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Kein reines Estrogen

19.05.2003
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Kein reines Estrogen

von Brigitte M. Gensthaler, München

Extrakte aus Traubensilberkerze stimulieren die Proliferation von humanen Brustkrebszellen nicht und wirken somit nicht rein estrogen. In vitro konnten sie die wachstumshemmenden Effekte von Tamoxifen auf diese Zellen sogar verstärken.

Zubereitungen aus Cimicifuga racemosa haben eine lange Tradition in der Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden. Heute werden sie nicht mehr als reine „Phytoestrogene“ eingestuft, sondern streben einen Platz als „Phyto-SERM“ an, also als pflanzliche selektive Estrogenrezeptor-Modulatoren.

Isopropanolische Spezialextrakte enthalten keine Isoflavone, sondern Triterpenglykoside, phenolische Stoffe sowie vermutlich weitere wirksame Bestandteile, die noch nicht klar identifiziert sind, erklärte Dr. Cornelia Bodinet, Bereichsleiterin Mikrobiologie bei der Firma Schaper und Brümmer, bei einer Pressekonferenz in München. Die estrogenartigen Effekte dieser Extrakte wurden bereits vor einigen Jahren an estrogensensitiven MCF-7-Brustkrebszellen und an ovarektomierten Ratten untersucht.

Zellwachstum wird nicht angeregt

Der Cimicifuga-Extrakt regte die Zellproliferation in vitro nicht an und hemmte sie in höheren Konzentrationen sogar. Außerdem reduzierte er dosisabhängig das durch Estradiol stimulierte Zellwachstum. Gab man den Extrakt gemeinsam mit Tamoxifen zu der Zellkultur, wurde die wachstumshemmende Wirkung des synthetischen Antiestrogens verstärkt.

Im Gegensatz dazu förderten Extrakte aus Soja und Rotklee, die Isoflavone wie Genistein und Daidzein enthalten, die Zellproliferation in vitro, wenn im Test eine Estrogenmangelsituation simuliert wurde, berichtete Bodinet. Nur bei hohen Hormonspiegeln, die eher dem Level bei prämenopausalen Frauen entsprechen, zeigten diese Zubereitung Estrogen-antagonistische Effekte. Die Mikrobiologin folgerte, dass eine eventuelle Tumorprotektion durch Isoflavone von deren Konzentration und den Estrogenspiegeln in der Umgebung abhängt.

In-vivo-Studien an Ratten bestätigten die Befunde. Bei den Tieren wurde mit Dimethylbenzanthracen (DMBA) ein Mammakarzinom induziert und dann die Eierstöcke entfernt, um einen Hormonmangel zu erzeugen. Die perorale Gabe des Cimicifuga-Spezialextrakts stimulierte – im Gegensatz zu Mestranol – das Krebszellwachstum nicht. Nach neuesten Daten, die demnächst bei einem internationalen Kongress vorgestellt werden sollen, kann der Extrakt bei diesen Tieren auch den tumorsuppressiven Effekt von Tamoxifen positiv beeinflussen, berichtete Bodinet. Dazu waren allerdings sehr hohe Dosen notwendig.

Knochenabbau gebremst

Weitere interessante Perspektiven könnten sich für den Cimicifuga-Spezialextrakt eröffnen, wenn sich die günstigen Effekte auf den Knochenstoffwechsel, die im Tierversuch beobachtet wurden, beim Menschen bestätigen lassen. Als ideales Tiermodell zur Erforschung der Osteoporose bezeichnete die Biologin ovarektomierte Ratten. Das operativ induzierte Hormondefizit erhöhe den Turnover am Knochen in Richtung Abbau, was anhand biochemischer Marker und Knochendichtemessungen nachgewiesen wird (Ratten erleiden keine Osteoporose-typischen Brüche).

Die Nager erhielten ab dem zwölften Tag nach der Eierstockentfernung entweder Raloxifen, den Spezialextrakt oder – als Kontrolle – Isopropanol. Nach der Operation stiegen die Knochenresorptionsmarker Pyridinolin und Desoxypyridinolin erwartungsgemäß bei allen Tieren im Urin stark an und zeigten damit den pathologisch verstärkten Knochenabbau. In der Folgezeit sank die Konzentration der Marker zwar generell wieder, jedoch signifikant schneller bei den Ratten, die ein Verum bekommen hatten. Die Knochendichte am Oberschenkel nahm bei den behandelten Tieren deutlich weniger ab als in der Kontrollgruppe, und die Bruchfestigkeit des Knochens war höher.

Wie erklärt man sich diese Effekte? Nach präklinischen Daten stimuliert der Spezialextrakt in Megakaryozyten des Knochenmarks die Expression des Wachstumsfaktors TGF-b, der wiederum die Osteoblastendifferenzierung anregt. Nach dieser Hypothese, so Bodinet, könnte das Phytopharmakon das Osteoklasten-Osteoblasten-Gleichgewicht beeinflussen. Ob es sich damit allerdings zur Osteoporoseprophylaxe bei postmenopausalen Frauen eignet, müssen erst noch klinische Studien zeigen. Bislang ist die Datenlage zu dünn für eine derartige Empfehlung. Top

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