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Pro und contra Herceptin

05.02.2001  00:00 Uhr

ZYTOSTATIKA-WORKSHOP

Pro und contra Herceptin

von Christiane Berg, Hamburg

Trastuzumab (Herceptin®) ist in Deutschland zugelassen zur Behandlung von Patientinnen mit metastasiertem Mammakarzinom, deren Tumoren HER2 überexprimieren - zum einen als Monotherapie nach vorausgegangener Behandlung mit einem Anthrazyklin oder einem Taxan, zum anderen in Kombination mit Paclitaxel für Patientinnen, die zuvor noch keine Chemotherapie erhalten haben. Auf dem Norddeutschen Zytostatika-Workshop diskutierten Christiane Bismarck, Berlin, und Claus Roland, Flensburg, die Vor- und Nachteile einer Therapie mit dem relativ neuen Wirkstoff.

Trastuzumab ist ein humanisierter, rekombinanter, monoklonaler Antikörper gegen den menschlichen epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor 2 (HER2). Bei etwa 20 bis 25 Prozent der Brustkrebspatientinnen sei HER2 überexprimiert, erläuterte Bismarck. Auf Grund dieser Überexprimierung kommt es zu einer verstärkten Signalübertragung zum Zellkern, in deren Folge ein unkontrolliertes Zellwachstum einsetzt. Bismarck verwies auf Studien zum HER2-Status, die zeigen, dass Patientinnen mit HER2-Überexpression eine Überlebenszeit von drei Jahren, Patientinnen mit einem normalen HER2-Status hingegen eine durchschnittliche Überlebenszeit von sechs bis sieben Jahren haben.

Signalübermittlung wird blockiert

Trastuzumab bindet spezifisch an den HER2-Rezeptor. Die Signalübermittlung vom Rezeptor zum Zellkern wird blockiert. Der Wachstumsstimulus entfällt und Tumorzellen werden abgetötet. Zur Zeit existieren zwei Bestimmungsverfahren, deren Testergebnisse eine HER2(2+)- und eine HER2(3+)-Überexpression anzeigen: Zum einen die ICH-Methode (Immunohistochemischer Nachweis), zum anderen die FISH-Technik (Fluoreszenz in situ Hybridisierung). Nachgewiesen wurde laut Bismarck, dass Patientinnen mit einer HER2(3+)-Überexpression besser auf Trastuzumab ansprechen als Patientinnen mit HER2(2+).

Bismarck zeigte die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen auf, die belegen, das Trastuzumab als Mono- oder Kombinationstherapie bei Patientinnen mit metastasierendem Mammkarzinom den Zeitraum bis zur Krankheitsprogression signifikant verlängert - bei HER2(3+) von 4,6 auf 7,8 Monate. Die Ansprechrate auf Chemotherapie wird erhöht (bei HER2(3+) von 31 auf 56 Prozent), die Überlebenszeit nimmt zu (bei HER3+ von 20 auf 29 Monate). Die Referentin sprach von wesentlich geringeren Nebenwirkungen als bei einer konventionellen Chemotherapie. Haarausfall, Übelkeit und Erbrechen werden nicht beschrieben. Allerdings habe man eine kardiale Dysfunktion beobachtet. Dennoch sei der Einsatz von Trastuzumab nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Bewertung gerechtfertigt.

Testverfahren ungenügend standardisiert

Roland verwies auf zwei Studien (H0649g und H0551g), die belegen, dass Trastuzumab als Monotherapeutikum mit einer Ansprechrate von circa 20 Prozent nicht besser wirkt als konventionelle Chemotherapeutika wie Vinorelbin, Idarubicin, Gemcitabin, Taxane oder Capecitabin. Auch die Kombination mit Paclitaxel zeige keine wesentlich besseren Effekte als ein Regime mit Anthrazyklin und Cyclophosphamid. Allerdings seien die Patientinnen im Paclitaxel/Trastuzumab-Arm der sogenannten H0648g-Studie stärker vorbehandelt gewesen als im Anthrazyklin/Cyclophosphamid-Arm.

Das Nebenwirkungsprofil von Trastuzumab und hier vorrangig die erhöhte Kardiotoxizität seien nicht zu vernachlässigen, betonte Roland. Von Ende 1998 bis Mitte 2000 sei es in den USA zu 62 schwerwiegenden Ereignissen gekommen. 15 von 25 000 Anwendungen verliefen tödlich. Als weiteres Problem nannte Roland die mangelnde Standardisierung der HER2-Tests, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Roland forderte die Validierung der Testverfahren, da diese therapeutische Konsequenzen für das weitere klinische Vorgehen bedeuten. Ein Durchbruch in der Behandlung des metastasierten Mammakarzinoms mit Trastuzumab sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu konstatieren. Der Einsatz sei nur im Rahmen kontrollierter Studien gerechtfertigt.

 

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