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Zu klein geboren – zu klein geblieben

06.12.2004
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Wachstumshormon

Zu klein geboren – zu klein geblieben

von Kerstin A. Gräfe, Frankfurt am Main

Etwa 10 Prozent der Kinder, die zu klein und/oder zu leicht auf die Welt kommen, holen diesen Rückstand innerhalb der ersten beiden Lebensjahre nicht auf. Im Schnitt bleiben sie auch im Erwachsenenalter etwa 11 cm kleiner. Die Gabe von Wachstumshormon kann dies verhindern.

„Je nach Definition sind 3 bis 10 Prozent aller Neugeborenen zu klein für das Gestationsalter, das heißt für die Schwangerschaftsdauer“, erklärte Professor Dr. Helmuth-Günther Dörr, Oberarzt an der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitätsklinik Erlangen, auf einer von Pfizer unterstützten Veranstaltung. Basierend auf den zurzeit circa 720.000 Geburten pro Jahr, wären dementsprechend in Deutschland rund 21.600 Kinder kleinwüchsig. Da etwa 90 Prozent der Kinder innerhalb der ersten beiden Lebensjahre ein Aufholwachstum zeigen, reduziere sich diese Zahl auf 2160 Kinder. Diese blieben jedoch bis ins Erwachsenenalter kleinwüchsig – mit einem mittleren Größenverlust von circa 11 cm. „Warum allerdings bei manchen Kindern das entsprechende Aufholwachstum ausbleibt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt“, so Dörr.

Viele mögliche Auslöser

Die Ursachen für SGA (Small for Gestational Age) sind vielfältig und bleiben in über der Hälfte der Fälle unklar. Sie können bei der Mutter, beim Kind oder in einer Störung der Plazentafunktion liegen. So können schwere, vor allem chronische Erkrankungen der Mutter wie Herz- oder Nierenerkrankungen oder unbehandeltes Asthma zu Wachstumsstörungen des Kindes führen. Zudem können zahlreiche Medikamente, während der Schwangerschaft eingenommen, den Embryo schädigen und Wachstumsverzögerungen und Fehlbildungen auslösen. „Risikofaktor Nummer 1 ist das Rauchen“, sagte Dörr. Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft rauchen, hätten ein um das Dreifache erhöhtes Risiko, zu klein geboren zu werden. Ebenso beeinträchtigt ein übermäßiger Alkoholgenuss der Schwangeren die Entwicklung der Kleinen. Diese Kinder zeigen neben dem Kleinwuchs auch noch weitere Auffälligkeiten. So hat zum Beispiel ein Drittel einen angeborenen Herzfehler. Auch bei sehr jungen (unter 17 Jahre) und älteren Müttern (über 35 Jahre) ist das Risiko einer vorgeburtlichen Wachstumsverzögerung erhöht.

Etwa 10 Prozent der SGA sind auf Infektionskrankheiten während der Schwangerschaft zurückzuführen. Eine sehr früh ablaufende Infektion (vor der 6. Woche) führt häufig zum Tod des Embryos, eine spätere zu einer gestörten Organanlage und einem gestörtem Wachstum. Besonders gefährlich sind Virusinfektionen wie Röteln, Toxoplasmose oder Infektionen mit Herpesviren. Störungen des Erbguts sind bei etwa 0,5 bis 1 Prozent aller Neugeborenen nachweisbar. Man schätzt, das circa 10 Prozent der SGA-Kinder angeborene Fehlbildungen haben.

Bei etwa 30 bis 40 Prozent aller Kinder mit vorgeburtlicher Wachstumsverzögerung ist eine fehlerhafte Funktion der Plazenta nachweisbar. So ist sie zum Beispiel zu klein, nicht richtig entwickelt oder schlecht durchblutet.

Spätfolgen im Erwachsenenalter

Bei der Mehrzahl der SGA-Kinder verläuft die neurologische und intellektuelle Entwicklung völlig normal. Allerdings belegen einzelne Arbeiten für diese Kinder ein erhöhtes Risiko für Aufmerksamkeits- und Sprachstörungen, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, schulische Probleme, Ängstlichkeit und eine eingeschränkte intellektuelle Entwicklung. Darüber hinaus belegen epidemiologische Daten einen Zusammenhang zwischen niedrigen Geburtsmaßen und einer erhöhten Mortalität durch kardiovaskuläre Erkrankungen im Erwachsenenalter.

„Warum Kinder, die schon vor der Geburt nicht richtig gewachsen sind, auch nach der Geburt zu klein bleiben, ist nicht eindeutig geklärt“, bestätigte auch Professor Dr. Michael Bernd Ranke, Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie am Universitätsklinikum Tübingen. Vermutlich spiele sogar ein Mangel an Wachstumshormon (WH) keine vorrangige Rolle. Vielmehr scheine die Wirkung von WH und/oder Insulin-ähnlichen Wachstumsfaktoren (IGF) vermindert zu sein. Diese leichte Hormonresistenz lasse sich aber durch die Gabe ausreichend hoher WH-Gaben von zum Beispiel Genotropin® überwinden, das wie Insulin täglich in das Unterhautfettgewebe gespritzt werde. So erreichten die Kinder nach zwei bis drei Jahren den Normbereich Gleichaltriger.

Für den Therapieerfolg sei das Alter bei Therapiebeginn von entscheidender Bedeutung. Generell gelte: je jünger, desto besser. „Ganz wichtig ist es, die Therapie vor der Pubertät zu beginnen“, machte Ranke deutlich. Denn zu Beginn der Pubertät nehme das Ansprechen auf die Behandlung deutlich ab. Zudem sei der Wachstumseffekt dosisabhängig, das heißt, bei der Verwendung von niedrigeren Dosen dauere es wesentlich länger, bis die normale Körpergröße erreicht werde. Des Weiteren spiele das Körpergewicht und die mittlere Elterngröße eine Rolle.

Keine Nebenwirkungen bekannt

„Es gibt kaum ein anderes Medikament, das bei Kindern so gut untersucht ist, wie das WH“, so der Mediziner. Unter der Therapie käme es zwar zu einem leichten Anstieg des Blutzuckers, begleitet von einer gesteigerten Insulinsekretion. Nach Absetzen der Behandlung kehrten die Insulinwerte jedoch wieder auf ihre Ausgangswerte zurück; ein Diabetes mellitus habe sich bis jetzt bei keinem Kind entwickelt. Des Weiteren erhöhten sich unter der Therapie die IGF-Werte dosisabhängig. Daten zu einem kurz- oder mittelfristigen Risiko erhöhter IGF-Spiegel im Kindesalter lägen zurzeit nicht vor. Da ein Anstieg von IGF jedoch die notwendige Voraussetzung für das Wachstum sei, sollte zu Beginn der Behandlung der erwünschte klinische Effekt im Vordergrund stehen.

 

SGA und IUGR Als SGA (Small for Gestational Age) geboren bezeichnet man Kinder, die sich bei der Geburt bezogen auf ihr Gewicht und/oder ihre Länge unterhalb der üblichen Norm befinden. Während die Deutsche Gesellschaft für Neonatologie und Geburtshilfe für die SGA-Definition die 10. Perzentile verwendet (10 Prozent der Kinder gleichen Alters und gleichen Geschlechts sind kleiner als das betreffende Kind), hat sich bei Ärzten, die sich vor allem mit dem Längenwachstum von Kindern beschäftigen, ein Wert von zwei Standardabweichungen unterhalb der populationsspezifischen Norm für Länge und/oder Gewicht als Grenze durchgesetzt. Dieser Grenzwert entspricht in etwa der 3. Perzentile.

Von SGA abzugrenzen ist der in Deutschland noch häufig verwendetet Begriff IUGR (intrauterine growth retardation, intrauterine Wachstumsretardierung). Während SGA als statistische Definition auch die völlig gesunden, jedoch kleinen Kinder im Bereich der unteren Norm erfasst, beschreibt IUGR Kinder mit bereits pränatal nachgewiesener pathologischer Wachstumsrestriktion.

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