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Vom Drüsenbrei zum Minipellet

14.02.2000  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-VerlagPANKREASENZYME

Vom Drüsenbrei zum Minipellet

von Brigitte M. Gensthaler, München

Ohne Bauchspeicheldrüse kann man nicht leben, aber ihre Sekrete können medikamentös ersetzt werden. Viel älter als die Möglichkeit, Insulin von außen zuzuführen, ist der Ersatz von Verdauungsenzymen bei exokriner Pankreasinsuffizienz. Mussten die Patienten vor 100 Jahren noch Drüsenbrei essen, haben sie es heute mit mikroverkapselten Enzymen leichter.

Rund 20.000 Patienten in Deutschland leiden an einer chronischen Pankreatitis, die zum Verlust der Drüsenfunktion führen kann. Obwohl die Entzündung gutartig ist, sterben etwa vierzig Prozent der Patienten innerhalb von fünf Jahren – "auch, weil mehr als die Hälfte von ihnen alkoholkrank ist", erklärte Privatdozent Dr. J.-Matthias Löhr von der Klinik für Innere Medizin der Universität Rostock bei einer Pressekonferenz der Solvay Arzneimittel GmbH, Hannover. Hält die Erkrankung mehr als zwanzig Jahre an, verfünffacht sich das Risiko, an einem Pankreas-Karzinom zu erkranken.

Nach etwa zehn Jahren bekommen viele Pankreatitis-Patienten auch Diabetes mellitus, berichtete Löhr. Neu sind Befunde, dass umgekehrt fünf bis zehn Prozent der Insulin-abhängigen Diabetiker eine exokrine Pankreasinsuffizienz entwickeln. Mitunter würden die Blutzuckerspiegel dieser Diabetiker leichter steuerbar, wenn die Enzyme substituiert werden.

Pankreatitis-Patienten klagen über Bauchschmerzen, Durchfall, Fettstühle und Gewichtsverlust. Gesichert wird die Diagnose auch durch Bestimmung der fäkalen Elastase. Eine Enzymsubstitution ist bei jeder schweren exokrinen Insuffizienz und bei symptomatischen Patienten indiziert, betonte der Arzt. Wichtig: Die Patienten brauchen lipolytische und proteolytische Enzyme in ausreichender Dosis, in der Regel zwischen 30.000 und 90.000 Lipase-Einheiten täglich. Mukoviszidose-Patienten erhalten zum Teil erheblich größere Mengen (mehr als 20.000 E/kg Körpergewicht/Tag).

Frisch geschabten Drüsenbrei muss heute kein Patient mehr auf sein Brot streichen. Vor 100 Jahren gelang es erstmals der Firma Rhenania Aachen, heute Solvay, säurestabiles Pankreatin (Pankreon) zu entwickeln. Da die Zusammensetzung des menschlichen Bauchspeichelsekrets dem des Schweins ähnelt, waren und sind Schweinedrüsen die Hauptlieferanten für das Stoffgemisch Pankreatin, das unter anderem Lipasen, Amylasen und Proteasen enthält.

Heute verarbeitet Solvay jährlich 1800 bis 2000 Tonnen Schweine-Pankreas und stellt in verschiedenen Verfahren alle geforderten Pankreatin-Qualitäten her. Ein hoher Lipase-Anteil im Präparat ist das wichtigste Ziel in der Enyzmsubstitution, erklärte Dr. Günter J. Peschke, Leiter der Enzymforschung bei Solvay. Mit dem Rinderwahnsinn BSE hat man keine Probleme: Ausschließlich Schweinedrüsen aus EG-konformen, tierärztlich kontrollierten Schlachthöfen werden verarbeitet, sagte Peschke auf Nachfrage der PZ. Zudem lagern die Drüsen vor der Verarbeitung vier Wochen in Quarantäne; in dieser Zeit ist das Schweinefleisch in der Regel schon verzehrt.

Zum Schutz vor der Magensäure sind die Enyzme in magensaftresistente Minipellets verpackt, die in einer Gelatine-Kapsel portioniert sind (Kreon®). Nach Zerfall der Kapsel im Magen passieren die Pellets, alle kleiner als 1,7 mm, mit dem Speisebrei den Pylorus und lösen sich im Duodenum. Speziell für Kinder gibt es Minipellets mit einem Durchmesser zwischen 0,7 und 1 mm. Inzwischen sei es gelungen, die Aktivität des gewonnenen Pankreatins zu verdoppeln und damit die Kapselgröße zu reduzieren, so Peschke.

Auch die Entwicklung von Enzymlösungen, die per Sonde appliziert werden können, ist für die Firma in greifbare Nähe gerückt. Ende November 1999 erhielt sie ein US-Patent für ein Verfahren zur Stabilisierung von Lipasen in Lösung. Unter Verwendung von komplexen Lipiden als Stabilisatoren bleiben achtzig Prozent der Enzyme bei Raumtemperatur über acht Stunden stabil.Top

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