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Altarzneimittel als Rohstoffquelle

15.10.2001
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INTERVIEW

Altarzneimittel als Rohstoffquelle

von Brigitte M. Gensthaler, München

Die 19-jährige Abiturientin Sarah Schott arbeitete zwei Jahre lang im Leistungskurs Chemie an der Rückgewinnung von Wirkstoffen aus Medikamenten. Mit Erfolg. Im vergangenen Jahr landete sie bei "Jugend forscht" mit ihrer Arbeit über die Isolierung von Zidovudin auf Platz 2 in Baden-Württemberg; in diesem Sommer belegte sie bundesweit den dritten Platz im Fachbereich Chemie. Auch das Deutsche Museum in München und das Bundesbildungsministerium als Träger des Bundes-Umwelt-Wettbewerbs zeichneten die Jungforscherin aus.

PZ: Frau Schott, wie kamen Sie auf die Idee, Arzneistoffe aus Fertigarzneimitteln zu isolieren?

Schott: Während eines Praktikums im Krankenhaus habe ich beobachtet, dass Arzneimittel als Müll entsorgt, die Packungen hingegen recycelt werden. Arzneimittel so zu vernichten, ist Verschwendung, und außerdem belastet es die Umwelt, wenn dies unbedacht über die Kanalisation geschieht. Das kann unabsehbare Umweltschäden auslösen.

PZ: Ihr erstes Projekt wurde nicht nur bei Jugend forscht ausgezeichnet, sondern hat überregional großes Interesse geweckt. Hat Sie dies angespornt?

Schott: Ja, die gute Resonanz hat mich ermuntert, an weiteren Beispielen zu belegen, dass die Rückgewinnung von Wirkstoffen möglich ist. Damit wollte ich zeigen, dass mein Modellversuch keine Eintagsfliege, sondern der Auftakt für eine wirtschaftliche Verwendung von Altmedikamenten ist. Diese sind wichtige Rohstoffquellen, die aber bislang nicht verwertet werden.

PZ: Warum haben Sie sich dafür wieder antiviral wirksame Stoffe ausgesucht?

Schott: Aids-Medikamente sind sehr teuer und werden in der dritten Welt dringend benötigt. Eine Rückgewinnung der Arzneistoffe wäre für diese Länder hilfreich.

PZ: Welche Unterstützung fanden Sie in Ihrer Schule, dem Kepler-Gymnasium?

Schott: Die Schule hat mich vorwiegend theoretisch, die Universität praktisch unterstützt. So habe ich zahlreiche Trennungstechniken bereits in der 11. Klasse in einem Chemie-Praktikum erprobt; Methoden wie DC und Soxhlet-Extraktionen haben wir im Unterricht gelernt. Weiterführende Chromatographien wie die Säulenchromatographie konnte die Schule aber nur theoretisch vermitteln; das konnte ich dann an der Uni umsetzen. Bei der Aufarbeitung des Kombi-Präparates habe ich im Institut für Organische Chemie der Universität Tübingen gearbeitet.

PZ: Wie waren Ihre ersten Erfahrungen mit der Hochschule?

Schott: Bestens.

PZ: Im Resümee Ihrer Arbeit üben Sie harsche Kritik an den Pharmafirmen und fordern, dass isolierte Wirkstoffe aus verfallenen Medikamenten wieder verwertet werden sollten. Wie hat die Industrie auf Ihre Recycling-Idee reagiert?

Schott: Ich warte noch auf positive Antwort. Der Weg bis zur Chefetage, also zu den Entscheidungsträgern, ist anscheinend sehr weit. Die Firmen haben mir auch keine Präparate für mein Forschungsprojekt und keinerlei Informationen zur Verfügung gestellt.

PZ: Finden Sie, dass Schule und Lehrer Sie ausreichend gefördert haben oder hätten Sie sich intensivere Lernmöglichkeiten gewünscht?

Schott: Die Schule hat ihr Bestes getan, aber stößt natürlich auch an Grenzen, beispielsweise bei der apparativen Ausstattung der Schullabors.

PZ: Sie studieren jetzt Medizin in Tübingen. Haben Chemie oder auch Pharmazie Sie nicht gereizt?

Schott: Medizin ist angewandte Chemie und Pharmazie zum Wohl des Menschen. Das finde ich spannender als die reine Theorie in den Naturwissenschaften. Ich suche den Kontakt zu Menschen. Top

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