Pharmazeutische Zeitung Online
AMK

Der Schlüssel liegt im Proteom

17.06.2002
Datenschutz bei der PZ

Lesmüller-Vorlesung

Der Schlüssel liegt im Proteom

von Ulrich Brunner, Regensburg

Seit 1997 fördert die Dr. August und Dr. Anni Lesmüller-Stiftung die pharmazeutischen Wissenschaften. Ein jährlicher Höhepunkt ist die Lesmüller-Vorlesung. In diesem Jahr verpflichtete der Stiftungsrat Professor Dr. Gottfried Märkl, Emeritus am Lehrstuhl für organische Chemie an der Universität Regensburg.

Dr. Hermann Vogel, Vorsitzender des Stiftungsrats und Ehrenpräsident der Bayerischen Landesapothekerkammer, bedankte sich beim Gastgeber der fünften Lesmüller-Vorlesung, der Fakultät für Chemie und Pharmazie der Universität Regensburg. Eine wichtige Aufgabe der Stiftung sei es unter anderem, das Verhältnis zwischen Hochschule und Berufsstand zu fördern. Hier habe Regensburg mit seiner Arzneimittelinformationsstelle, die auch von der Lesmüller-Stiftung unterstützt wird, eine besondere Vorbildfunktion. Als einen weiteren Schwerpunkt konzentriere sich die Stiftung auf das junge Fach Klinische Pharmazie und damit auf die Förderung der pharmazeutischen Ausbildung.

"Die Zahl der Apotheker, aber auch deren Probleme sind so groß wie nie zuvor. Dennoch braucht sich kein Student um einen Arbeitsplatz Sorgen machen", wandte sich der Vorsitzende an die zahlreich im Auditorium vertretenen Pharmaziestudenten.

Die Lesmüller-Stiftung wurde 1997 gegründet und unterstützt seither nach dem Willen von Dr. August und Dr. Anni Lesmüller in großzügiger Weise die Pharmazie. "Wenn die Stiftung voll angelaufen ist, werden jährlich 500.000 Euro Fördergelder zur Verfügung stehen", berichtete Vogel.

Interdisziplinäre Herausforderung

Die moderne Wirkstoff-Forschung sei eine zunehmend interdisziplinäre Herausforderung, berichtete der diesjährige Gastredner, Professor Dr. Gottfried Märkl. Die Forschungsschwerpunkte hätten sich zwar von der Chemie zur molekularen Biologie verschoben. Die klassische Chemie bleibe als Basiswissenschaft aber weiterhin unverzichtbar, betonte der organische Chemiker. Pharmaforschung war lange Zeit Sache der Chemiker, so Märkl bei seinem Streifzug durch die Geschichte der Arzneistoffentwicklung. 1899 wurde in Deutschland die Acetylsalicylsäure (ASS) eingeführt. Die Kolbe-Schmitt-Synthese war und sei noch heute für jeden Chemiker ein Muss. Heute würde ASS seiner Meinung nach allerdings nicht mehr die Hürde der klinischen Prüfung überwinden.

Moderne Pharmaforschung orientiere sich am molekularen Wirkmechanismus. Screening-Methoden nach dem Zufallsprinzip gehörten der Vergangenheit an. "Wir müssen daher die Schlagbäume zwischen den Disziplinen Chemie und Biologie beiseite schaffen", betonte der Gastredner.

Die Pharmaindustrie habe schon lange ihre Strategie umgestellt. Forschertrupps durchkämmten inzwischen den tropischen Regenwald auf der Suche nach unbekannten Mikroorganismen und Pflanzeninhaltstoffen mit neuer Struktur. Parallel versuchten Ethnobotaniker aus dem Wissen traditioneller Heiler neue Wirkprinzipien abzuleiten. Als Beispiel nannte Märkl den in der Kalahari wachsenden Hoodia-Kaktus. Bereits seit Jahrtausenden kauten Buschmänner auf dem Gewächs, um ihren Hunger zu unterdrücken. Die Pflanze würde inzwischen in Afrika im großen Stil kultiviert. Der Pharmakonzern Pfizer habe sich längst die Patente gesichert, und wolle nun einen Appetitzügler entwickeln.

"Das Syntheselabor Natur übertrifft alles, was der Chemiker bieten kann", so Märkl. Bestes Beispiel sei das Krebstherapeutikum Taxol. Bereits 1971 entdeckten Forscher den Wirkstoff in relativ seltenen Eibengewächsen. Die Substanz konnte jedoch lange Zeit nicht im großen Stil hergestellt werden, denn für einen Patienten musste die Rinde einer ganzen Eibe verarbeitet werden. "Chemische Forscher stürzten sich auf die Synthese", berichtete der Referent. Aber erst in den 90er-Jahren gelang der endgültige Durchbruch. Allerdings kam die Lösung wiederum aus der Natur. Wissenschaftler entdeckten in den Nadeln einer europäischen Eibenart eine Seitenketten-freie Vorstufe des Wirkstoffs, aus der heute partialsynthetisch verschiedene Derivate gewonnen werden können.

Neben der Naturstoff-Forschung konzentriere sich die Industrie heute auf das Design von Wirkstoffen am Computer. "Dank molecular modelling hat sich die Wirkstoffentwicklung enorm weiterentwickelt. Die Methode hat heute einen festen Platz im großen Orchester der Pharmaforschung", betonte Märkl. Parallel gebe die Genomforschung wichtige Impulse. Märkl warnte vor zuviel Optimismus. Nicht das Genom, sondern das Proteom sei der Schlüssel zu neuen Medikamenten. Hier müsste die Forschung jedoch zunächst lernen, mit der unglaublichen Komplexität umzugehen. Vier Basen stünden 20 Aminosäuren und extrem komplexe Raumstrukturen gegenüber. Die Proteomik lasse bis zu 10.000 potenzielle neue Targets erwarten. Märkl: "Diesen Code zu knacken, ist für Biochemiker eine der größten Herausforderungen." Top

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa