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Neue Medikamente für Therapie und Prophylaxe

11.06.2001  00:00 Uhr

MALARIA

Neue Medikamente für Therapie und Prophylaxe

von Ulrike Wagner, Innsbruck

Malaria war ein Schwerpunkt des 7. Kongresses der International Society of Travel Medicine (ISTM) Ende Mai in Innsbruck. Die beiden wichtigsten Neuigkeiten: Die Kombination Atovaquon/Proguanil (Malarone®) ist nun auch für die Prophylaxe der Malaria tropica zugelassen, und Artemether in Kombination mit Lumefantrin (Riamet®) soll Mitte Juni in Deutschland zur Therapie der Malaria tropica auf den Markt kommen.

Zur Malaria-Behandlung ist Malarone schon seit 1997 in Deutschland erhältlich. Die Zulassung für die Prophylaxe erhielt das Präparat von GlaxoSmithKline auf Grund der Ergebnisse zweier Vergleichsstudien, an denen insgesamt etwa 2000 Reisende teilgenommen hatten. Das Medikament wurde dabei mit Mefloquin (Lariam®) und der Kombination Chloroquin/Proguanil (zum Beispiel Resochin®/Paludrine®) verglichen. Das Ergebnis: Die Reisenden vertrugen Malarone besser und waren genauso gut oder gar besser vor einer Infektion mit Plasmodium falciparum geschützt.

Die Häufigkeit der neuropsychiatrischen Nebenwirkungen war im Vergleich zu Mefloquin niedriger (14 versus 29 Prozent) und gastrointestinale Nebenwirkungen traten im Vergleich zu Chloroquin/Proguanil seltener auf (12 versus 20 Prozent). Vor Plasmodium falciparum schützte Malarone mit einer Rate von 98 Prozent genauso effektiv wie Mefloquin, und es ist möglicherweise wirksamer als die Kombination Chloroquin/Proguanil, informiert GlaxoSmithKline.

Kürzere Einnahmedauer

Malarone hat einen weiteren Vorteil: Weil sowohl Atovaquon als auch Proguanil die Leberstadien der Parasiten angreifen, kann das Präparat nach Verlassen des Malariagebietes schneller abgesetzt werden. Denn Plasmodien infizieren zuerst die Leber und gelangen ungefähr sieben Tage später ins Blut.

Da Mefloquin, Doxycyclin und Chloroquin/Proguanil vor allem die im Blut zirkulierenden Stadien töten, müssen diese Präparate bis 28 Tage nach Verlassen des Malariagebietes eingenommen werden. Für Malarone empfiehlt der Hersteller: täglich eine Tablette mit 250 mg Atovaquon und 100 mg Proguanilhydrochlorid ein bis zwei Tage vor, während und sieben Tage nach Aufenthalt in einem Malariagebiet, der nicht länger als vier Wochen dauern sollte.

Die verkürzte Einnahmedauer macht Malarone vor allem interessant für Touristen, die sich nur kurze Zeit in Hochrisikogebieten aufhalten. Kontraindiziert ist die Wirkstoffkombination für die Prophylaxe bei Patienten mit schwerer Niereninsuffizienz.

Atovaquon hemmt den Elektronentransport in den Mitochondrien der Parasiten, indem es den Cytochrom-bc1-Komplex angreift. Dadurch bricht sowohl das Membranpotenzial der Mitochondrien zusammen als auch die Versorgung der Parasiten mit Pyrimidinen. Denn Pyrimidinbiosynthese und Elektronentransport sind bei Plasmodien gekoppelt, und die Parasiten haben im Gegensatz zu Säugetieren keine andere Quelle für Pyrimidine. Proguanil hemmt unter anderem über den Metaboliten Cycloguanil die Dihydrofolat-Reduktase (DHFR) der Parasiten.

Empfohlen für Hochrisikogebiete

Da Resistenzen gegen andere Malariamittel die Wirkung von Malarone nicht beeinflussen, wird das Kombinationspräparat vor allem für die Prophylaxe in Hochrisikogebieten empfohlen, zum Beispiel in Thailand an der Grenze zu Myanmar und Kambodscha.

Dass sich auch gegen Malarone Resistenzen entwickeln könnten, wenn Touristen das wertvolle Präparat als Propyhlaktikum einnehmen, hielten die Experten in Innsbruck für unwahrscheinlich. Damit die Erreger resistent werden, müssen sie häufig mit geringen Konzentrationen der Wirkstoffe in Kontakt kommen, erklärte Privatdozent Dr. Hans Dieter Nothdurft von der Universität München während einer Pressekonferenz. Wenn Touristen, die sich nur für kurze Zeit in den entsprechenden Gebieten aufhalten, das Präparat zum Schutz vor einer Infektion einnehmen, sei dies nicht der Fall, erklärte er.

Nebenwirkungen überschätzt

Die Nebenwirkungsrate des bislang in Gebieten mit erhöhtem Malariarisiko als Prophylaxe eingesetzten Mefloquins (Lariam®) werde häufig überschätzt, sagten Experten während eines Roche-Symposiums und stellten dazu neue Studien vor. Das Präparat habe sich seit mehr als 15 Jahren als Prophylaktikum bewährt, mehr als 20 Millionen Menschen hätten es eingenommen. Es sei leicht zu dosieren und nicht teuer, betonte Professor Dr. Jay Keystone vom Centre for Travel and Tropical Medicine der Universität Toronto, Kanada. Immerhin vertrügen 95 Prozent der Reisenden, die Mefloquin einnehmen, den Wirkstoff so gut, dass sie die Malariaprophylaxe nicht abbrechen. Die Inzidenz neuropsychologischer Nebenwirkungen wie Angstzustände, Schlaflosigkeit, Depressionen und Verwirrtheit sei mit 0,2 bis 0,5 Prozent sehr gering, sagte Dr. Patricia Schlagenhauf von der Universität Zürich. Unklar sei bislang, welcher Anteil davon tatsächlich von dem Medikament ausgelöst werde.

Sie wies darauf hin, dass die Ärzte das Auftreten schwerer Nebenwirkungen verhindern könnten, indem sie Reisende danach fragen, ob sie selbst oder andere Familienangehörige unter Depressionen, psychiatrischen Problemen oder Epilepsie leiden. Sei dies der Fall, sollten sie Mefloquin nicht verschreiben.

Artemether und Lumefantrin

Auch bei der Malaria-Therapie gibt es Neuigkeiten: Seit Ende März ist mit Riamet® in den meisten europäischen Ländern ein neues Malaria-Medikament zugelassen. Mitte Juni soll das Präparat in Deutschland auf den Markt kommen. Riamet ist eine Kombination aus Artemether, das ursprünglich aus einer chinesischen Heilpflanze gewonnen wurde, und Lumefantrin. Zugelassen ist das Präparat für die Therapie der unkomplizierten Malaria, hervorgerufen von Plasmodium falciparum. Eine Tablette Riamet enthält 20 mg Artemether und 120 mg Lumefantrin. Malaria-Patienten müssen sechsmal vier Tabletten innerhalb von 60 Stunden einnehmen. In der Schweiz steht die Wirkstoffkombination seit mehr als einem Jahr als Stand-by-Medikation zur Verfügung.

Riamet wirkt schnell, und die Heilungsraten liegen bei mehr als 95 Prozent - auch in Gebieten, in denen die Erreger bereits Mehrfachresistenzen entwickelt haben. Bislang wurden keine neuro- oder kardiotoxischen Nebenwirkungen beobachtet, meldet Novartis. Die Wirkung von Artemether setzt schnell ein und reduziert zu Beginn der Behandlung die Zahl der Parasiten. Lumefantrin wirkt langsamer und eliminiert die verbleibenden Plasmodien, wenn diese in maximalen Konzentrationen im Blut auftreten.

Verstärkte Wirkung

Die beiden Arzneistoffe wirken synergistisch: In einer doppelblinden Vergleichsstudie in China lag die Heilungsrate 28 Tage nach Therapie mit vier Dosen Riamet bei 100 Prozent, verglichen mit 92 Prozent nach Behandlung mit Lumefantrin und 55 Prozent mit Artemether jeweils als Monotherapie. In anderen Studien hatte Riamet schneller die Parasiten eliminiert als andere Antimalaria-Medikamente.

Novartis hat mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Abmachung getroffen, nach der das Unternehmen Riamet unter dem Namen Coartem® in Endemiegebieten zum Herstellungspreis (2,40 US-Dollar für die Therapie von Erwachsenen, 1,60 US-Dollar für die Therapie von Kindern) zur Verfügung stellt. Die WHO baue derzeit ein Verteilernetz für das Medikament auf. Top

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