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Schweigen ist Silber, Fragen ist Gold

04.07.2005  00:00 Uhr
ABDA-Presseseminar

Schweigen ist Silber, Fragen ist Gold

von Christiane Berg, Hamburg

Prägnant zeigte das Gesundheitspresse-Seminar der ABDA am 23. Juni auf, was die Apotheke oft im Verborgenen leistet. »Nicht nur der Apotheker muss Beratung anbieten. Auch der Patient muss umdenken und lernen, diese Beratung aktiv einzufordern«, so die Botschaft an die circa 40 Repräsentanten von Publikums- und Fachmedien.

Über die Leistungen der Apotheker zur Einschränkung von Arzneimittelrisiken referierten Professor Dr. Volker Dinnendahl, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK), Erika Fink, Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen, Dr. Hiltrud von der Gathen, Fachapothekerin für Offizinpharmazie, Ernährungs- und Gesundheitsberatung, Lutz Boden, Fachapotheker für Arzneimittelinformation, Eschborn, Dr. Christian Gerninghaus, Fachapotheker für Pharmazeutische Analytik, Schlitz, sowie Dr. Matthias Schneider, Fachapotheker für Pharmazeutische Analytik, Dillingen an der Donau.

Mit Gesicht und Herz

Zuvor hatte die Präsidentin der Bundesapothekerkammer (BAK), Magdalene Linz, Information und Beratung als »wichtigste Aufgabe und größtes Kapital der Apotheker« hervorgehoben. Als »Menschen mit Gesicht und Herz« machen die Apotheker ihr Wissen für den Patienten nutzbar, so Linz. Zwar mag es schwarze Schafe geben, die überwältigende Mehrzahl der Apotheken jedoch zeichne sich nicht nur durch Fachwissen, sondern auch durch emotionale Kompetenz aus, sagte die BAK-Präsidentin. Nichtsdestotrotz habe die BAK »die Zeichen der Zeit erkannt« und 2004 mit dem Pseudo-Customer-Projekt eine Beratungsoffensive gestartet. Linz zeigte sich erfreut über das große Interesse an dieser »Hilfe zur Selbsthilfe«. Es gehe keinesfalls darum, die Apotheken zu überwachen oder zu gängeln. Die Beratungsoffensive diene vielmehr der Motivation, die eigene Leistung kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu steigern. Die BAK-Präsidentin zeigte sich überzeugt, dass die Beratung in Apotheken besser ist als ihr von den Medien geschädigter Ruf. Dass die Apotheken in Umfragen sehr gut abschneiden, belege zum Beispiel die Umfrage von Readers Digest vom März 2005: 88 Prozent der Befragten haben den Apothekern »großes Vertrauen« ausgesprochen. Damit lagen sie gleichauf mit Ärzten. »So viele Kunden können nicht irren«, sagte Linz. »Schweigen ist Silber, Fragen ist Gold«, so die BAK-Präsidentin, die die Kunden zu mehr Eigeninitiative und aktiven Einforderung der Beratung angeregt wissen will.

Übertrieben hohe Schätzungen

Hatte bereits Linz die Schätzungen zu Todesfällen durch Arzneimittelnebenwirkungen »übertrieben hoch« genannt, so bestätigte Dinnendahl, dass konkrete Erkenntnisse zur tatsächlichen Zahl der Medikamentenopfer in Deutschland nicht vorliegen. Von bis zu 55.000 Medikamentenopfern pro Jahr auszugehen, sei »mehr als strittig. Allein das so genannte »Bremer Modell«, das 16.000 Tote pro Jahr durch Arzneimittelnebenwirkungen realistisch nennt, habe bislang nachprüfbare Daten geliefert. Alle anderen Zahlen, so der Referent, stammen aus norwegischen und amerikanischen Untersuchungen, die auf Deutschland umgerechnet wurden. Dinnendahl umschrieb dieses Verfahren als »äußerst fragwürdig«. Die verschiedenen Länder und Gesellschaften hätten unterschiedliche Traditionen im Umgang mit Arzneimitteln.

So seien Amerikaner bei der Einnahme von Arzneimitteln »sehr viel heroischer«. Zum Beispiel zähle Acetylsalicylsäure in den USA »schon fast zu den Grundnahrungsmitteln«, so der AMK-Vorsitzende. Nicht zuletzt auf Grund der Tatsache, dass Arzneimittel in den Vereinigten Staaten sehr viel häufiger in sehr viel höheren Dosierungen als in Deutschland zum Einsatz kommen, sei die Zahl der Nebenwirkungen generell höher. Deutschland sei zudem eine »Hochburg der sanften Medizin«. Zudem sei es falsch, stillschweigend Todesfälle einzig und allein auf das jeweilige Arzneimittel zurückzuführen. »Menschliche Unzulänglichkeiten« bei der Diagnose, Verordnung, Abgabe oder Dosierung fänden ebenso ihren Niederschlag. Wie Linz plädierte auch Dinnendahl für eine »Verbesserung der Fehlerkultur«. Große Hoffnung setze er in die bundesweite Einführung des elektronischen Arzneimittelpasses, der die Arzneimittelsicherheit erhöhen werde.

Wenn Tee bedenklich ist

Zu Wechselwirkungen könne es nicht nur zwischen Medikamenten, sondern auch zwischen Arznei- und Nahrungsmitteln kommen, unterstrich Fink. Schon Wasser löse eine Wirkung aus, indem es die Magenentleerung beschleunigt und so zum oftmals gewünschten, manchmal störenden forcierten Übergang des Wirkstoffes in das Blut beitragen kann. Antibiotika wie Erythromycin, Penicilline, Cephalosporine, Sulfonamide, Azithromycin sollten mit viel Flüssigkeit auf nüchternen Magen genommen werden, um schnell in den Darm zu gelangen. »Im sauren Magensaft werden sie zersetzt, das vermindert die Wirkung«, so Fink. Bisphosphonate dürften keinesfalls zusammen mit calciumhaltigen Speisen wie Milch, Käse oder Mineralwasser eingenommen werden, da sie anderenfalls unlösliche Komplexe bilden und somit nicht ins Blut gelangen. Calcium bilde auch mit Tetracyclinen und Gyrasehemmern unlösliche Komplexe. Auch Tee sei nicht unproblematisch, sagte Fink.

Bei der Einnahme von Diuretika, die mit der verstärkten Ausscheidung einiger Mineralstoffe einhergehen, müsse gegebenenfalls deren Substitution in Erwägung gezogen werden. Grapefruitsaft steigere die Wirkung nicht nur von Nifedipin, sondern auch von Midazolam und Triazolam, Lovastatin oder Saquinavir. Bei Zitronen- oder Orangensaft hingegen träten diese Wechselwirkungen nicht auf. Die Resorption von Theophyllin beziehungsweise von L-Dopa werde durch Kohlenhydrate verbessert und durch Eiweiß reduziert. Das müsse ebenso Berücksichtigung bei der Einnahme finden wie die Tatsache, dass fettreiche Mahlzeiten die Wirkung von Diazepam, Propranolol oder Metoprolol verstärken beziehungsweise der übermäßige Konsum von Kohlgemüse die Wirkung von Phenprocoumon beeinträchtigen kann.

Rezeptfrei heißt nicht harmlos

Die Lektüre des Beipackzettels könne das Gespräch mit dem Apotheker nicht ersetzen, so Fink. »In der Beratung und Information wird dieser zukünftig eine noch größere Rolle als bislang spielen«, prognostizierte sie. »Keine Wirkung ohne Nebenwirkung«, unterstrich von der Gathen. Das gelte auch für rezeptfreie Arzneimittel, die im Rahmen der Selbstmedikation gekauft werden.

Von der Gathen warnte unter anderem vor OTC-Medikamenten mit Einfluss auf die Blutgerinnung. Vor einem Zahnarztbesuch oder einer Operation sollten Vitamin-E-, Omega-3-Fettsäure-, Knoblauch-, Ginkgo- oder Acetylsalicylsäure-Präparate abgesetzt werden. Auch Herzinfarkt-Patienten, die mit blutgerinnungshemmenden Arzneimitteln behandelt werden, sollten diese rezeptfreien Arzneimittel meiden. Antihistaminika in Arzneimitteln gegen Übelkeit, Grippe, Allergien, Schlaflosigkeit oder Schnupfen könnten Wechselwirkungen mit Psychopharmaka, Schmerzmitteln beziehungsweise Medikamenten gegen Parkinson, Epilepsie oder Muskelverspannungen eingehen.

Zwei Seiten einer Medaille

Als mögliche Nebenwirkungen von schleimhautabschwellenden Nasentropfen zeigte von der Gathen Herzklopfen, Pulsbeschleunigung, Hypertonie und auch Verstärkung des grünen Stars auf. Diese könnten zudem wie Abführmittel bei zu häufigem und langem Gebrauch in die Abhängigkeit führen. Selbst Heilpflanzen seien nicht immer frei von Interaktionen. So könne Johanniskraut, die Wirkung von Kontrazeptiva beeinträchtigen. »Es ist daher immer wichtig, dass der Verbraucher den Apotheker beim Kauf eines Medikamentes über die Einnahme anderer Arzneimittel informiert«, sagte von der Gathen.

Um sich schnell und umfangreich ein Bild über etwaige Wechsel- und Nebenwirkungen von Arznei- und Lebensmitteln zu machen, kann der Apotheker Datenbanken heranziehen, die kontinuierlich aktualisiert werden, so Lutz Boden und Dr. Christian Gerninghaus in einem Doppelvortrag. In den Datenbanken von ABDATA Pharma-Daten-Service seien etwa 340.000 verschiedene Artikel gelistet. Das CAVE-Modul macht bei der Auswahl der aktuellen Medikation die Berücksichtigung von Patientendaten wie Alter, Geschlecht, Anamnese oder Medikamentenhistorie möglich. Täglich sind aktuelle Informationen zu neuen Wirkstoffen beziehungsweise behördlichen Meldungen oder Rückrufen verfügbar.

Was Beipackzettel verschweigen

Für die Apothekenpraxis sind diese Datenbanken unentbehrlich, nicht zuletzt auch auf Grund der Tatsache, dass Apothekenkunden etwa im Rahmen eines Hausapothekenkonzepts ihre Arzneimittelkäufe speichern lassen und so auch Doppelverordnungen erkannt werden, sagte Gerninghaus. Die Dopplung bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten mit verschiedenen, aber ähnlichen Wirkstoffen identifiziere die Datenbank allerdings nicht. »Die Datenbank ist nur eine Hilfe für den Apotheker, keinesfalls kann sie sein Fachwissen ersetzen«, fassten die Referenten zusammen.

Dinge, die »der Beipackzettel verschweigt« und nur im Beratungsgespräch mit dem Apotheker zu erfahren sind, beschrieb Dr. Matthias Schneider. Er riet, sich durch den langen Text nicht abschrecken zu lassen. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass der Hersteller unerwünschte Wirkungen und Interaktionen nennt, auch wenn sie nur in Einzelfällen aufgetreten sind. Vielmehr sei es empfehlenswert, sich beim Apotheker über tatsächlich relevante Effekte zu informieren und die Applikation der Arzneiform in der Apotheke zu üben. Es sei bekannt, dass sich dadurch nachweislich bessere Behandlungsergebnisse erzielen lassen.

Die Tatsache, dass Asthmasprays über dem Bett vernebelt, Trockensäfte keinesfalls immer mit Wasser aufgefüllt oder magensaftresistente Tabletten durchaus auch zerteilt werden, zeige, dass das persönliche Gespräch mit dem Fachmann unverzichtbar ist. »Ohne fachkundigen Hinweis kann bei der Einnahme von Medikamenten vieles schief gehen«, so Gerninghaus. Es empfehle sich, immer auf der sicheren Seite zu bleiben, indem man sich der Erfahrung und Kenntnis des Apothekers bedient. Top

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