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Das Bild der Chemie neu prägen

15.09.2003  00:00 Uhr

Das Bild der Chemie neu prägen

von Hannelore Gießen, München

Im Jahr der Chemie sieht sich das naturwissenschaftliche Fach vielen Vorurteilen und Ängsten gegenüber. Die Einstellung der Deutschen zur Chemie und deren Produkten erläuterte der Wissenschaftshistoriker Professor Dr. Ernst Peter Fischer, Autor des Buches „Die andere Bildung“.

PZ: 2003 ist das Jahr der Chemie. Noch sind wir mitten drin. Werden die Aktionen, werden die Veranstaltungen helfen, das schlechte Image der Chemie aufzupolieren?

Fischer: Nein, das glaube ich nicht. Wenn die Leute „Chemie“ hören, denken sie an die chemische Industrie – trotz aller Tricks, Chemie anders zu präsentieren. „Chemie“ das klingt in den Ohren der Menschen nach dem Versuch, ihnen etwas anzubieten, was nicht natürlich ist. Eine leichte Umkehr gibt es jedoch. Man sagt heute oft: „Die Chemie muss stimmen“. Dabei ist der Begriff „Chemie“ positiv besetzt. Würde man hier ansetzen, könnte man das Bild der Chemie nach und nach umprägen.

PZ: Das Ansehen der Chemie hat durch Katastrophen wie Seveso, Bhopal und Basel gelitten und der Glaube an den Fortschritt ist Misstrauen und Skepsis gewichen. Setzen Sie da eine Zäsur oder war der Umbruch schon viel früher?

Fischer: Der Umbruch war tatsächlich schon früher, Ende der 60er-Jahre, als der Fortschrittsglauben verschwand. Vorher war die Zuversicht, dass Wissenschaft die Welt verbessern und Zukunft planbar machen würde, noch ungebrochen. Man hatte die Antibabypille erfunden, Herzen transplantiert und den Mond erobert. Aber genau als die Mondlandung gefeiert wurde, tauchte erstmals der Begriff „Umweltschutz“ auf. Und nun kippte alles um. Radikal änderte sich das Verhältnis zur Natur: Vorher hat die Umwelt den Menschen ruiniert, jetzt war er ihr Zerstörer. Die Macht über die Welt war in Ohnmacht umgeschlagen. Bis in die letzte Provinz drang die Botschaft über „Die Grenzen des Wachstums“, dem Bericht des Club of Rome. Das Bewusstwerden, dass unsere Ressourcen nicht unendlich sind, rief Angst hervor und Skepsis machte sich breit.

PZ: Wie wirkt sich dieser Paradigmenwechsel auf das Bild des Arzneimittels aus?

Fischer: Genau zu diesem Zeitpunkt kam der wissenschaftliche Durchbruch, der wahrscheinlich den Gipfel der Machtausübung über die Natur beinhaltet: die Gentechnik. Jetzt begannen zwei divergente Entwicklungen: Die Pharmaindustrie wollte das Potenzial der Gentechnik nutzen, die Öffentlichkeit wollte dies verhindern. Von dieser Diskrepanz zwischen den Zielen der pharmazeutischen Industrie und der öffentlichen Meinung hat sich das Image der Arzneimittelhersteller bis heute nicht erholt.

Insgesamt bröckelte in dieser Zeit das Bild vom Arzneimittel als Wundermittel: Nebenwirkungen wurden entdeckt und die Ernüchterung, dass Medikamente nicht so zielgenau wirkten wie gedacht, machten sich breit. Dazu kam eine Skepsis gegenüber allem künstlich Hergestellten. War man früher stolz darauf, etwas wie Anilin oder Soda selbst zu machen, so herrschten jetzt Vorbehalte gegenüber dem Unnatürlichen, in der Annahme, dass das Natürliche das Gute, das Künstliche das Schlechte ist. Mittlerweile waren wir auch eine Gesellschaft geworden, der es gut ging und die entsprechend weniger risikobereit war.

Als drittes Element führte die Chaosforschung die Wissenschaft in dieser Zeit zu der Erkenntnis, dass trotz allen technischen Fortschritts bestimmte Dinge nie vorhersagbar sein werden. Manches ist einer mathematischen Analyse prinzipiell nicht zugänglich, und damit war die Idee der Determinierbarkeit gescheitert. Das hat Vorteile, aber man muss sich daran gewöhnen.

PZ: Für manche sind Arzneimittel ein Art modernes Amulett, das ihnen Heil bringen soll, für andere ein Teufelszeug. Oft sind beide Haltungen nebeneinander vorhanden. Wie sehen Sie das Heilmittel im Spiegel der Geschichte?

Fischer: Gehen wir zurück zur Goethezeit, zu der wir über gute Quellen verfügen. Damals war Gesundheit eine Pflicht, um ein anständiges Leben führen, um lesen, musizieren und der Familie helfen zu können. Gesundheit war die ganz persönliche Aufgabe jedes Einzelnen, bei der vielleicht ab und zu der Arzt half. Dann entwickelte sich die Pharmaindustrie und lieferte Pflanzenextrakte, Alkaloide, Morphium. Die Fürsorge für die eigene Gesundheit wurde zunehmend delegiert. Gesundheit zu kaufen erschien einfacher, als sich selbst um Gesundheit zu bemühen. Allmählich wurde Gesundheit zum Recht, und die Ansprüche wuchsen bis in unsere Tage, in denen das Gesundheitssystem als Hotelbetrieb verstanden wird, den ein anderer bezahlt.

PZ: Die naturwissenschaftliche Medizin hat sich immer weiter in Richtung „Objektivierbarkeit“ entwickelt und ist jetzt bei „Evidenz-basierter Medizin“ angekommen, die Anfang der 90er-Jahre in England und Kanada begonnen hat. Therapien und Diagnosen, die sich empirisch bewährt haben, werden auf den wissenschaftlichen Prüfstand gestellt. Wird das dem Patienten gerecht werden – aus der Sicht des Historikers?

Fischer: Generell nützt es dem Patienten, wenn Sicherheitskriterien erhöht werden. Wird dabei jedoch die Latte zu hoch gehängt, filtert man auch viele Entwicklungen schon im Vorfeld heraus, die vielleicht einen Fortschritt gebracht hätten. Arzneimittelsicherheit muss auch schon früher ansetzen, indem Probanden und Kohorten besser definiert werden. Dabei wird in naher Zukunft jedoch die Pharmakogenetik helfen.

Meines Erachtens berücksichtigt die moderne Medizin aber das Subjekt „Mensch“ nicht genügend. Die Menschen müssen wieder Selbstwahrnehmung lernen und brauchen dazu den Dialog. Ich plädiere deshalb für eine Gesprächskultur, auch zwischen allen Beteiligten des Gesundheitssystems.

PZ: Rationalität und Quantität bestimmen die wissenschaftlichen Disziplinen. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Komplementärmedizin wie Naturheilverfahren, Homöopathie, Anthroposophie und traditionelle chinesische Medizin?

Fischer: Aus dem Blickwinkel der Geschichte sind sie die zu erwartende Folge der einseitig rationalen Medizin. Eine ernst betriebene Komplementärmedizin – die Welt ist ohnehin auf Komplementarität angelegt – würde ich daher begrüßen. Komplementär schließt immer die Einsicht ein, dass es das andere auch gibt. Es entspricht den zwei Seiten einer Medaille. Sie sehen immer nur eine Seite, aber Sie wissen, dass es die andere gibt und Sie können nach beiden Seiten hin kippen. Leben ist Balance, und Gesundheit ist Balance, eine Balance zwischen Ordnung und Chaos.

PZ: Kehren wir nochmals zum Jahr der Chemie zurück. Was wünschen Sie der Pharmazie, die an der Universität im Bereich Chemie angesiedelt ist?

Fischer: Ich wünsche der Pharmazie, dass sie nicht ihre Wurzeln abschneidet, wie ich das mit Sorge bei der Biologie verfolge. Die Studenten wissen heute oft zu wenig über die Natur selbst. Ich wünsche den Pharmazeuten eine Hinwendung zur Natur. Das fördert auch das innere Erleben.

PZ: Herr Professor Fischer, wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich für Wissenschaft und Gesellschaft wünschen?

Fischer: Mein Wunsch ist, dass die andere, die naturwissenschaftliche Bildung genauso akzeptiert wird wie die Bildung, wie sie gemeinhin verstanden wird. Ich wünsche mir, dass Naturwissenschaften als etwas vermittelt werden, das zu unserem Menschsein gehört. Die Grundidee der Wissenschaft war nicht, die Wahrheit zu finden, sondern den Menschen zu helfen. Und mein Traum wäre die Erfüllung von Humboldts Dreiklang: „Humanität entsteht, wenn Wissenschaft und Kunst zusammenfinden.“ Top

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