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Niere besser vor Arzneimitteln schützen

04.10.2004
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Niere besser vor Arzneimitteln schützen

von Conny Becker, Berlin

Die Zahl der Fälle, in denen eine Dialyse auf Grund von chronischem Arzneimittelgebrauch notwendig wurde, ist zwar seit einigen Jahren rückläufig, dennoch fordern führende Nephrologen, mehr Acht auf das Organ zu geben, das etliche Medikamente passieren.

Derzeit müssen in Deutschland fast 60.000 Menschen regelmäßig zu Dialyse – Prävalenz und Inzidenz steigend. Hauptverantwortlicher ist dabei die Volkskrankheit Diabetes mellitus, die zusammen mit Bluthochdruck mehr als die Hälfte der neuen Patienten ausmacht, berichtete Professor Dr. Wolf H. Boesken von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Klinische Nephrologie, Trier, auf einer gemeinsam mit der Gesellschaft für Nephrologie organisierten Pressekonferenz in Berlin. Rund ein Drittel der Fälle gehen auf immunologisch-entzündliche Ursachen zurück, 5 bis 10 Prozent sind – wie etwa die zystische Nierenerkrankung – genetisch bedingt. Weniger bedeutsam seien Medikamentennebenwirkungen. „Als Primärursache spielen sie eine geringere Rolle, als man denkt“, sagte der Mediziner. So seien in den vergangenen zehn Jahren die Fälle, die eindeutig auf Arzneimittelnebenwirkungen zurückgeführt werden konnten, von etwa 8 auf 4 Prozent gesunken, was Boesken auch mit dem Rückgang der Zahl der chronischen Phenacetinnieren erklärte.

Allerdings sind Arzneimittel ein häufiger Cofaktor und machen neben Bluthochdruck oder Diabetes dem Organ zusätzlich das Leben schwer. So sei das akute Nierenversagen im Krankenhaus häufiger geworden, ergänzte Professor Dr. Jan Galle, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, Würzburg. Ausgelöst werden sie zum Beispiel durch Kontrastmittel oder falsch dosierte Antibiotika wie Aminoglykoside. Zur Arzneimittelintoxikation kann es ebenfalls kommen, wenn ein Hypertoniker ACE-Hemmer einnimmt, sich bei einem Dauerlauf (Dehydrierung) verletzt und gegen die Schmerzen nicht steroidale Antirheumatika einnimmt, beschrieb Galle.

Konkrete Vorschläge

Eine Nierenschädigung rechtzeitig und früh erkennen, können Mediziner mit einer Untersuchung des Urins. Hier finden sie die Eiweiß-Marker bereits, bevor sich die Funktion des Organs wesentlich verschlechtert hat. Dabei weise Albumin im Harn auf eine glomeruläre, α-1-Mikroglobulin auf eine tubuläre Funktionsstörung hin, α-2-Mikroglobulin hingegen zeige, dass die Ursache der Proteinämie beziehungsweise Hämaturie in der Blase zu suchen ist, sagte Boesken.

Vor allem Diabetiker und Bluthochdruckpatienten sollten ihren Urin testen lassen, wünschenswert sei die generelle Vorsorgeuntersuchung im Rahmen des Check-up-35, welche auch von den Krankenkassen erstattet würde, so Galle. Patienten mit Diabetes müssten ihren Blutzucker gut einstellen, Hypertoniker ihren Blutdruck – und zwar laut den neuen Leitlinien der Deutschen Hochdruckliga auf Werte ≤ 125/75 mmHg und möglichst mit ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptorblockern, da sie über die Blutdrucksenkung hinaus einen schützenden Effekt auf die Nierenfunktion ausüben können (Angiotensin II kann eine Proteinurie verstärken und proinflammatorisch sowie profibrotisch wirken).

Den gängigen Parameter der Blutentgiftung durch die Nieren, den Serumkreatinin-Wert, bezeichneten die Experten als kritischen Marker. Denn dieser erhöhe sich erst dann merklich, wenn die Nieren schon fast zur Hälfte funktionslos sind und oft erst Jahre nach den ersten Symptomen im Urin, so Galle. „Hier besteht ein großer grauer Bereich. Daher sollten auch Arzneimittel nicht nur nach dem Kreatininspiegel angepasst werden.“ Bei vielen, zumeist älteren Patienten liege dann die Dosis zu hoch. Aussagekräftig werde der Wert, wenn er mit dem Alter und dem Geschlecht in die so genannte vereinfachte MDRD-Formel eingeht oder darüber hinaus mit Größe und Gewicht in die Cockroft-Formel. Auf diese Weise lasse sich die glomeruläre Filtrationsrate ohne großen Mehraufwand so genau bestimmen wie über die aufwändige Berechnung der Kreatinin-Clearance aus dem 24-Stunden-Sammelurin. Top

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