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Mittler zwischen Angst und Fortschritt

16.07.2001
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LESMÜLLER-VORLESUNG

Mittler zwischen Angst und Fortschritt

von Brigitte M. Gensthaler, München

Die modernen Biowissenschaften bedeuten eine enorme Herausforderung für die Gesellschaft, aber auch für den Berufsstand der Pharmazeuten. Mehr denn je wird der Apotheker gefragt sein als Gesundheitsberater der Menschen und als Mittler zwischen Angst und Fortschritt.

Diese Vision untermauerte Professor Dr. Theo Dingermann bei der 4. Lesmüller-Vorlesung am 11. Juli in München mit Beispielen aus Diagnostik und Therapie in der Post-Genom-Ära. Dabei skizzierte er die sich wandelnden Aufgaben des Berufsstandes. "Im Gesundheitswesen stehen wir an der Schwelle einer Zeit. Wir Apotheker müssen überlegen, wie wir uns einbringen können und wollen, um an der Umsetzung des unaufhaltsamen Fortschritts teilzunehmen." Negieren hilft nichts; die ganze Gesellschaft wird "zur Reaktion verdammt" sein, sagte der Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft.

Humangenom und Zauberkugeln

In einem "heroischen Kraftakt" wurde das Humangenom entschlüsselt und die Ergebnisse Anfang des Jahres publiziert. Das ist erst der Anfang: "Für Biowissenschaftler werden Harry-Potter-Nächte anbrechen." Nur weil die Genomforschung Hoffnung angesichts der quälenden Angst vor Krankheit und Leid verspricht, investiere die Gesellschaft hier Unsummen. Jetzt müssen die versteckten Botschaften der riesigen Buchstaben-Bibliothek entschlüsselt werden.

Gene fungieren als Instruktoren für das Leben; Proteine sind die Exekutoren der genetischen Information. Hier setzen Arzneimittel - "Zauberkugeln" - an. Die Genomforschung werde die Entwicklung neuer, sicherer, spezifisch wirksamer Arzneimittel ungeheuer anstoßen; diese werden die Therapie erweitern und umwälzen, meinte der Pharmazeutische Biologe.

Das fordert nicht nur die Ärzte heraus. Apotheker müssen ihren Patienten die immer komplexeren Therapiestrategien erklären können, um sie "bei der therapeutischen Stange zu halten". Schließlich müsse der Patient eine Therapie akzeptieren oder ablehnen, die er meist nicht einmal mehr ansatzweise versteht.

Auf neuen Wegen zum Wirkstoff

Welche Auswirkungen der modernen Biologie sind heute schon erkennbar? Die Arzneistoffentwicklung wird völlig neue Wege gehen. Je mehr Wissenschaftler über die Genome von Viren, Bakterien und das des Menschen wissen, umso gezielter können verträgliche Arzneistoffe entwickelt werden, zeigte Dingermann am Beispiel der Antibiotika. Stoffe, die nur an bakteriellen Zielstrukturen (Targets) ansetzen, greifen nicht in wichtige Prozesse im Menschen ein; das sollte unerwünschte Effekte minimieren.

Der Blick auf die genetische Konstitution eines Patienten - "bald so selbstverständlich wie die Messung des Blutdrucks" - wird die Arzneitherapie sicherer machen. So können einzelne Mutationen (single nucleotide polymorphisms; SNPs) in bestimmten Genen die Metabolisierungskapazitäten eines Menschen beeinflussen. Ist beispielsweise das Cytochrom-Enzym CYP 2D6 betroffen, werden Neuroleptika, Betablocker, Antiarrhythmika oder Antidepressiva verlangsamt abgebaut - mit erheblichen Nebenwirkungen für den Patienten. Bei einem nicht erkannten Thiopurin-Methyltransferase-Polymorphismus kann es um Leben und Tod gehen, wenn der Patient die Normdosis an 6-Mercaptopurin bekommt.

Vererbten Risiken auf der Spur

Genetische Veränderungen weisen auch auf Krankheitsrisiken hin. Prominentes Beispiel sind Mutationen auf dem BRCA-Gen, die das Brustkrebs-Risiko deutlich erhöhen. Die Diagnostik in der Post-Genom-Ära beschränkt sich nicht auf den Nachweis von Krankheiten, sondern erfasst auch vererbte Risiken. Eine Chance für den Patienten und zugleich ein Risiko, wenn falsche Ratschläge zu schlimmen Folgen wie einer vorsorglichen Brustamputation führen.

Der Missbrauch der genetischen Daten, zum Beispiel durch die Gesellschaft, Arbeitgeber und Versicherungen, muss unbedingt verhindert werden, forderte Dingermann in München. Ebenso müssten Anwendung und Verfahren der Präimplantationsdiagnostik detailliert geregelt werden. Die Sorge vor den Risiken der Genomforschung dürfe deren Chancen nicht überdecken.

Lebenslanges Lernen

"Arzneimittel und nichts anderes werden die Erfolgsgeschichte der Medizin schreiben, auch und gerade in der Post-Genom-Ära", ist sich Dingermann sicher. Sie würden neue Indikationen erobern und vermehrt der Krankheitsvorbeugung dienen. Wenn Responder oder individuelle Risikokonstellationen vorab bekannt sind, ließen sich Medikamente schneller und gezielter entwickeln und sicherer einsetzen. An die Stelle der heutigen "one size fits all"-Praxis werde das "right drug, right dose, right patient"-Konzept treten. Und auch Stammzellen werden einmal zum Arzneimittel-Arsenal zählen, prognostizierte Dingermann.

Vor diesem Hintergrund müsse man sich wundern, warum heute gerade das Arzneimittel als Kostentreiber angeprangert wird. Es sei ein verhängnisvoller Irrtum, Internet und Kettenapotheken als Retter des Gesundheitswesens anzupreisen. Dieses wird immer abstrakter und komplizierter und viele Menschen können es emotional kaum noch akzeptieren. Gerade deshalb sei der naturwissenschaftlich ausgebildete Apotheker als Berater wichtiger denn je - als Vermittler zwischen Angst und Fortschritt. Er könne und müsse seinen Kunden erklären, welche Konsequenzen und Chancen die neuen Entwicklungen mit sich bringen, auch wenn viele sich vor den modernen Techniken unglaublich fürchten.

Dieser hohe Anspruch erfordert lebenslanges Lernen. "Life long Learning als Konsequenz der modernen Biologie wird für uns Apotheker zur Herausforderung", sagte Dingermann. Doch so lange der Slogan "Fragen Sie Ihren Apotheker" gilt, so lange könne die Gesellschaft auf die Apotheker nicht verzichten.

 

Dank an die Lesmüller-Stiftung

Immer wenn der Berufsstand der Apotheker Qualitätsoffensiven startet, wird die Dr. August und Dr. Anni Lesmüller-Stiftung nicht fehlen. Dies sagte der Vorsitzende des Stiftungsrates und Ehrenpräsident der bayerischen Kammer, Dr. Hermann Vogel, zu und dankte dabei der großzügigen Stifterin Dr. Anni Lesmüller. Die 1997 gegründete Stiftung fördert die pharmazeutische Wissenschaft unter besonderer Berücksichtung des Arzneimittels und der Aufgaben des Apothekers.

Dabei geht es zum Beispiel um die wissenschaftliche Darstellung der Entwicklung des Arzneimittels und des Apothekenwesens - etwa mit der aktuellen Thematik der 4. Lesmüller-Vorlesung: "Biologie im Spannungsfeld zwischen Fortschritt und Angst - eine Herausforderung auch für uns Apotheker". Ein weiterer Bereich betrifft die Aufklärung der Bevölkerung über die Bedeutung der Pharmazie im Gesundheitswesen.

Der größte Teil der ausgeschütteten Gelder kommt Forschungsarbeiten zugute, berichtete Vogel. So werden mehrere Studien "Pharmaziepraktikant auf Station", "Versorgung von Schmerzpatienten" und "Praxisdozent für klinisch-pharmazeutische Praxis" unterstützt. Ebenso fließen Mittel in die Qualitätszirkel Pharmazeutische Betreuung der BLAK. Ein Schwerpunkt liegt derzeit bei der Klinischen Pharmazie. Die Stiftung will damit die Etablierung des neuen Prüfungsfaches vorantreiben. Da Klinische Pharmazie aber sofort benötigt wird, unterstützt die Stiftung auch die konzertierte und intensive Fortbildung von Multiplikatoren im Berufsstand.

Vogel wies nachdrücklich auf die Habilitandenstipendien und Reisestipendien für Auslandsaufenthalte hin. Die Bücherpreise für Studenten sollen diese schon jüngeren Semestern anspornen und motivieren.

Auch Professor Dr. Angelika Vollmar, Vorstand des Department für Pharmazie und seit kurzem Vorstandsmitglied der Stiftung, betonte bei der Begrüßung, dass die Pharmazie eine zentrale Rolle in der biomedizinischen Forschung spielen müsse. Es sei höchstes Ziel der Universität, die Studenten fundiert auszubilden und damit zu kompetenten Ansprechpartnern für die Bevölkerung und Fachkreise zu machen. Die Lesmüller-Stiftung trägt hierzu in herausragender Weise bei.

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