Pharmazeutische Zeitung online

Präparate aus der Apotheke qualitativ besser

09.12.2002  00:00 Uhr
Johanniskraut

Präparate aus der Apotheke qualitativ besser

von Conny Becker, Frankfurt am Main

Johanniskrautpräparate aus Drogerie und Supermarkt weisen erhebliche Qualitätsmängel auf und stellen sich überwiegend als wirkungslos heraus. Dies folgt aus einer Untersuchung des Biozentrums der Universität Frankfurt.

In einer aktuellen Emnid-Studie mit 2224 repräsentativ ausgewählten Deutschen gaben 6 Prozent der Befragten an, von mindestens fünf Symptomen der Depression stark bis sehr stark betroffen zu sein. Davon befinden sich lediglich 17 Prozent in ärztlicher Behandlung, so Dr. Michael Martin Berner aus Freiburg bei einer Pressekonferenz der SocraTec Congress Services and Consulting in Frankfurt am Main. Die Zahl der Betroffenen, die sich selbst therapieren, bewegt sich in einem vergleichbaren Rahmen. Der Großteil der Depressiven ignoriert die Krankheit. Dabei ist eine kausale Behandlung der Depression auf Ebene der Neurotransmitter sowohl mit synthetischen als auch mit pflanzlichen Antidepressiva möglich.

Johanniskrautpräparate im Vergleich

Die Anforderungen an Johanniskraut-Präparate stellte Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz vom Biozentrum der Universität Frankfurt vor. Johanniskraut sollte nur als Monopräparat eingenommen werden. Wirkstoff ist der durch Extraktion mit Ethanol oder Methanol gewonnene Trockenextrakt, der durch das Drogen-Extrakt-Verhältnis (DEV) charakterisiert sein muss. Als wirksame Tagesdosis gelten etwa 500 bis 800 mg Extrakt, entsprechend 2 bis 4 g Droge.

Anhand dieser Kriterien untersuchte der Pharmazeut kürzlich zwölf Johanniskraut-Präparate aus Drogerie und Supermarkt, von denen lediglich zwei eine ausreichende Dosierung ermöglichen, wenn man sich an die Einnahmeempfehlung des Herstellers hält. Die übrigen, darunter Kombinationspräparate sowie Arzneimittel mit gepulverter Droge anstelle des Extrakts, fielen schon auf Grund der Gebrauchsanweisung durch das Bewertungsraster.

Doch auch eine formal ausreichende Extraktmenge ist noch kein Garant für eine antidepressive Wirkung: Durch Verwendung von Drogen, die Ernte- oder Trocknungskriterien nicht erfüllen, entstünden „leere Extrakte“, so der Referent. Bei der chromatographischen Quantifizierung der Inhaltsstoffe zeigten sich alle zwölf freiverkäuflichen Arzneimittel als völlig unterdosiert. Drei ebenfalls untersuchte apothekenpflichtige Präparate wiesen hingegen die für die Wirksamkeit als erforderlich angesehene Konzentrationen an Hyperforin, Rutin sowie Biapigenin auf. Da die Drogerieprodukte auch in Studien zur Chargenkonformität inakzeptable Ergebnisse lieferten, sprach sich Schubert-Zsilavecz eindeutig für apothekenpflichtige Johanniskrautpräparate aus.

Informationen für Verbraucher

Der Meinung von Schubert-Zsilavecz schloss sich auch Dr. Jürgen Steinert, Redakteur bei der Zeitung „Öko-Test“, Frankfurt, an. Da freiverkäufliche Präparate trotz abgeschwächter, dadurch aber besonders werbewirksamer Indikationsansprüche dieselbe Zielgruppe wie apothekenpflichtige Produkte ansprechen, müssten auch dieselben Kriterien gelten. In der noch unveröffentlichten Untersuchung des Verbrauchermagazins zeichnet sich eine überwiegend, wenn nicht sogar ausschließlich negative Bewertung von Johanniskraut-Präparaten aus Drogerie und Supermarkt ab. Top

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa