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Aktuelle Informationen zur Virusgrippe

28.02.2005
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Überblick

Aktuelle Informationen zur Virusgrippe

von Ralf Goebel und Martin Schulz, Berlin

Auf Grund wachsender Verunsicherung in der Bevölkerung und zahlreicher Anfragen hat das Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis der ABDA Informationen zur epidemiologischen Situation sowie Schutz- und Behandlungsmaßnahmen der Virusgrippe zusammengestellt.

Infektionen mit Influenza A- und B-Viren treten jedes Jahr auf und erreichen zumeist in den Monaten Dezember bis April ihren Höhepunkt. Symptome, die auf eine Infektion mit dem Influenza-Virus hinweisen, sind plötzliches hohes Fieber über 40° Celsius, Kopf- und Gliederschmerzen und ein allgemeines schweres Krankheitsgefühl.

In Deutschland ist die Zahl der akuten respiratorischen Erkrankungen (ARE) innerhalb der letzten Wochen deutlich angestiegen. Die Influenza-Aktivität ist in fast allen Regionen ­ bis auf Mecklenburg-Vorpommern ­ stark erhöht. In der 7. Kalenderwoche wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) insgesamt 854 Influenza-Nachweise übermittelt. Die überwiegende Anzahl der Influenza-Nachweise wurde aus Baden-Württemberg (126 Influenza A- und 24 Influenza B-Viren) und Niedersachsen/Bremen (111 Influenza A- und 2 Influenza A/B- und 15 Influenza B-Viren) gemeldet.

Die Anzahl der ARE nahm in der 7. Kalenderwoche in allen Altersgruppen weiter zu. Besonders ausgeprägt war der Anstieg bei Kindern und Jugendlichen in den Altersstufen 0 bis 4 Jahre und 5 bis 15 Jahre. Der EISS-Index (European Influenza Surveillance Scheme), der als Indikator für die Aktivität von ARE (»Stärke der Influenzasaison«) ermittelt wird, zeigte in der 7. Kalenderwoche eine »heftige Influenza-Aktivität« an.

Experten rechnen zwar seit Jahren mit dem Auftreten einer Influenza-Pandemie, die durch eine schnelle Verbreitung von Influenza-Infektionen über ganze Landstriche, Länder und Kontinente gekennzeichnet ist. Doch trotz zunehmender Anzeichen für eine weitere Ausbreitung der Grippewelle in den meisten europäischen Ländern, den USA und Kanada ist derzeit nicht vom Ausbruch einer Pandemie zu sprechen. Die aktuellsten Berichte zum Ausbreitungsgrad der Grippe in Deutschland und Europa können beim RKI und beim Europäischen Influenza Überwachungsnetzwerk EISS abgerufen werden (1, 2).

Prophylaxe und Therapie

Die Schutzimpfung stellt gegenwärtig die wirksamste Maßnahme gegen die Influenza dar. Weitere Schutzmöglichkeiten für Ungeimpfte sind Virustatika (Amantadin und Neuraminidase-Hemmer).

Um eine Inhibierung der Virusvermehrung im Respirationstrakt zu erzielen, verbleiben nach dem Auftreten der ersten Grippe-Symptome höchstens 36 bis 48 Stunden. Bei einer späteren Arzneimitteleinnahme ist ein Effekt kaum noch nachweisbar.

Das als Parkinsonmittel bekannte Amantadin verhindert als Virustatikum angewendet bei Influenza A-Viren frühe Schritte der Virusreplikation. Gegen Influenza

B-Viren ist Amantadin nicht wirksam. Der Wirkstoff kann zur Chemoprophylaxe und Therapie der Influenza Typ A bei Erwachsenen und Kindern ab fünf Jahren eingesetzt werden. Allerdings haben nicht alle Amantadin-Präparate, die sich auf dem deutschen Markt befinden, die Zulassung für diese Indikation. Die prophylaktische Schutzwirkung einer mehrtägigen Gabe wird mit 50 bis 80 Prozent angegeben. Eine Interaktion zwischen der prophylaktischen Gabe und der Schutzimpfung ist nicht zu befürchten. So könnte im Ausnahmefall der Zeitraum bis zur Ausbildung der Schutzwirkung durch die Impfung (10 bis 14 Tage) mit einer antiviralen Therapie überbrückt werden (4, 5).

 

Hinweise zur Grippeschutzimpfung Generell ist die Grippeimpfung allen Personen anzuraten. Die Impfung sollte möglichst schon im Herbst (September bis November) durchgeführt werden, da die meisten Krankheitsfälle saisonal zwischen Dezember und April auftreten. Nach der Impfung benötigt das Immunsystem circa 10 bis 14 Tage, um einen vollständigen Immunschutz aufzubauen. Patienten, die sich jetzt noch »rechtzeitig« vor der Grippewelle schützen wollen, sollten auf die Tatsache hingewiesen werden, dass der Impfschutz frühestens nach einer Woche beginnt. In diesem Zusammenhang sollte auch über die Grenzen der Grippeschutzimpfung informiert werden. Infektionen mit anderen Erkältungsviren sind auch nach einer Grippeschutzimpfung nicht ausgeschlossen. Um das Risiko und die Komplikationen einer echten Influenza-Infektion zu minimieren, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Grippe-Impfung explizit für Personen, die folgenden Gruppen angehören:

Personen über 60 Jahre, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens, wie chronische Lungen-, Herz-Kreislauf-, Leber- und Nierenkrankheiten, Diabetes und andere Stoffwechselkrankheiten, Immundefizienz, HIV-Infektion sowie Bewohner von Alten- und Pflegeheimen

Personen mit erhöhter Gefährdung wie medizinisches Personal, Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr sowie Personen, die als mögliche Infektionsquelle für von ihnen betreute ungeimpfte Risikopersonen fungieren können.

Der Influenza-Impfstoff hat bei unter 60-jährigen, gesunden Personen, je nach Übereinstimmung mit den dann tatsächlich zirkulierenden Viren, eine Effektivität von 70 bis 90 Prozent, kann aber bei Älteren deutlich niedriger liegen. Allerdings ist der Impfstoff bei 56 Prozent der älteren Bevölkerung effektiv in der Verminderung von influenzabedingten Pneumonien und bei 68 Prozent effektiv in der Verhinderung influenzabedingter Todesfälle. Zu beachten ist, dass bei Kindern unter drei Jahren eine reduzierte Dosis verwendet wird (2, 3).

 

Mit der Einführung der Neuraminidase-Inhibitoren Zanamivir und Oseltamivir ergeben sich erweiterte prophylaktische und therapeutische Möglichkeiten zur Behandlung der Virusgrippe. Neuraminidase-Inhibitoren hemmen die Aktivität des Enzyms Neuraminidase der Influenza-Viren der Typen A und B, wodurch die Freisetzung neuer Viren aus bereits infizierten Zellen verhindert wird. Beide auf dem deutschen Markt befindlichen Neuraminidase-Inhibitoren Zanamivir (Relenza® seit 1999) und Oseltamivir (Tamiflu® seit 2002) sind zur Behandlung der Influenza Typ A und Typ B zugelassen (6, 7). Zanamivir wird bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren als Inhalationstherapeutikum (bei Auftreten von Influenza-Symptomen) über einen Zeitraum von fünf Tagen eingesetzt. Oseltamivir wird als Kapsel beziehungsweise Suspension angewendet. Das Präparat ist bei Erwachsenen und Kindern ab 1 Jahr zur Therapie und bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 13 Jahren zur Postexpositionsprophylaxe zugelassen (7).

Neben der Schutzimpfung und den allgemein gesundheitsfördernden Maßnahmen, die das Immunsystem stärken (vitaminreiche Ernährung, ausreichende Trinkmenge, Wechselduschen et cetera) ist die Einhaltung persönlicher Hygienemaßnahmen von besonderer Bedeutung. Dazu gehören häufiges Händewaschen und gegebenenfalls eine hygienische Händedesinfektion sowie der Gebrauch von Einmaltaschentüchern. Große Menschenansammlungen sollten möglichst gemieden werden und bei Kontakten mit infizierten Patienten sollten hygienische Schutzvorkehrungen getroffen werden.

 

Literatur

  1. Influenza-Wochenbericht des RKI für die 7. KW unter http://influenza.rki.de/agi
  2. Influenza-Wochenbericht des EISS für die 6. KW unter www.eiss.org/index.cgi
  3. Impfempfehlungen der AG Influenza des RKI unter http://influenza.rki.de/agi/index.html?c=vakzine
  4. Epidemiologisches Bulletin Nr. 32 vom 8.8.2003
  5. Fachinformation Amantadin 100 v ct , Stand Dezember 2003
  6. Fachinformation Tamiflu 75 mg Hartkapseln, Stand Dezember 2004
  7. Fachinformation Relenza, Stand Januar 2004

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