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Teetrinken ist Königsdisziplin

31.07.2000
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-PharmazieGovi-VerlagPHYTAMINE

Teetrinken ist Königsdisziplin

von Gunter Metz, Blaubeuren

Tee enthält hoch potente Phytamine aus der Flavonoidreihe. Für einige Menschen ist Teetrinken nur Genuss. Der regelmäßige Konsum wirkt vielmehr gesundheitsfördernd und beugt einer Vielzahl chronischer Erkrankungen vor.

Sowohl schwarzer als auch grüner Tee stammen von der Pflanze Camellia sinensis (1). Grüner Tee wird aus angetrockneten frischen Blättern hergestellt, die man vor dem Rollen mit Wasserdampf oder durch Rösten vorbehandelt. In Blättern, die sofort gerollt oder geschnitten werden, setzt die enzymatische Fermentierung ein und man erhält schwarzen Tee. Daneben gibt es noch den Oolong Tee, ein Intermediärprodukt zwischen grünem und schwarzen Tee, das beträchtliche Mengen an Catechinen enthält.

Im Jahr 1990 wurden etwa 2,5 Millionen Tonnen getrocknete Teeblätter hergestellt. Der Weltbedarf steigt weiter an. Kehrseite der Medaille ist ein zunehmender Einsatz von Insektiziden und Pestiziden. Kontaminationen im Tee sind jedoch wesentlich durch falsche Spritztechniken bedingt. Hierauf sollten Konsumenten beim Teekauf achten und sich nicht nur von Herkunfts- und Blattkriterien leiten lassen. Weitgehend pestizidfrei ist schwarzer Tee. Grün- und Jasmintee aus China weisen dagegen teils erhebliche Rückstände auf.

Polyphenole im Tee

Grüner Tee enthält die niedermolekularen Flavane (+)-Catechin, (-)-Epicatechin (EC) und (-)-Epigallocatechin (EGC) sowie größere Mengen der 3-O-Gallussäureester Epicatechingallat (ECG) und Epigallocatechingallat (EGCG). Schwarzer Tee enthält nur geringe Mengen an Catechinen. Auf Grund der Fermentation findet man dort aber höhere Polymere wie Procyanidine, Bisflavanole, Theaflavin und die entsprechenden Gallate; darunter vor allem Thearubigene, die chemisch noch wenig definiert sind.

Beide Teesorten enthalten außer Flavonoiden - zum Beispiel Quercetin oder Kaempferol - noch Purinalkaloide wie Coffein sowie die charakteristische und pharmakologisch interessante Aminosäure Theanin. In schwarzem Tee findet man höhere Konzentrationen an Coffein und Theanin und vor allem Fluoride. Grüner Tee enthält dafür Vitamin C.

Der Gehalt an Polyphenolen schwankt je nach Herkunft erheblich in den Handelssorten. Untersuchungen ergaben Gehalte zwischen 32 und 147 mg Polyphenole je Gramm Trockenprodukt; in einer Sorte wurden sogar 625 mg Gesamtpolyphenole gefunden (2). Die mittlere antioxidative Kapazität, ausgedrückt als Trolox-Äquivalente (TE), beträgt etwa 760 µmol und liegt somit weit höher, als bei den üblichen Frucht- und Gemüsearten.

Catechine im grünen Tee

In den 90er Jahren hat sich die Forschung intensiv mit grünem Tee beschäftigt. EGCG gilt heute als wichtigster Inhaltsstoff. Die Substanz zeigt im Experiment eine Reihe spezifischer Wirkungen, die auf ein hohes antikanzerogenes und kardioprotektives Potenzial hinweisen. In einigen Versuchsmodellen zeigten auch ECG und EGC eine Wirkung, die jedoch meist schwächer als beim EGCG ausgeprägt war. Wahrscheinlich sind die Galloylreste für diese Effekte essenziell.

Grüner Tee und seine Extrakte sind im Experiment der Einzelsubstanz EGCG nicht unterlegen. Im Gegenteil, einige Studien ergaben sogar stärkere und breitere Effekte. Alle Catechine sind starke Antioxidantien und wirken gegen Peroxylradikalen etwa zehnmal potenter als Vitamin C und b-Carotin. Sie hemmen auch das besonders aggressive freie Radikal Peroxynitrit und bewirken einen Spareffekt auf Vitamin E und b-Carotin.

Vermutlich wirken die Catechine des Grüntee untereinander nicht nur additiv, sondern synergistisch. So induzierten die kombinierten Catechine in einer Kultur humaner Lungenkarzinomzellen effektiver die Apoptose als EGCG allein. Auch in Kombination mit Tamoxifen zeigten sie eine stärkere antineoplastische Wirkung. Alle Catechine außer EGCG schützen ähnlich wie Curcumin signifikant vor strahleninduzierten DNA-Schäden. Überraschenderweise hemmt eine Kombination von Curcumin und EGCG deutlich stärker das Wachstum von Tumorzellen . Und auch Phytinsäure und grüner Tee reduzieren in Kombination signifikant effektiver die Zahl präneoplastischer Läsionen als die Einzelkomponenten.

Für grünen Tee und seine Catechine wurden im Experiment eine ganze Palette von Wirkungen gefunden, die für die Anwendung beim Menschen überaus interessant sind. Grüntee wirkt antibakteriell und bakterizid und hemmt die Plaque- und Kariesbildung an Zähne in Dosen, die in weniger als einer Tasse Tee enthalten sind. Der starke Hemmeffekt auf die b-Amylase ist nicht nur für die antikarzinogenen Wirkungen verantwortlich. Aus ihm resultiert auch in Verbindung mit der Sucrase- und Maltasehemmung die antidiabetische Wirkung. Grüner Tee senkt dosisabhängig den Blutglucosespiegel und bremst die Glycosylierung, hemmt die Insulinsekretion und verhindert das Auftreten von Insulinspitzen. Daran dürfte auch Diphenylamin, ein bisher wenig beachteter Begleitstoff in Zwiebeln und Tee, beteiligt sein. Schon Diphenylamin allein wirkt stark blutzuckersenkend.

Da grüner Tee die Verdauungsenzyme hemmt, auf die Catechine und Gallussäure keinen oder nur einen geringen Einfluss haben, die Fettabsorption vermindert und deren Ausscheidung fördert, wirkt er in unterschiedlichen Modellen an der Ratte ausgeprägt antilipämisch. Grüntee und EGCG wirken zudem bereits in niedrigen Dosen antihypertensiv.

Wie die Flavonoide allgemein, regulieren Grüntee-Catechine besonders effizient die NO-Spiegel im Gehirn. Grüntee ist eine der wenigen Komponenten, die in Mengen von weniger als 300 ppm die NO-Produktion in Hirnzellen modulieren. Der Tee wirkt vasodilatierend, reduziert den Fibrinogenspiegel und hemmt die Plättchenaggregation. Wie erst kürzlich in einem etablierten Arthritis-Modell an der Ratte bewiesen wurde, wirkt Grüntee zudem entzündungshemmend und vermindert signifikant die Entwicklung und den Schweregrad von Arthritis (3).

Antikanzerogen und antiviral

Bei seinen antikanzerogenen Eigenschaften nimmt Grüntee unter den Flavonoiden eine Sonderstellung ein, da er wesentlich spezifischer und stärker die Tumorgenese beeinflusst. Bei Mäusen zeigte sich, dass die enthaltenen Catechine die krebsauslösende Wirkung verschiedener Tumorinduktoren stark hemmen; ebenfalls das spontane Auftreten von Brustkrebs. Diese Wirkungen waren besonders ausgeprägt, wenn die Tiere bereits ab der Geburt grünen Tee erhielten. Mit 1 Prozent Extrakt konnte das Tumorgewicht um fast 50 Prozent gesenkt und die Überlebenszeit um 94 Prozent verlängert werden.

In gesunden Zellen wird das Enzym Guinoloxidase nur bei der Zellteilung exprimiert, in Tumorzellen dagegen ständig, worüber auch das Tumorwachstum gesteuert wird. Grüntee sowie EGCG hemmen das Enzym stark und induzieren so die Apoptose. Zu den fundamentalen antikanzerogenen Mechanismen zählt außer diesem Effekt vor allem die ausgeprägte Hemmung der Telomerase und der Angiogenese, wodurch Tumorwachstum und Metastasierung von mehreren Seiten eingeschränkt werden können (4, 5).

Neuere Studien belegen, dass grüner Tee das Immunsystem nachhaltig moduliert und über ein hohes antivirales Potenzial verfügt. Es kommt zu einer Downregulation des TNF-a-freisetzenden Gens und bei verschiedenen Viren, darunter HIV-1 und Herpes simplex, werden effizient zelluläre Polymerasen und zur Replikation benötigte Enzyme gehemmt. Versuche an Maus und Schwein zeigen ferner, dass Grüntee die Absorption von Influenzaviren in die Zelle blockieren kann. Seine Hemmeffekte auf die reverse Transkriptase sind so ausgeprägt, dass Experten die Polyphenole aus Tee bereits als eine neue Klasse von HIV-Hemmstoffen postulieren (6).

Grün oder schwarz?

Experimentell wurde schwarzer Tee nicht so intensiv wie Grüntee untersucht. In vergleichenden Studien zeigt die Zubereitung aber ein ähnliches Wirkspektrum. Als Chemopräventiva sind beide äquipotent. Theaflavin und insbesondere dessen Gallate hemmen aber beispielsweise die Verdauungsenzyme ausgeprägter als Catechine.

Die antiviralen Eigenschaften von schwarzem Tee sind noch ungenügend untersucht. Beide Teesorten erniedrigen etwa gleich stark den Blutglucosespiegel, Grüntee senkt aber deutlicher die Konzentration der Triglyceride im Plasma. Ein anderes Beispiel ist der Fibrinogenspiegel: den hemmt Grüntee wesentlich besser.

Es wäre falsch, die Grüntee-Catechine zum wichtigsten Wirkprinzip zu erklären oder den gesundheitlichen Nutzen alleine im Grüntee zu suchen. Gegen Chromosomenaberrationen mit und ohne metabolische Aktivierung oder Schäden durch ionisierende Strahlung ist auch der südafrikanische Rooibos-(Rotbusch)-Tee ähnlich potent wirksam. Diese exotische und mit Camellia nicht verwandte Teesorte enthält keine Theaflavine und nur Spuren von Catechinen, jedoch einen hohen Gehalt an Polyphenolen der Flavonoidreihe.

Bemerkenswert ist jedoch ein Effekt, der die tägliche Zufuhr von Grün- und Schwarztee nahelegt: Es scheint, dass sich die Catechine besonders in lipophilen Kompartimenten des Körpers anreichern, die Polyphenole von Schwarztee vorwiegend in hydrophilen. Von dem erwünschten Tandemeffekt kann also nur der profitieren, der auch beide konsumiert.

Tee als Heilmittel

Teetrinken besitzt eine lange Tradition und die Teezeremonie hat in Asien nicht nur Kultstatus, sie ist auch erfolgreicher Bestandteil von Antistress-Programmen. Epidemiologische Untersuchungen und klinische Ergebnisse unterstreichen, dass Tee antikanzerogen, kardio- und neuroprotektiv sowie antimikrobiell und antiviral wirkt. Untersuchungen an weiblichen Teezeremonienmeistern ergaben, dass Brustkrebs und andere Krebsformen bei ihnen selten und allenfalls in hohem Alter auftreten. Männer, die viel grünen Tee trinken, erkranken seltener an Prostatakrebs.

Auch klinische Studien deuten auf ein hohes antikanzerogenes Potenzial hin. Bei Probanden, die täglich mindestens zehn Tassen Grüntee tranken, verzögerte sich deutlich das Auftreten von Krebs. Mehr als fünf Tassen pro Tag verminderten bei Brustkrebspatientinnen im Stadium I und II die Rückfallrate und verlängerten die Remissionsperiode (7).

Bei infizierten Patienten beschleunigten Tee-Catechine die Elimination des Hepatitis-B-Oberflächenantigens und erhöhten das Verhältnis von CD4+- zu CD8+-Rezeptoren auf der Oberfläche von T-Zellen. Auf Grund dieser Effekte könnte Tee auch als Adjuvans bei HIV-Infektionen helfen.

Natürlich wirkt Tee zudem zentral und peripher anregend, entspannt die Psyche, steigert die Diurese, senkt Blutdruck und Blutlipidwerte und stabilisiert den Blutglucose- und Insulinspiegel. Tee ist ideal zur Zahnpflege geeignet und beugt als Gurgelmittel gegen Erkältungsviren vor. Grüner Tee stimuliert die Thermogenese, erhöht den Grundumsatz und hilft beim Abnehmen. Senioren, die während einer Untersuchungen im Schnitt täglich 4,7 Tassen schwarzen Tee tranken, erlitten zu 69 Prozent seltener einen Schlaganfall als Personen, die im Schnitt nur 2,6 Tassen konsumierten (8).

Tee hält all das, was Knoblauch verspricht, und das sogar geruchsfrei. Wer Tee trinkt, sollte aber auf den Milchzusatz verzichten. Dies führt nachweislich zu totalem Wirkungsverlust, da die Polyphenole nicht mehr resorbiert werden. Auch zwei große Interventionsstudien in den USA und England belegen dies indirekt. Erst bei Nachkontrollen stellte man fest, dass keine Polyphenole in Plasmaproben nachweisbar waren, was dann den ausgebliebenen Schutz vor Atherosklerose erklärte. Tee kann auch in geringerem Umfang mit Arzneimitteln zu unerwünschten Interaktionen führen. Meist handelt es sich um Wirkverluste durch Resorptionshemmung, wie sie auch von coffeinhaltigen Getränken bekannten sind.

Wieviel ist gesund, wieviel notwendig?

Die Polyphenole aus Tee werden besser resorbiert als die meisten Flavonoide; aber auch schneller ausgeschieden. Maximalspiegel im Blut sind bereits nach zwei Stunden erreicht und die Eliminationshalbwertszeit liegt zwischen 4,8 und 6,9 Stunden für grünen beziehungsweise schwarzen Tee. Die höhermolekularen Polyphenole, insbesondere die Thearubigene, werden kaum noch absorbiert, bleiben aber im Magen-Darm-Trakt voll aktiv, was ebenfalls von Nutzen ist.

"Jung trinkt grün, Ältere schwarz" - dieser Modetrend kann nicht befriedigen. Schwarz- und Grüntee sollten beide täglich getrunken werden. Wem das zuviel Aufwand ist, der kann auf Grünteeextrakte zurückgreifen, muss dann aber auf das Aroma verzichten.

Der Gehalt an Polyphenolen je Tasse schwankt erheblich. Im Schnitt sind es etwa 100 mg Polyphenole; aber auch 150 mg EGCG pro Tasse Grüntee wurden gefunden. Wer Tee heiß über fünf Minuten extrahiert, erhält bereits 84 Prozent der Tee-Polyphenole. Bei weiteren fünf Minuten Aufgussdauer können noch weitere 13 Prozent Polyphenole extrahiert werden.

Also: "Abwarten und Tee trinken" ist sinnvoll. Nach zehnminütiger Extraktion erhält man den maximalen Gehalt an Polyphenolen, und auch das Theanin gelangt komplett in die Tasse. Kurze Aufgusszeiten von zwei Minuten sind nur für Teegenießer von Interesse.

Täglich vier Tassen kräftiger Tee dürften zur Prävention ausreichen, als Heilmittel sollten es aber fünf bis zehn Tassen sein. Zumindest beziehen sich die meisten klinischen Daten auf diese Mengen.

Literatur:

  1. Scholz, E., Bertram, B., Camellia sinensis (L.) O. Kuntze. Der Teestrauch. Z. Phytotherap. 17 (1995) 235 - 250.
  2. Prior, R. L., Cao, G., Antioxidant capacity and polyphenolic components of teas: implications for altering in vivo antioxidant status. Proc. Soc. Exp. Biol. Med. 220 (1999) 255 - 261.
  3. Haqqi, T. M., et al., Prevention of collagen-indu-ced arthritis in mice by a polyphenolic fraction from green tea. Proc. Natl. Acad. Sci. 96 (1999) 4524 - 4529.
  4. Ahmad, N., Mukhtar, H., Green tea polyphenols and cancer: biologic mechanisms and practical impli-cations. Nutr. Rev. 57 (1999) 78 - 83.
  5. Greenwell, I., Green tea. Part I: Anti-carcinogenic properties of green tea. Life Extension 1999, 22 - 27.
  6. Greenwell, I., Green tea. Part II: Cardio-protective properties of green tea. Life Extension 1999, 28 - 34.
  7. Fujiki, H., Two stages of cancer prevention with green tea. J. Canc. Res. Clin. Oncol. 125 (1999) 589 - 597.
  8. Keli, S. O., et al., Dietary flavonoids, antioxidant vitamins, and incidence of stroke. Arch. Intern. Med. 156 (1996) 637 - 642.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Gunter Metz,
Auf dem Rucken 29,
89143 Blaubeuren

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