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Perindopril senkt Risiko eines zweiten Schlaganfalls

16.07.2001  00:00 Uhr

PROGRESS-STUDIE

Perindopril senkt Risiko eines zweiten Schlaganfalls

von Brigitte M. Gensthaler, München

Perindopril reduziert deutlich Häufigkeit und Schweregrad von Schlaganfall-Rezidiven. Der Effekt ist unabhängig vom Ausgangsblutdruck des Patienten. Zu diesem Ergebnis kommt die Progress-Studie, deren Daten beim Europäischen Hypertonie-Kongress Mitte Juni in Mailand und kürzlich auch in München vorgestellt wurden.

Ein erhöhter Blutdruck birgt ein hohes Risiko, einen ersten Schlaganfall zu erleiden. Die beste Vorbeugung liegt in der Drucksenkung. Offen war allerdings, welchen Nutzen Patienten nach einem Schlaganfall oder transitorischen ischämischen Attacken (TIA) von der Drucksenkung haben. Unklar war ferner, ob diese Patienten nicht sogar einen Mindest-Blutdruck brauchen, der sie vor einem weiteren ischämischen Ereignis schützt. Die Progress-Studie hat mit diesen Zweifeln aufgeräumt, erläuterte Professor Dr. Ingomar-Werner Franz, Chefarzt in der Reha-Klinik Wehrawald, vor der Presse in München.

Der Studienname steht für "Perindopril Protection against Recurrent Stroke Study". An der doppelblinden, vierjährigen Studie haben 6105 Patienten teilgenommen, die innerhalb der letzten fünf Jahre eine zerebrale Blutung, einen ischämischen oder anders bedingten Schlaganfall oder eine TIA erlitten, aber keine schwere Behinderung davongetragen haben. Sie erhielten - zusätzlich zu ihrer Standardmedikation - entweder Perindopril (4 mg; Coversum®) oder Perindopril (4 mg) plus Indapamid (2 oder 2,5 mg) oder Placebo. Der Randomisierung ging eine vierwöchige Run-in-Phase mit dem ACE-Hemmer voraus, während der die Verträglichkeit des Medikaments und die Compliance getestet wurden.

Interessantes Detail: 48 Prozent der Patienten waren Hypertoniker, deren Blutdruck behandelt wurde, erläuterte Franz. So nahmen etwa 40 Prozent Calcium-Antagonisten und 15 Prozent Betablocker ein. Perindopril wurde zusätzlich gegeben. Die Compliance war mit rund 87 Prozent erstaunlich hoch.

Nach vier Jahren lag das relative Risiko eines erneuten Schlaganfalls (primärer Studienendpunkt) in der Verumgruppe um 28 Prozent niedriger als unter Placebo (307 versus 420 Insulte). Der Unterschied war bereits nach einem Jahr signifikant. Das Risiko zerebraler Blutungen halbierte sich. Außerdem kam es unter Perindopril deutlich seltener zu einer Demenz oder schwerem geistigen Verfall. Der Kardiologe betonte, dass die Risikoreduktion unabhängig vom Ausmaß der Blutdrucksenkung war (im Mittel 9 mmHg systolisch und 4 mmHg diastolisch).

Franz fasste zusammen: Um einen Schlaganfall zu verhindern, müssen 23 Patienten über fünf Jahre behandelt werden; um ein "Gefäßereignis" wie Herzinfarkt, Tod auf Grund vaskulärer Ursache oder nicht-tödlicher Insult zu vermeiden, sind es 18 Patienten. Die Kombi-Therapie brachte noch bessere Ergebnisse.

Obwohl an der Studie Menschen teilgenommen hatten, deren erster Schlaganfall relativ lange zurücklag, forderte der Neurologe Professor Dr. Roman Haberl vom Harlachinger Krankenhaus, dass Patienten bereits ab dem dritten Tag Perindopril bekommen sollte. Der Blutdruck solle langsam gesenkt werden. Auch Patienten, bei denen das Erstereignis länger als fünf Jahre zurückliegt, könnten jetzt Perindopril erhalten, ergänzte sein Kollege Franz.

 

Der Killer Nummer zwei

Etwa eine Million Schlaganfall-Patienten lebt in Deutschland. Pro Jahr erleiden etwa 200.000 Menschen erneut dieses Schicksal. Ein Drittel stirbt daran, ein Drittel bleibt pflegebedürftig und nur ein Drittel erholt sich wieder. Damit ist der Schlaganfall nach Tumoren die Todesursache Nummer zwei und wichtigster Auslöser schwerer Behinderungen in Industriestaaten. Diese Zahlen nannte Haberl bei einer Pressekonferenz der Firma Servier in München. Im ersten Jahr nach einem Schlaganfall ist das Rezidivrisiko besonders hoch: Jeder zehnte Patient ist betroffen.

Für Haberl ist der Schlaganfall "ein Schleichanfall": Bluthochdruck müsse unbedingt behandelt und Frühwarnzeichen wie TIA ernst genommen werden. Auch in der Sekundärprophylaxe räumt er der Blutdrucksenkung die höchste Priorität ein.

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