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Hüpfende Highmacher

04.08.2003
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Krötensekret als Rauschdroge

Hüpfende Highmacher

von Matthias Bastigkeit, Geschendorf

Bei Rauschdrogen fallen einem als erstes Haschisch, Heroin, Kokain sowie Pillen und Pilze ein. Experimentierfreudige Jugendliche konsumieren derzeit aber ausgefallenere Substanzen wie zum Beispiel das Sekret der südamerikanischen Aga-Kröte.

Die Vorstellung, eine handtellergroßen und quicklebendigen Kröte abzulecken, ist für die meisten Menschen ausgesprochen eklig. Für einige Insider bedeutet dies aber eine Drogenerfahrung mit speziellem Kick. Suchtmittel wie Krötensekrete, die nicht invasiv konsumiert werden müssen, liegen derzeit in speziellen Kreisen im Trend.

Krötensekrete als historische Arznei

Die Aufnahme von Krötengiften hat nahezu offizinellen Charakter. Im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts setzten Mediziner Krötentoxine zur Behandlung von Herzinsuffizienz ein. Unter dem Namen „Bufones exsiccati“ vertrieben Apotheker derartige Sekrete, die später durch die Entdeckung der Digitalis-Glycoside abgelöst wurden. In Ägypten und China wurden Amphibientoxine als Mittel gegen Ödeme, Herzinsuffizienz, Schlangenbisse, Epilepsie und Infektionen eingesetzt. In Japan und China finden noch heute getrocknete Krötenhäute (Ch’an Su beziehungsweise Senso) Verwendung. Einige homöopathische Präparate enthalten noch heute die Sekretinhaltsstoffe Bufotoxin und Bufotenin.

Als Szenedroge verwenden Jugendliche das Sekret der Aga-Kröte (Bufo marinus), die ursprünglich aus Süd- und Mittelamerika stammt. Sie wurde in den 50er-Jahren zur Schädlingsbekämpfung nach Australien exportiert. In Europa existieren drei Arten der Bufonidae (Bufo bufo, Bufo viridis und Bufo calamita). Die Tiere werden 2 bis 25 cm groß. Die Aga-Kröte setzt das berauschende und giftige Sekret, das ihre Hautoberfläche bedeckt, zur Verteidigung ein.

Lecken, quetschen, kochen, inhalieren

Konsumenten gewinnen und verwenden das Sekret von Kröten auf verschiedene Arten. Frisches Krötensekret erhalten sie, indem sie die Paratoid- und Tibialdrüsen mit Daumen und Zeigefinger gezielte auspressen. Das visköse, milchig-weiß Sekret lassen sie gegen eine Glasplatte spritzen, um es anschließend bei leichter Hitze zu trocknen. Kleine Scheibchen davon werden dann mittels Chillum (Haschpfeife) in einem Lungenzug inhaliert. Dabei tritt der Rauscheffekt bereits nach 30 Sekunden ein.

Um die Sekretproduktion zu steigern, reizen Drogenkonsumenten die Kröte auch mit einem Feuerzeug und lecken das warme Sekret ab. Damit der „hüpfende Dealer“ wieder liefern kann, benötigt er vier bis sechs Wochen Ruhe, um neues Sekret zu bilden. Vornehmlich in australischen Drogenabhängigenkreisen werden auch Krötenhäute zu einem Sud gekocht und anschließend als „Tee“ getrunken. In diesen Fällen tritt die Wirkung nach 20 bis 30 Minuten ein.

Digitalis und LSD

Das Sekret besteht unter anderem aus Katecholaminen, Indoalkylaminen, Bufogeninen und Bufotoxinen, die alle zur Rauschwirkung beitragen. Die Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin wirken sympathomimetisch und anregend. Ein Effekt dieser Verbindungen tritt nach circa fünf bis zehn Minuten ein. Das ebenfalls enthaltene Indoalkylamin O-Methyl-bufotenin ist eines der stärksten bekannten Halluzinogene. Bufotenidin hat eine gefäßverengende und blutdrucksteigernde Wirkung. Weitere Inhaltsstoffe sind Bufotoxine, Ester des Suberylarginins mit Bufogeninen. Sie sind mit Digitalisglykosiden strukturverwandt und vermutlich für die auftretenden Farbhalluzinationen verantwortlich. Bufotoxine und Bufogenine steigern die Kontraktionskraft des Herzens und reduzieren die Schlagfrequenz.

Im Krötensekret sind außerdem die Halluzinogene Bufotenin (Dimethyltryptamin, DMT) und 5-Methoxy-DMT nachgewiesen worden. Während das DMT für das schnelle Eintreten der Halluzinationen verantwortlich ist, wird ihre Stärke durch 5-Methoxy-DMT bestimmt. Bufotenin wirkt stärker kardiotoxisch als halluzinogen.

 

Literatur

  • Bastigkeit, M., Medikamente in der Notfallmedizin. 6. Auflage, Stumpf & Kossendey, Edewecht 2003.
  • Bastigkeit, M., Rauschdrogen Drogenrausch. Verlag Stumpf und Kossendey mbH, Edewecht 2003.
  • Bastigkeit, M., Rauschgifte – ein naturwissenschaftliches Handbuch, Govi Verlag, Eschborn 2003.
  • Bechtle, W., Bunte Welt im Terrarium. Bunte Kosmos Taschenführer, 1976.
  • Brauer, K., Kröten. Urania-Verlag und Co.
  • Daunderer, M., Lexikon der Pflanzen- und Tiergifte. Nikol Verlagsgesellschaft mbH & KG, Hamburg 1995.
  • Duellman, W. E., Trueb, L., Biology of Amphibians, McGraw-Hill Book Company 1986.
  • Habermehl, G.G., Gift-Tiere und ihre Waffen. Eine Einführung für Biologen, Chemiker und Mediziner. Ein Leitfaden für Touristen. Springer Verlag, Berlin/Heidelberg 1994.
  • Keup, W., Die Aga-Kröte und ihr Sekret: Inhaltsstoffe und Missbrauch, Pharm. Ztg. 140 (1995) Seiten 3741 – 3746.
  • Mebs, D., Gifttiere. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart 1992.
  • Most, A., The Psychedelic Toad of the Sonoran Desert, Arizona 1983.

 

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Matthias Bastigkeit
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23552 Lübeck
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