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Viele Asthmatiker unterschätzen ihre Krankheit

13.12.1999  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-Verlag

Viele Asthmatiker unterschätzen
ihre Krankheit

von Ulrich Brunner, Eschborn

"Asthmatiker erhalten keine optimale Kontrolle und Pflege", so das Fazit des europäischen Gutachtens AIRE (Asthma Insights and Reality in Europe). Die Behandlung entspricht nicht den internationalen Richtlinien. Das schränkt nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen ein, sondern kostet auch unnötiges Geld. Die Umfrage ergab außerdem, dass viele Patienten die Erkrankung weder verstehen noch wissen, wie sie ihr Asthma kontrollieren können.

Laut AIRE suchten allein im letzten Jahr ein Viertel der Patienten ihren Arzt außerplanmäßig auf, und jeder Zehnte musste auf Grund verstärkter Beschwerden in die Ambulanz eines Krankenhauses. "Diese auffälligen Ergebnisse veranschaulichen, dass Asthma bei vielen Patienten nicht ausreichend kontrolliert wird", meint Greta Barnes, Direktorin des National Asthma and Respiratory Training Centers in Großbritannien.

Betrachtet man die Gesamtpopulation der sieben AIRE-Länder, bekommen die Zahlen eine ganz neue Dimension: Jährlich müssen 2,5 Millionen Menschen in die ambulante oder stationäre Notfallaufnahme.

Laut Befragung fühlen sich fast zwei Drittel der Patienten durch das Asthma in ihren Aktivitäten eingeschränkt. Beinahe die Hälfte berichtete von Symptomen, unter denen sie innerhalb der letzten vier Wochen beim Sport litten. Ein Drittel schlief mindestens einmal in der Woche schlecht, und jeder Vierte fehlte aufgrund des Asthmas einen Tag in der Schule oder am Arbeitsplatz.

AIRE brachte aber auch anderes ans Licht: Nur die Hälfte der Patienten folgen den Weisungen ihres Arztes uneingeschränkt und 70 Prozent sind mit inhalativen Glucocorticoiden nicht vertraut. Deprimierende Ergebnisse gab es auch bei den Hilfsmitteln, die eine Diagnose erleichtern: Ungefähr 90 Prozent der Patienten hatten noch nie einen Bogen zur Beurteilung ihres Gesundheitszustandes in der Hand, und bei mehr als der Hälfte wurde noch nie ein Lungenfunktionstest durchgeführt.

Viele Asthmatiker unterschätzen ihre Krankheit. Auf die Frage, wie ernst sie ihr Asthma einstufen, antworteten nur 6 Prozent mit "schwer und hartnäckig". Allerdings zeigte sich bei Prüfung der Verschreibungen, dass nach den internationalen Behandlungsrichtlinien dreimal so viele Patienten zur Kategorie "schwer und hartnäckig" gehörten. Asthmapatienten tendieren also dazu, eine geringere Lebensqualität in Kauf zu nehmen.

"Die Patienten versuchen nicht unbedingt ihr Befinden zu verbessern, weil sie das Gefühl haben, damit leben zu müssen", erklärt Mari-Adelaide Franchi, Leiterin der European Federation of Allergy and Asthma Associations (EFA).

AIRE deckte einen der möglichen Gründe auf, warum Asthmatiker resignieren: 36 Prozent der Patienten wußte nicht, dass Asthma durch eine Entzündung der Atemwege ausgelöst wird, und die Hälfte dachte, dass sie nur die Symptome, nicht aber die eigentliche Ursache behandeln können. "Für eine Krankheit, die weitgehend kontrolliert werden kann, verursacht Asthma noch immer eine hohe Zahl von Anfällen, akuten Behandlungsanfragen und Lebenseinschränkungen. Wahrscheinlich überschätzen sich die Patienten, und glauben sie hätten die Krankheit im Griff", folgert Dr. John Boyle, Senior Vizepräsident der SRBI, dem amerikanischen Meinungsforschungsinstitut, das die Befragung durchführte. Die Untersuchung zeige deutlich, dass die Patienten weder die grundlegenden Auslöser noch Behandlungsmöglichkeiten kennen.

Die Asthmabehandlung in Europa bleibt bislang weit hinter den Behandlungsrichtlinien der GINA (Global Initiative on Asthma) zurück, die eine Expertengruppe der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH (National Institutes of Health) im Januar 1995 definierte (siehe Kasten). Und das trotz immer besserer medikamentöser Therapieoptionen. Die Experten hoffen nun, dass AIRE weltweit zu neuen Initiativen für eine bessere Patientenschulung anregt.

GINA-Richtlinien verpasst

In dem Projekt GINA (Global Initiative for Asthma) definieren das National Heart, Lung, Blood Institute, eine Abteilung der US-amerikanischen National Institutes of Health in Bethesda, Maryland, und die Weltgesundheitsorganisation WHO unter anderem folgende Therapieziele, die bei der Behandlung von Asthmatiker erreicht werden sollten:
  • keine Schlafunterbrechungen
  • keine Arbeits- und Schulausfälle
  • möglichst keine stationäre Notaufnahme oder Hospitalisierungen
  • eine möglichst normale Lungenfunktion
  • keine Einschränkungen im täglichen Leben.

Entsprechend den Ergebnissen der AIRE-Untersuchung wurden diese Ziele in Europa bislang verfehlt.

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