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Die grünen Feen schwärmen wieder

05.11.2001  00:00 Uhr
ABSINTH

Die grünen Feen schwärmen wieder

von Stephanie Czajka, Berlin

Die einen erinnert er an Glück und Wonnen, die anderen an abgeschnittene Ohren und zerrüttete Künstlernaturen. Die Rede ist von Absinth, dem grünen Geist, der nach 80 Jahren in der Verbannung nun wieder sein Unwesen in den Bars mitteleuropäischer Großstädte treibt. Während Händler und Absinthfreaks Internetseiten füllen und Journalisten sich zum Selbstversuch durch Berliner Bars trinken, warnen Ärzte vor dem Missbrauch einer neuen Lifestyle-Droge.

Absinth ist ein Destillat verschiedener Kräuter, darunter insbesondere Artemisia absinthium, der Wermut. Das hochprozentige Getränk ist grün gefärbt. Wird es mit Wasser verdünnt, verschwindet die Farbe, die ätherischen Öle fallen aus. Das entstandene Kolloid ist milchig-weiß. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Absinth zum Modegetränk, 1913 tranken allein die Franzosen 40 Millionen Liter. So weit das Laster verbreitet war, so stark machten sich auch die Nebenwirkungen bemerkbar. Schließlich wurde Absinth in vielen Ländern verboten. Der prominenteste abhängige Absinthtrinker war der Maler Vincent van Gogh. Er litt unter Halluzinationen, Stimmungsschwankungen und Bewusstseinsstörungen. Im Absinthrausch soll er sich das Ohr abgeschnitten haben.

In Deutschland wurde 1923 das Absinth-Gesetz erlassen, Herstellung, Lagerung und Handel mit Absinth waren von diesem Zeitpunkt an verboten. Das Gesetz wurde zwar 1981 außer Kraft gesetzt, das Absinth-Verbot blieb aber praktisch gültig, da die "Aromenverordnung" die Verwendung von Wermutöl und dem Inhaltsstoff Thujon in Lebensmitteln verbat. In Ländern wie Spanien oder Portugal blieb Absinth ein legales Getränk. Derart unterschiedliche wirtschaftliche Bedingungen innerhalb der Europäischen Union sind kein Zustand von Dauer. Daher wurde im Zuge der Harmonisierung in Deutschland 1998 die Aromenverordnung geändert. Der Zusatz von reinem Thujon blieb verboten, nicht aber die Verwendung thujonhaltiger Pflanzen und Pflanzenteile.

Absinth ist seitdem wieder erlaubt. Für den Wermutbestandteil Thujon gelten allerdings Höchstgrenzen. Sie liegen bei 10 mg pro kg Absinth wenn der Alkoholgehalt über 25 Volumenprozent beträgt. (Der zwei- bis dreifache Alkoholgehalt ist traditionsgemäß die Regel.) Für Getränke, die als "Bitterspirituose" deklariert sind, liegt die Höchstgrenze bei 35 mg Thujon. Wegen des bitteren Geschmackes werden diese Alkoholika selten in großen Mengen getrunken.

Der Thujongehalt wird auf den Getränken nicht deklariert, die Höchstgrenzen werden aber in der Regel eingehalten. Dr. Lars Lobbedey, Lebensmittelchemiker beim Institut Fresenius in Berlin, hat in seiner Zeit bei der Versuchs- und Lehranstalt für Spiritusfabrikation und Fermentationstechnologie (VLSF) in Berlin ungefähr zehn Produkte getestet. In keinem der für Endverbraucher bestimmten Absinthe lag der Gehalt über der Höchstgrenze. Er variiert zwischen ein und zehn Milligramm, liegt manchmal sogar darunter.

Viel Thujon bedeutet nicht automatisch gute Qualität. Auch Art und Menge der übrigen Zutaten, Alkoholanteil, Art des Alkohols und Herstellungsverfahren sind entscheidend. Bei guten Produkten werden alkoholische Extrakte von Wermut und Kräutern wie Anis, Fenchel, Ysop oder Melisse destilliert und anschließend mit weiteren Extrakten versetzt. Zehn bis fünfzehn Produkte gebe es auf dem deutschen Markt, berichtet Matthias Licha von der Import- und Vertriebsfirma Absintheon in Berlin. Spanische Absinthe gehören zu seinen Favoriten. Viele französische Hersteller seien nach dem Absinthverbot in Frankreich, im Jahr 1915, nach Spanien ausgewandert. Tschechischen Absinth findet Licha hart und bitter. Es fehle der Zusatz von Anis, dessen leicht süßlicher Geschmack den bitteren des Wermuts abschwäche. Auch aus Japan, Portugal, Frankreich oder der Schweiz wird Absinth importiert. In Deutschland gibt es ebenfalls Hersteller. Der französische Fabrikant Pernod allerdings, der Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu 100.000 Liter pro Tag produzierte, ist heute nicht ernsthaft auf dem Markt vertreten.

Heterogen wie das Ausgangsmaterial ist die Art der Anwendung. Nach klassischem historischem Ritual wird ein perforierter Löffel mit Zucker über ein Glas kalten Absinths gehalten und tropfenweise Wasser darüber gegossen. Nach tschechischer Tradition wird der Zuckerlöffel in Absinth getaucht und der Zucker angezündet. Er tropft ins Glas, der Rest wird eingerührt. Gezuckert wird, um den bitteren Geschmack des Wermuts zu überdecken. Licha empfiehlt das Zuckern allerdings nicht. Heutiger Absinth enthalte weniger Wermut als früher, sei daher nicht so bitter. Durch das Zuckern werde er unangenehm süß. In deutschen Bars wird Absinth vor allem als Cocktail oder Longdrink serviert, manche bieten mehr als zwanzig verschiedene Absinth-Cocktails an.

Pur genossen ist Absinth gewöhnungsbedürftig. Arno Orzessek, Proband für die Süddeutsche Zeitung1, versuchte sich unter anderem an einem hochgelobten spanischen Absinth, der "mit 55 Prozent Alkohol vergleichsweise mild durch den Rachen rieselt und volle zehn Milligramm Thujon in die Nervenbahnen schießt". Der Spanier schmecke "nach Qualität, aber nicht wirklich gut", lautete sein Studienergebnis. Es dominiere Anis. "Die Fantasie wird einfarbig wie Lakritz". Der Barkeeper bestätigt ihm eine "leidvolle monatelange Annäherungsphase", die der Gaumen dem Absinth widmen müsse, ehe das Vergnügen beginne. "Geben wir es doch zu, es geht um die schnelle Drogenaufnahme", wird er zitiert.

Genau genommen geht es um die Drogenwirkung. Wer ausreichend trinkt, dem erscheint die grüne Fee. "Das Licht wird farbiger, das Gemüt samtig." Soweit Orzessek, nachdem er die Annäherungsphase überstanden hatte. Maler und Literaten des Fin de Siècle liebten die grüne Fee als ihre Muse. Woher kam und kommt die Faszination für dieses Getränk? Ist es allein der hohe Alkoholgehalt? Ist es die Farbe, das Zeremoniell, der Geschmack, der historische Glorienschein oder vielleicht doch eine spezifische Wirkung? Liegt es an den Inhaltsstoffen oder nur am klösterlichen Image, dass Melissengeist für Wermutgeist keine ernsthafte Konkurrenz darstellt?

Es ist schwer aus der Geschichte zu lernen, wenn die Faktenlage unklar ist. Tatsache ist, dass schon damals "Absinthismus" in Abgrenzung vom Alkoholismus beschrieben wurde, was schließlich zum Verbot führte. Halluzinationen, epileptische Anfälle, psychiatrische Erkrankungen und gastrointestinale Probleme wurden auf chronischen Absinthkonsum zurückgeführt. Das Monoterpen Thujon gilt als Ursache. Lobbedey und Licha weisen allerdings darauf hin, dass die damaligen Rezepturen sehr mannigfach waren und im Detail nicht bekannt sind. Reiner Ethanol wurde mit billigeren Alkoholen gestreckt. Grün wurde noch schöner grün, wenn Kupfersalze, Indigo oder Anilin-Grün der natürlichen Chlorophyll-Färbung nachhalfen. (Ein zeitgenössischer Hersteller färbt eigenen Angaben zufolge mit Spinat-Extrakten.) Die Trübung bei Wasserzusatz wurde teilweise durch die Zugabe von Antimontrichlorid forciert.

Trotzdem spricht viel für Thujon. Dann aber stellt sich als nächste Frage, ab welcher Dosis das Terpen zum eigenständigen Suchtmittel oder Gift wird. Der Thujon-Gehalt im Absinth von damals wird heute auf bis zu hundert Milligramm pro Kilogramm geschätzt. Sind also zehn Milligramm unschädlich? Bei gelegentlichem Konsum? Und bei regelmäßigem Konsum? Wissenschaftlich fundierte Auskunft gibt es nicht. Patienten mit Absinthismus gibt es ebenfalls nicht. Zumindest sind Suchtmedizinern und auch der Hauptstelle für Suchtgefahren in Hamm keine Fälle bekannt. Ist das Ganze also kein Problem oder hat bislang nur keiner darauf geachtet?

Nicht zu unterschätzender Risikofaktor

Die Wiedereinführung des Absinths stelle in Deutschland einen "gesellschaftlich und gesundheitspolitisch nicht zu unterschätzenden Risikofaktor" dar, schreibt federführend Dr. Jakob Hein im Deutschen Ärtzteblatt2. Hein arbeitet an der Charité Berlin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. Er glaubt, dass insbesondere die Mischung aus Stress, viel Alkohol, schlechter Ernährung, Nikotin und Thujon ein "sich wechselseitig verstärkendes Netz gesundheitsgefährdender Faktoren für Absinthtrinker" darstellt.

Wie er berichtet, haben Studien an Ratten gezeigt, dass die Injektion von Thujon in höheren Dosen Krampfanfälle auslöst. Die Krämpfe werden mit der Gabe von Nikotin stärker. Ferner erhöht Thujon die Produktion von Porphyrinen (Bestandteile des Hämoglobins) in den Leberzellen. Es werde diskutiert, sagt Hein, dass der Absinthkonsum des Malers van Gogh die Ursache für den Ausbruch einer latent vorhandenen Porphyrie gewesen sein könnte. Die Familienanamnese lege diesen Schluss nahe. Die Krankheit wird vererbt, es kommt zur Störung der Hämsynthese und starkem Anstieg der Porphyrine mit Magenschmerzen, Krampfanfällen oder neuropsychiatrischen Symptomen im akuten Stadium. Akute Symptome wie Halluzinationen, Bewusstseinsstörungen und Verstopfung seien bei van Gogh immer nach Phasen übermäßiger Arbeit, starkem Absinthkonsum und mangelhafter Ernährung eingetreten, sagt Hein. Abstinenz und bessere Ernährung verringerten seine Symptomatik schneller als dies von reinen Alkoholabhängigen bekannt sei.

Hat Thujon ein eigenständiges Suchtpotenzial? Gibt es die grüne Fee wirklich? Es wurde nachgewiesen, dass Thujon an den Cannabinoid-Rezeptor bindet, allerdings ohne dass eine biologische Wirkung beobachtet worden wäre. Van Gogh trank in seinen letzten Lebensjahren Kampferöl und Terpentin. Beide enthalten Pinen, ein dem Thujon verwandtes Terpen. Da der Maler nicht wahllos zugriff, sondern absichtlich Thujon-ähnliche Substanzen auswählte, vermutet Hein eine eigenständige Wirkung.

"Ich weiß nichts, das zum Thema Absinth wissenschaftlich belegt wäre", sagt Professor Dr. Walter Zieglgänsberger, Suchtexperte vom Max Planck Institut für Psychiatrie in München. "Es ist zu früh, um zu entscheiden ob es harmlos ist oder nicht". Zieglgänsberger wendet sich entschieden gegen eine "dümmliche Liberalität" nach dem Motto: Es wird schon nicht gefährlich sein. "Nach dem, was wir aus der Geschichte wissen, brauchen wir den Feldversuch nicht zu wiederholen." Es bleibt zu hoffen, dass sich wenigstens einmal hohe Kosten positiv auswirken. Die grüne Fee zu treffen, ist teuer. Eine Flasche, in der Regel gefüllt mit 0,7 bis 1 Liter Absinth, kostet zwischen 50 und 100 Mark.

Wermut als Arznei 

Artemisia absinthium gehört in der Familie der Korbblütler zu einer sehr artenreichen Gattung. So gibt es beispielsweise Artemisia dracunculus, den Estragon, Artemisia vulgaris, den Beifuß oder Artemisia abrotanum, die Eberraute. Wermut unterscheidet sich von den genannten Arten durch seine dreifach fiederteiligen Blätter und deren seidig silbergraue Behaarung auf Ober- und Unterseite. Artemisien wurden schon im Altertum zu medizinischen Zwecken verwendet. Im Mittelalter wurde Wermut in jedem Bauerngarten gepflanzt. Immer wieder wird in den Schriften seine Wirkung auf Magen, Leber und Galle erwähnt. Tabernaemontanus schreibt im 16. Jahrhundert, Wermut wäre in "wahrheit auch den zornigen und bösen gallsüchtigen weibern ein überauß gute Artzney/ die jhren leib mit stätigem zörnen und überlauffener Gallen kräncken/ vnd mancherley Krankheyt und Gefahr bringen/ welche Mängel dann ohn sonderlichen kosten leichtlich köndten gewendet/und hinweg genommen werden". Wermut enthält 1,5 bis 2 Prozent ätherisches Öl, darunter Thujon, und Bitterstoffe wie Absinthin (0,2 bis 0,3 Prozent). In wässrigen oder wässrig-ethanolischen Auszügen ist der Thujonanteil weitaus geringer als in konzentriert ethanolischen Auszügen oder Destillaten. Wermut wird wie andere Bitterstoffdrogen Carminativa, Cholagoga und anderen Magen-Darm-Mitteln zugesetzt. Wermuttee oder -tinkturen gelten als erfolgversprechend bei Appetitlosigkeit, dyspeptischen Beschwerden sowie Störungen der Gallenfunktion. Top

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