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Hilfreich bei psychosomatischen Beschwerden

03.05.2004
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Johanniskraut

Hilfreich bei psychosomatischen Beschwerden

von Brigitte M. Gensthaler, München

Eine Therapie mit Johanniskrautextrakt kann bei psychosomatischen Beschwerden hilfreich sein, auch wenn die Patienten keine depressiven Symptome haben. Darauf weist eine Studie hin, die kürzlich in München vorgestellt wurde.

Frühere Untersuchungen mit Menschen, die an leichten oder larvierten Depressionen oder Winterdepression litten, gaben erste Hinweise: Die Phytotherapie hellte nicht nur die Stimmung auf, sondern besserte auch Beschwerden wie Müdigkeit, Herzklopfen, Kopf- und Muskelschmerzen sowie vegetative Symptome.

Diese Beobachtungen gaben den Anstoß zu einer Studie, bei der 184 Patienten mit verschiedenen somatoformen Störungen (siehe Kasten) sechs Wochen lang entweder zweimal täglich 300 mg Johanniskrautextrakt (Jarsin®) oder Placebo erhielten. Zum Vergleich: In der antidepressiven Therapie werden Tagesdosen von 900 mg Extrakt gefordert. Menschen mit einer klinisch relevanten Depression waren von der Studie ausgeschlossen, erklärte deren Leiter, Professor Dr. Thomas Müller von der Neurologischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum bei einer Pressekonferenz der Firma Lichtwer in München. Die Wirksamkeit der Therapie wurde mit speziellen Fragebögen erfasst. Von 173 Patienten konnten die Daten ausgewertet werden.

 

Somatoforme Störungen Psychosomatische und unklare körperliche Beschwerden sind im Alltag häufig. In einer Befragung von mehr als 2000 Bürgern gaben die Teilnehmer an, in den letzten beiden Jahren durchschnittlich an zwei Symptomen gelitten zu haben. Diese hätten sie sehr belastet und/oder zum Arzt geführt, berichtete Professor Dr. Winfried Rief von der Universität Marburg in München.

Die meisten psychosomatischen Erkrankungen werden heute als „somatoforme Störungen“ zusammengefasst. Die Patienten klagen über körperliche Leiden, beispielsweise Rücken-, Gelenk- oder Kopfschmerzen, Blähungen, Magen- oder Herzbeschwerden, ohne dass der Arzt eine organische Ursache finden kann. „In der Regel werden viele Körperbereiche als belastend und krank empfunden“, erklärte der Psychologe. Prototyp ist die Somatisierungsstörung, bei der vielfältige körperliche Beschwerden vorliegen. Stehen Schmerzen im Vordergrund, sprechen Ärzte von einer somatoformen Schmerzstörung. Dagegen berichten Patienten mit einer somatoformen, autonomen Funktionsstörung über unklare, aber organisch lokalisierbare Beschwerden, zum Beispiel am Herzen, im Magen oder bei der Verdauung. Die Betroffenen suchen häufig den Hausarzt, selten einen Spezialisten auf und erhalten eher keine wissenschaftlich fundierte Behandlung, berichtete Rief aus einer Studie mit 26 Hausärzten und 300 Patienten.

 

Bereits nach zwei Wochen besserten sich die somatischen Beschwerden in beiden Gruppen, wobei das Verum stärker wirkte. Im Studienzeitraum über sechs Wochen nahmen die Symptome in beiden Gruppen weiter ab; dabei war das Phytopräparat in allen Zielparametern signifikant überlegen. In der Verumgruppe sprachen 45 Prozent der Patienten auf die Therapie an, in der Placebogruppe nur 21, stellte der Neurologe fest. Die Verträglichkeit war in beiden Gruppen gleich.

„Der Effekt auf die körperlichen Symptome hängt nicht von der antidepressiven Wirkung ab“, betonte Müller. Er folgert aus der noch unveröffentlichten Studie, dass Johanniskraut auch zur Behandlung von somatoformen Störungen geeignet sei. Außer dem Phytopharmakon sei bislang nur das trizyklische Antidepressivum Opipramol bei dieser Indikation ausreichend geprüft. Top

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