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Komplexmittel unter der Lupe

03.01.2000  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-VerlagHOMÖOPATHIE

Komplexmittel unter der Lupe

von Brigitte M. Gensthaler, München

Trotz Skepsis der Wissenschaftler sind homöopathische Arzneimittel bei vielen Patienten beliebt. Und wie bei allopathischen Medikamenten ist der Apotheker zur fundierten Beratung verpflichtet. Immerhin handelt es sich um apothekenpflichtige Waren. Wie werden Mittel zur Selbstmedikation ausgewählt und wie kann der Apotheker Komplexmittel beurteilen?

Diese und weitere Fragen beantworteten Dr. Markus Wiesenauer, Apotheker und Facharzt für Allgemeinmedizin in Weinstadt, und Apotheker Harald Csallner, Lauf, bei der dezentralen Herbstfortbildung der Bayerischen Landesapothekerkammer.

Homöopathische Mittel wirken nach heutiger Auffassung über eine Modulation körpereigener Regulationsvorgänge (Therapieprinzip: Stimulatio). Das heißt umgekehrt: Wenn eine Erkrankung, zum Beispiel ein Tumor, sich dem Netzwerk der Körperregulation entzogen hat, kann die Homöopathie nicht wirken. Sie ist ferner nicht indiziert, wenn Körperstoffe, zum Beispiel Insulin, ersetzt (Substitutio) oder körperfremde Stoffe, zum Beispiel Bakterien, vernichtet (Eliminatio) werden müssen.

Die Arzneimittel werden nach der Ähnlichkeitsregel eingesetzt: Similia similibus curentur. Die Auswahl des Arzneimittelbildes ist ein hoch differenziertes Forschungsgebiet in der Homöopathie und ist als Arzneimittelprüfung am Gesunden mit Phase-I-Studien vergleichbar, erklärte Wiesenauer. Die individuellen Symptome des Patienten sollen dem Arzneimittelbild möglichst genau entsprechen.

In der Selbstmedikation greift man überwiegend zu organotrop oder histiotrop wirkenden Mitteln (auf ein Organ oder ein Gewebe bezogen). Als Beispiel: Beim Schneiden einer Küchenzwiebel leiden die meisten Menschen unter tränenden Augen und laufender Nase. Genau bei diesen Beschwerden wird Allium cepa homöopathisch eingesetzt.

Dagegen verlangen personotrop wirkende Homöopathika eine umfassende Anamnese. Sie werden vorwiegend bei chronischen Erkrankungen als Hochpotenzen, meist C-Potenzen (Verdünnung 1:100) angewandt. Als "sanfte Hochpotenzen" gelten die Q-Potenzen (früher LM genannt; 1:50.000), bei denen die Erstverschlimmerung milder verläuft. Für die Eigenbehandlung eignen sich die niedrigen D-Potenzen (1:10) von der Urtinktur (Ø) bis D6 oder D12.

Wichtige Tipps für die Beratung

  • Die Erstverschlimmerung (Primärreaktion) zeigt an, dass das gewählte Arzneimittel anspricht. Kurzfristige Therapiepause einlegen.
  • Alle Homöopathika nimmt man vor dem Essen (etwa eine halbe Stunde). Der Patient sollte sie lange im Mund behalten, da sie über die Mundschleimhaut resorbiert werden sollen. Dilutionen können mit Wasser verdünnt werden.
  • Bei akuten Beschwerden nimmt man das Mittel halbstündlich oder stündlich. Bei Besserung das Intervall verlängern auf zwei- bis dreimal täglich oder absetzen.
  • Homöopathika, vor allem in Hochpotenzen, interagieren mit Gewürzen, ätherischen Ölen, stark riechenden Stoffen und Kaffee. Hahnemann sprach vom "Löschen der Arzneimittelwirkung". Campher antidotiert fast jedes homöopathische Mittel. Ätherische Öle können zusätzlich zu Tiefpotenzen gegeben werden, so Wiesenauer.

Kombinationen verstärken sich

Viele Apotheker raten lieber zu Komplex- als zu Einzelmitteln. Dies widerspricht Hahnemanns Lehre nicht, erläuterte Csallner. Samuel Hahnemann hatte empfohlen, "festständige Krankheiten", die aus gleicher Ursache heraus stereotyp ablaufen, mit immer gleichen Mitteln allein nach der Diagnose zu behandeln.

Homöopathische Ärzte entwickelten daraus die "bewährten Indikationen". Dabei bringt die Kombination mehrerer Einzelmittel mit gleicher Wirkrichtung oft bessere Erfolge als ein einzelnes Mittel. Aus diesen Erfahrungen wurden Komplexmittel entwickelt, die eine Indikation angeben dürfen. Dazu zählen beispielsweise Felke-Komplexe, Hevertoplexe, Oligoplexe, Pentarkane, Plantaplexe, Similiaplexe, Truw-Composita und andere.

Die theoretische Grundlage schuf der Berner Professor Bürgi mit der Mischungsregel: Zwei Substanzen, die die gleiche Funktionsänderung hervorrufen oder das gleiche Krankheitssymptom beseitigen, addieren sich in ihren Wirkungen, wenn sie gleiche Angriffspunkte haben, und potenzieren sich, wenn sie verschiedene Angriffspunkte haben. Ausnahme: Arzneimittel aus Pflanzen der gleichen botanischen Familie, zum Beispiel Bryonia alba und Citrullus colocynthis, vertragen sich nicht.

Wie die Kommission D Kombinationen beurteilt

Nach aktuellem Stand werden nur homotrope Kombinationen, die homöopathische Arzneimittel mit gleichen Angriffspunkten enthalten, die (Nach-)zulassung bestehen, meinte Csallner. Komplexmittel können in der Apotheke nach den Vorgaben der Kommission D für die Neu- oder Nachzulassung bewertet werden:

  • Die Zahl der homöopathischen Einzelmittel muss überschaubar sein (etwa vier bis sechs).
  • Jedes Einzelmittel muss eine positive Aufbereitungsmonographie haben, toxikologisch unbedenklich sein und einen Beitrag zur positiven Beurteilung des Arzneimittels leisten.
  • Antidote sind auszuschließen.
  • Als Indikationsanspruch muss ein Krankheitszustand, eine Funktionsstörung oder eine pathologische Einheit genannt sein (in der Aufbereitungsmonographie aufgeführt).

Komplexe kritisch betrachtet

Csallner analysierte zahlreiche Komplexpräparate, um das Augenmerk der Kollegen zu schärfen. Einige Beispiele:

Der Felke-Complex Nr. 76 Mercurius dulcis enthält Hydrargyrum chloratum D4 (Mercurius dulcis). Bei längerer Anwendung könne der Patient eine Quecksilber-Arzneimittelprüfung erleiden, warnte der Apotheker. Quecksilber-Salze zwischen D4 und D7 dürfen laut Aufbereitungsmonographie nicht bei Nierenfunktionsstörungen, in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Säuglingen und Kleinkindern eingesetzt werden. Ab D8 sind Gegenanzeigen nicht bekannt.

Gleiches ist bei Mercurius cyanatus Oligoplex zu beachten, den Csallner als hoch wirksam bei pseudomembranöser Angina einstufte. Der Komplex tötet Diphtheriebakterien sofort oder innerhalb weniger Minuten und ist damit 250-fach stärker als das wirksamste Einzelmittel. Er wird eingesetzt bei Halsentzündung und Seitenstrang-Angina mit starker Speichelbildung.

Nicht deckungsgleich sind die Arzneimittelbilder von Atropa belladonna und Aconitum napellus, die zum Beispiel in Aconitum Pentarkan (neben drei weiteren Bestandteilen) vereint sind. Aconitum ist angezeigt bei Infektionskrankheiten mit hochakutem trockenen Fieber und Angst, wobei Wärme verschlimmert. Domäne von Belladonna sind fieberhafte Zustände mit heißem Schweiß, verschlimmert durch Kälte. Ferrum phosphoricum ist eher ein "Verlegenheitsmittel" bei fiebernden Patienten, die sich sehr schwach fühlen, aber blühend aussehen. Wärme und Bewegung verschlimmern die Symptome Schüttelfrost, allgemeine Schwäche und Fieber ohne Durst, die der Kombinationspartner Gelsemium abdeckt. Gesamturteil: als Komplex nicht gut geeignet.

Besser schneidet bei fieberhaftem grippalen Infekt beispielsweise Aconitum Plantaplex ab, das unter anderem Lachesis D8 enthält. Typisch für Lachesis (Lanzenförmige Natter) ist die linksseitige Tonsillitis (bei rechtsseitiger: Phytolacca empfehlen); es soll zudem einen Infektionswechsel verhindern. Nach Schweißausbruch wird Aconitum von Baptisia Plantaplex abgelöst.

Nosoden aus dem Autoklaven

Zahlreiche Firmen stellen fixe Kombinationen her, die als Fertigarzneimittel zugelassen oder registriert sind. Ein Beispiel ist Metavirulent, das Influencinum Nosode D30 enthält. Es eignet sich zur Vorbeugung und Therapie grippaler Infekte.

Nosoden werden zubereitet aus Krankheitsprodukten oder -erregern oder deren Stoffwechselprodukten oder aus Zersetzungsprodukten tierischer Organe. Sie sind nicht infektiös, betonte Csallner. Jedoch schreibt eine EU-Richtlinie vor, dass alle menschlichen oder tierischen Ausgangsprodukte, die zu Arzneimitteln verarbeitet werden, autoklaviert werden müssen. Dies gilt auch für Sepia (Tintenfisch), Lachesis oder Calcium carbonicum Hahnemanni (Austernschalenkalk). Fraglich sei, so Csallner, ob diese Mittel genauso wirken wie die, für die das Arzneimittelbild erstellt wurde.

Ebenfalls eine Nosode enthalten Euphorbium compositum Nasentropfen. Mucosa nasalis suis (vom Schwein) soll die Regeneration der Nasenschleimhaut fördern. Das Präparat kann auch Säuglingen gegeben werden (Mercurius bijodatus D8!). Als "Silberkörnchen" für Kinder bezeichnete Csallner Chamomilla, das in Viburcol Suppositorien enthalten ist. Bei Unruhe mit und ohne Fieber und bei banalen Infekten helfen die Zäpfchen Säuglingen ab dem ersten Lebenstag.

"Goldkörnchen" in der Therapie von Atemwegserkrankung und grippalem Infekt

Arzneimittel

Symptome Camphora D3 beim ersten Anzeichen eines Infekts, erstes Frösteln, laufende Nase, kalte Hände und Füße, Unwohlsein Aconitum D6 plötzlich einsetzendes Fieber, trockene Haut, große Angst und Unruhe

  Belladonna D6 rascher Fieberanstieg, hochrotes Gesicht, schweißnasse Haut Eupatorium D4 beginnender Infekt mit Fieber und Frösteln, Knochen- und Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen Phytolacca D4 beginnende Mandelentzündung mit Schwellung, Schluckbeschwerden und Schmerzen, die bis zum Ohr ausstrahlen; typisch: rechtsseitige Beschwerden Sambucus D3 Schnupfen, weiß-gelblicher Nasenschleim, Kinder „schnorcheln„, nach 2 bis 3 Tagen wird der Schleim dünnflüssiger Luffa D6 zähes, grün-gelbes Nasensekret, Stirnkopfschmerz, Borkenbildung und trockene Nase; auch bei Nasenspray-Abusus zusammen mit Luffa-Nasentropfen *) nach Wiesenauer, M., Csallner, H., Homöopathie. Heft 59
der Schriftenreihe der BLAK. Herbst 1999.

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