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289 Apotheken und eine Krankenkasse

26.07.1999  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-VerlagDÄNEMARK

289 Apotheken und eine Krankenkasse

von Norbert Marxer, Heidelberg

In Dänemark versorgen 289 Apotheken rund fünf Millionen Einwohner, jede Apotheke ist demnach für etwa 17.000 Personen zuständig. Die öffentlichen Apotheken besitzen in der Regel noch Zweigapotheken und Arzneimittelverteilungsstellen. Außerdem existieren in Dänemark 15 Krankenhausapotheken. Die Zahl der Vollapotheken hat seit 1992 leicht ab- und die der Apothekenzweigstellen leicht zugenommen. In öffentlichen Apotheken arbeiten neben den 289 Leitern 624 angestellte Apotheker, 2483 pharmazeutische Assistenten und 319 Assistenten in Ausbildung. Seit 1992 ist die Zahl der Vollzeitstellen um 3,8 Prozent gesunken.

Öffentliche Apotheken werden nach einem Personalkonzessionssystem betrieben. Die Lizenz wird durch das Gesundheitsministerium an einen Apotheker vergeben, der spätestens mit 70 Jahren in Pension geht. Früher konnte die Apothekenkonzession dann an Verwandte weitergegeben werden; heute wird sie jeweils neu ausgeschrieben, und Interessenten bewerben sich. Der neue Apothekenbesitzer kauft vom Vorgänger die Arzneimittel und das Inventar. Nach Lizenzvergabe kann der Apothekenstandort vom Ministerium neu festgelegt werden; der neue Leiter darf die Apotheke dabei nur innerhalb eines bestimmten Umkreises in der Stadt verlegen.

Dänische Apothekenbesitzer sind in der "Danmarks Apotekerforening", der Dänischen Apothekervereinigung organisiert. Der Verband ist unter anderem der Träger von "Pharmakon", dem Ausbildungsinstitut für Assistenten, und von "DataPharm". Monatlich gibt die Vereinigung die Zeitschrift "Farmaci" heraus.

Weniger Arzneimittel, niedrigere Gewinnspannen

In Dänemark werden feste Arzneimittelpreise vereinbart. Das Land hat rund 8000 Fertigarzneimittel - zum Vergleich: Deutschland kommt auf 56000. Das Personal einer durchschnittlichen Apotheke umfaßt etwa 14 Vollzeitkräfte; auf den Apothekenleiter kommen in der Regel zwei bis drei Apotheker und dreimal soviele pharmazeutische Assistenten.

Gut laufende Apotheken zahlen in einen Fond ein, aus dem schwächere Apotheken in einer Art Strukturausgleich unterstützt werden. Der Umsatz einer durchschnittlichen Apotheke betrug 1997 25 Millionen Dänische Kronen, was ungefähr 6 Millionen DM entspricht. Im Gegensatz zu Deutschland weist die Arzneimittelpreisgestaltung eine geringere Spanne auf. Etwa achtzig Prozent des Umsatzes werden in Dänemark mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln erzielt.

Die Apotheke in Hilleroed unter der Leitung von Apotheker Troels Hansen besitzt noch zwei Filialen. Seit dem Besitzerwechsel vor einem Jahr wurden die Rezeptur und das Labor abgeschafft. Defekturen werden somit nicht hergestellt und Verordnungen mit individuellen Rezepturen an eine spezialisierte Apotheke in Jütland gesandt. Je nach Art des herzustellenden Arzneimittels beträgt die Lieferzeit dann drei Tage bis zwei Wochen.

Nur eine gesetzliche Krankenkasse

Rechtlich gesehen haben die dänischen Patienten freie Apothekenwahl. Da die Auswahlmöglichkeit vor Ort jedoch in der Regel nicht sehr groß ist, bleibt dem Kunden im Prinzip keine freie Wahl. Entweder bringt er sein Rezept persönlich in die Apotheke, oder die Arztpraxis übermittelt es per Telefax.

Dänemark kennt nur eine einzige gesetzliche Krankenkasse, mit der die Apotheke direkt abrechnet. 1997 belieferte die durchschnittliche dänische Apotheke 142.000 Rezepte. Es gibt vier Kategorien der Erstattungsfähigkeit durch die Kasse:

  • 100 Prozent für lebenswichtige Arzneimittel wie Insulin,
  • 75 Prozent für notwendige Arzneimittel, darunter Pharmaka zur Behandlung von Herzkreislauf-Erkrankungen,
  • 50 Prozent für Analgetika und Antibiotika,
  • keine Kostenübernahme: In diese Gruppe fallen beispielsweise Benzodiazepine.

Apothekerausbildung

Pharmaziestudenten besuchen in Kopenhagen die 1892 gegründete "Farmaceutiske Læreanstalt", die jedoch nicht Bestandteil der Universität ist. Nach einem dreieinhalbjährigen Studium und einem halben Jahr Praktikum in Apotheke oder Industrie bearbeiten sie während eines weiteren Jahres ein Forschungsprojekt. Danach schließen sie mit dem "Master of Science" ab.

Etwa ein Viertel der jährlich 150 Absolventen arbeitet danach in einer öffentlichen Apotheke, der Rest nimmt überwiegend Stellen in der pharmazeutischen Industrie an. Dänemark kennt keine feste Weiterbildung.

Assistentenausbildung

In Hilleroed betreibt die "Danmarks Apotekerforening" das Lehr- und Fortbildungsinstitut "Pharmakon" (Apotekernes konference- og uddannelsescenter, Apoteksassistenskolen). Es dient vorwiegend der Ausbildung von pharmazeutischen Assistenten und der Fort- und Weiterbildung von Mitarbeitern der pharmazeutischen Industrie. Daneben sieht es seine Aufgaben im Bereich der Forschung und Entwicklung, etwa von GMP (Good manufacturing practice), Health Care und Pharmaceutical Care.

Dänische Rezeptumschläge, ein Sammelgebiet für Liebhaber

Jede dänische Apotheke bietet ihren Kunden "Receptkuverter" an, Umschläge zur sicheren Aufbewahrung von Rezepten. Sie sind halb so groß wie eine Postkarte und traditionell bedruckt mit dem Apothekennamen und einem individuell gestalteten Motiv. Sie dienen als Werbeträger.

Der Urheber der Idee der Rezeptumschläge ist unbekannt. In Dänemark werden sie seit 1870 verwendet. Früher gab es bedruckte Schutzumschläge auch in England, Schweden, Norwegen, Island, Rumänien, Südafrika, der Tschechoslowakei und Deutschland.

Den weltweit häufigsten Gebrauch von graphisch aufwendig gestalteten Rezeptkuverts findet man jedoch in Dänemark. So waren bis Anfang der achtziger Jahre in Dänemark rund 6000 verschiedene Receptkuverter bekannt. In der Anfangszeit bis Ende des 19. Jahrhunderts waren Rezeptumschläge mit einfachem Stempelaufdruck im Umlauf, der den Namenszug der Apotheke und ein schlichtes graphisches Element trug. Später kamen aufwendigere Motive dazu, zum Beispiel Apothekenansichten, Offizinen und Labore, Stadt- und Landkartenausschnitte oder Tiere. Zum Teil waren auch Kundeninformationen (Öffnungszeiten, Zugfahrplan et cetera) aufgedruckt.

Am häufigsten findet man bis heute Abbildungen von Apothekenansichten. Darstellungen von Offizinen und Herstellungslaboren finden sich vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts. Populär waren auch örtliche Ansichten, zum Beispiel Schloß oder Hafen, und das Wappentier der Apotheke: Spitzenreiter sind Löwe und Schwan, danach folgten Elefant, Bär, Delphin, Falke, Fasan und Adler. Die Rückseite der Rezepthüllen nutzte man in der Regel für Werbezwecke. Neben Apotheken-spezifischen Rezepturen, Geheimmitteln und Mineralwässern wurde auch ein umfangreiches Nebensortiment angepriesen. Man warb für Sterilisatoren, Wärmflaschen, Verbandsmaterial, aber auch für Schokolade, Kaffee aus Java, holländische Zigarren, französisches Parfüm und verschiedenen Sorten von Spirituosen.

Neben den individuell gestalteten Rezeptumschlägen gab es auch standardisierte Versionen, die meistens aus einer Druckerei in Odense kamen. Vor allem in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bedienten sich viele Apotheker dieser preiswerteren Möglichkeit, bei der in einem vorgegebenen stilisierten Rahmen nur der Schriftzug der jeweiligen Apotheke und das Apothekensignet verändert wurde.

Auch in neuerer Zeit werden häufig standardisierte Rezeptumschläge verwendet. Motive sind beispielsweise Pflanzen oder Drogen, aber auch Rezepte für Kräuterschnäpse oder Abbildungen zur korrekten Anwendung von Arzneimitteln. Heutige Rezeptumschläge zeigen oft abstrakte Darstellungen von pharmazeutischen Standessymbolen oder Abbildungen aus alter Fachliteratur. Auf die Rückseite der Umschläge kommt der Apothekenstempel.

In ihrem hundertjährigen Bestehen brachte die Istegades Apotek in Kopenhagen 65 verschiedene Rezeptumschläge in Umlauf, darunter 1983 eine Serie mit Briefmarkenabbildungen. 1985 folgte eine Serie mit Aufnahmen von alten Arzneispezialitäten aus den Jahren von 1904 bis 1954. 1988 ließ die Istegades Apotek eine Serie mit Abbildungen aus der "Flora Danica" drucken. Interessierte Sammler von Rezeptumschlägen haben sich in einem 1978 gegründeten Verein (Receptkuvertsamlerforening) zusammengeschlossen.

Dänische Apothekengeschichte

Der erste Däne, der über die Lagerung von Arzneimitteln schrieb, war der Mönch und Arzt Henrik Harpestreng (gestorben 1244). Die erste urkundlich erwähnte Lizenz zur Errichtung einer Apotheke in einem Gebäude in der Højbrostræde in Kopenhagen ist datiert aus dem Jahr 1546. Im 17. und 18. Jahrhundert war es den dänischen Apothekern erlaubt, ihre Einkünfte durch den Verkauf von Wein oder durch den Betrieb einer Gastwirtschaft aufzubessern.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es in Dänemark 23 Apotheken; 1779 waren es 27.

Die Apotekshistorisk Studiesamling

Im Gebäude des dänischen Lehr- und Fortbildungsinstitutes "Pharmakon" befindet sich die "Apotekshistorisk Studiesamling", eine pharmaziehistorische Sammlung, die von dem Apotheker Aage Marcher aufgebaut wurde und seit 1995 hier ihren endgültigen Standort hat. Die Ausstellung ist gedacht als "Museum zum Anfassen" und auf Anfrage der Öffentlichkeit zugänglich.

Sie zeigt eine Vielzahl von Exponaten vorwiegend aus dem 20. Jahrhundert, darunter Laborgeräte, zum Beispiel Tablettenpressen und Drogenzerkleinerer, pharmazeutische Literatur (unter anderem ein 1884 von Morten Hastrup herausgegebenes dänisch-grönländisches Arzneibuch, das links in dänisch und rechts in grönländisch die Anwendung von Arzneimitteln beschreibt) und Arzneispezialitäten: Die älteste ist aus dem Jahr 1892 datiert.

Viele Ausstellungsstücke sind noch heute funktionsfähig. So kann der Besucher seine "Aura" verbessern, indem er mit einer durch Glas geschützten Elektrode des um 1920 konstruierten "Tesla-Apparates" über seine Haut fährt. Der amerikanische Physiker und Elektrotechniker Nicola Tesla (1856 bis 1943) entdeckte das Prinzip des Drehstommotors und erzeugte mit dem Tesla-Transformator physiologisch ungefährliche Wechselströme hoher Spannung, aber kleiner Stromstärke.

Als Besonderheit besitzt das Museum verschiedene "Flora Danica"-Tafeln. Die "Flora Danica" ist eine Sammlung von 54 Bänden mit 3240 handkolorierten Pflanzenabbildungen, die in den Jahren 1761 bis 1874 erschien. Ihr erster Herausgeber war der Kopenhagener Botanikprofessor und Direktor des Botanischen Gartens, Georg Christian Oeder. Er schlug schon 1753 vor, Abbildungen einheimischer Pflanzen zu veröffentlichen, um die allgemeine Kenntnis von Nutz- und Giftpflanzen zu verbessern.

Das Medicinsk-historisk Museum

Im 1787 von Peter Meyn entworfenen Gebäude der "Kongelige Kirurgiske Akademi", der ehemaligen Königlichen Chirurgischen Akademie, befindet sich heute das Medizinhistorische Museum der Universität Kopenhagen. Es wurde 1906 als eine private Institution gegründet und ist seit 1917 im Besitz der Universität. Aus der Zeit der ursprünglichen Nutzung ist noch der Vorlesungssaal erhalten, der heute bei festlichen Angelegenheiten für Vorträge genutzt wird.

Das Museum beherbergt unter anderem Sammlungen aus den Gebieten Anatomie, Feldarzneikunst und moderne Chirurgie, Volksmedizin, Radiotherapie, Zahn- und Augenheilkunde, sowie eine Offizin aus der 1756 errichteten Apotheke des Königlichen Friedrichshospitals. Die Offizin stammt aus dem Jahr 1860 und blieb bis zur Schließung der Apotheke 1912 in Gebrauch. Danach wurde sie samt Inventar in das Museum überführt. Neben rund 100 000 Exponaten besitzt das Medizinhistorische Museum eine umfangreiche Bibliothek.

Dänisches Apothekenmuseum

In einem Nachbargebäude des Medizinhistorischen Museums befindet sich das Dänische Apothekenmuseum, das durch Professor Dr. Poul R. Kruse betreut wird und nur nach Anmeldung für Fachkreise zugänglich ist. Auf drei Stockwerken bietet es eine Vielzahl von Labor- und Offizineinrichtungen aus den Stilepochen Barock, Rokkoko, Neoklassizismus und Empire.

Besonders erwähnenswert sind ein barocker Rezepturtisch aus der Køge Apotek aus dem Jahr 1700, ein neoklassizistischer Rezepturtisch aus der Christianshavns Apotek in Kopenhagen, eine Empire-Einrichtung aus der Vaisenhus (Waisenhaus) Apotek in Kopenhagen und eine 1841 gebaute Empire-Offizin aus der Kopenhagener Hoejer Apotek.

Literatur

  1. Haarmark, B., Apotekerkrukker og officiner. Fra Barok til Skønvirke. Kopenhagen 1995.
  2. Johannsen, M., Die alte Apotheke und ihr Heilkräutergarten. Hamburg 1996.
  3. Loldrup, H. O., Receptkuverternes motiver. Hrsg. v. Ferrosan a/s 1982.
  4. Wolf, J. H., Erkrankungen des zentralen Nervensystems: Gegenständliche Zeugnisse aus der Geschichte der Heilkunde. Ausstellungskatalog. (Exponate aus der Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung Kiel). Kiel 1996.

Danksagung: Mein Dank gilt Apotheker Aage Marcher für die engagierte Begleitung der Exkursion und die freundliche Bereitstellung von unveröffentlichtem Material.

Die pharmaziehistorische Exkursion der Universität Heidelberg unter der Leitung von Professor Dr. Wolf-Dieter Müller Jahnke führte im Oktober 1998 nach Schleswig-Holstein und Dänemark.Top

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