und vierten Studienjahr wird großen Wert auf die Wahlpflichtfächer (options) gelegt. Studierende müssen zwei derartige Fächer belegen und nehmen in diesen Fächern an Vorlesungen, Seminaren, Praktika und anderen Lehrveranstaltungen teil. Besonders in diesen Wahlpflichtfächern werden viele Elemente der Ausbildung aus der Perspektive der Forschung der Dozenten unterrichtet, so dass es gelingt, viele Studierende direkt an Forschungsfragen heranzuführen.

Beispiele für derartige Wahlpflichtfächer sind (jeweils zwei der aufgeführten Module sind zu belegen):

  • Pharmakologie
    1) Stress als klinisches Krankheitsbild
    2) Fortschritte in der Erforschung und Behandlung (Management) von Epilepsie
    3) Arzneimitteltoxizität
    4) Neurodegenerative Erkrankungen
  • Arzneipflanzen in der Pharmazie
  • Medizinische Chemie
    1) Pharmazeutische Analytik
    2) Arzneimittelentwicklung mit Hilfe der Molekularwissenschaften
    3) Moderne Ansätze in der Krebschemotherapie
  • Die Praxis der Arzneimittelapplikation (Drug delivery in practice)
    1) Biotherapeutics
    2) Der gesunde Reisende
    3) Arzneimittel für Kinder
  • Pharmazeutische Praxis und Gesundheitspolitik
    1) Pharmazie der psychischen Gesundheit (Mental Health Pharmacy)
    2) Management in der Pharmazie
    3) Wie ist die öffentliche Gesundheitsversorgung zu verbessern?

Neben diesen Wahlpflichtfächern müssen die Studierenden in Absprache mit den Dozenten ein Projekt durchführen. Die Studenten haben die Wahl zwischen einem praktischen Projekt im Labor (oder im Fall der klinischen Pharmazie auch als sozialwissenschaftliches Projekt) und einer Literaturarbeit (Evaluierung der wissenschaftlichen Literatur; zum Beispiel eine umfassende, kritische Zusammenfassung des Kenntnisstandes und Zulassungsstatus neuer Arzneimittel). Auch hier haben die Studierenden die Wahl zwischen den verschiedenen Fächern im Studiengang Pharmazie (Tabelle). Wichtig ist, dass sie während dieser Zeit in die Forschung der jeweiligen Arbeitsgruppen integriert sind und einen direkten Einblick in die Möglichkeiten und Grenzen moderner pharmazeutischer Forschung erhalten.

 

 Deutsches HochschulsystemBritisches System
(Beispiel: School of Pharmacy, University of London )
Dauer 4 Jahre 4 Jahre übergeordnete Institution Landesapothekerkammer Royal Pharmaceutical Society (RPS GB) Grundlage Approbationsordnung „Indicative Syllabus“ der 'Royal Pharmaceutical Society of Great Britain Bewerbung und Studienzulassung beides zentral (ZVS) zentrale Bewerbung über UCAS (Universities and Colleges Admission Service) und Auswahl an der jeweiligen Hochschule Auswahl der Studierenden nach Abiturnoten nach persönlicher Beurteilung an der Hochschule, zum Beispiel auf Grund eines mit eingereichten Aufsatzes oder nach einem Auswahlgespräch unter Berücksichtigung der Noten Studienabschluss 2. Staatsexamen MPharm (Master of Pharmacy) wesentliche Fächer
  • Pharmazeutische Chemie,
  • Pharmazeutische Technologie
  • inklusive physikalischer Grundlagen/Biopharmazie
  • Klinische Pharmazie
  • Pharmazeutische Biologie
  • Pharmakologie
  • Pharmazeutische, organische und biologische Chemie
  • Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie ('pharmaceutics')
  • Pharmazeutische Praxis und Klinische Pharmazie
  • Pharmakognosie, Mikrobiologie
  • Pharmakologie
Hochschulabschlussprüfungen mündlich in fünf Fächern keine
('honour point' System, kumulativ aus den letzten 3 Jahren des Studiums) 3. Studienabschnitt Praktisches Jahr 'Pre-registration training' in einer öffentlichen Apotheke (circa 2/3 der Studierenden) oder in einem Krankenhaus (1/3) Studiengebühren keine derzeit landeseinheitlich circa 1600 Euro für EU-Bürger

 

Der letzte Ausbildungsabschnitt erfolgt auch in Großbritannien außerhalb der Verantwortung der Hochschule an einem Krankenhaus oder in einer öffentlichen Apotheke.

Ausblick

Jede Beurteilung der Qualität der Ausbildung ist stark persönlich gefärbt. Ich selbst bedaure, das doch etwas zu starke Zurückdrängen der Pharmazeutischen Chemie und Biologie hier in England. Vor allem die Lehre der Arzneidrogen ist in den letzten Jahrzehnten stark eingeschränkt worden, und eine ganze Generation von Apothekerinnen und Apothekern hat nun Bedarf nach Weiterbildung in diesem Bereich. Da pflanzliche Arzneidrogen in englischen Apotheken aber nicht abgegeben werden, wären detaillierte Kenntnisse sicherlich auch nicht sinnvoll.

Auf der anderen Seite sind bei einem stark auf die Patienten ausgerichteten Studiengang Abstriche notwendig. Nur so kann das Studium im Rahmen des von der EU vorgegebenen Zeitrahmens durchführt werden. Der Vorteil des englischen Systems liegt besonders in der großen Flexibilität. Nachdem der Mangel an Grundausbildung in bestimmten Themenbereichen der Pharmazie erkannt wurde, konnte dies relativ schnell durch Umstrukturierungen geändert werden.

In Großbritannien und Nordirland ist derzeit der Aufbau verschiedener neuer Pharmaziedepartments geplant. Einige neue Fakultäten werden diesen Herbst die ersten neuen Studierenden aufnehmen, andere neue Pharmaziestandorte werden von den jeweiligen Universitäten geplant. In den nächsten Jahren werden einige hundert neue Studienplätze geschaffen, um den großen Bedarf an Pharmazeuten im Land abzudecken. Auch geht die Entwicklung derzeit dahin, Apothekerinnen und Apothekern neue Aufgaben zu geben. So sollen in wenigen Monaten einzelne erfahrene Apotheker als „supplemantary prescribers“ zugelassen werden, das heißt, sie haben das Recht und die Aufgabe, Verschreibungen für (meist chronisch benötigte Arzneimittel) auszustellen und an Patienten abzugeben.

Die Frage, ob das Studium hier besser oder schlechter ist, führt am Wesentlichen vorbei. Das Studium hat sich in Großbritannien aus einer langen Tradition heraus entwickelt, und die Erwartung ist hier sehr viel stärker, dass das Studium praxisnah ist. Zugleich ist allen bewusst, dass dies nicht ohne die Vermittlung der wesentlichen natur- (und sozial-) wissenschaftlichen Grundlagen möglich ist. Auch ist eine Spezialisierung im Studium von allen – Studierenden und Lehrenden – gewünscht.

Viele der Studierenden stammen aus englischen Familien mit indischer und chinesischer Abstammung. Die kulturelle Vielfalt der Studentenschaft ist eine große Bereicherung der Erfahrungen für jeden Dozenten, doch immer auch eine deutliche Herausforderung.

Aus persönlicher Sicht fasziniert mich diese Herausforderung (fast) täglich, und ich habe Pharmazie noch nie so vielfarbig, schillernd und spannend erlebt, wie in den letzten vier Jahren an der School of Pharmacy in London.

 

Literatur

  1. School of Pharmacy, Univ. London (2003) Master of Pharmacy Programme Handbook. London. School of Pharmacy, Univ. London.
  2. Stone, P. & S.J. Curtis (2002) Pharmacy Practice. London (UK) Pharmaceutical Press.

 

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Michael Heinrich
Centre for Pharmacognosy and Phytotherapy
University of London
29-39 Brunswick Square
London, WC1N 1AX
phyto@ams1.ulsop.ac.uk

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