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Prophylaxe statt Therapie

03.11.2003
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Schmerz

Prophylaxe statt Therapie

von Kerstin A. Gräfe, Frankfurt am Main

Patienten mit chronischen Schmerzen leiden in Europa im Durchschnitt sieben Jahre an ihrer Krankheit. Jeder fünfte von ihnen verliert seinen Arbeitsplatz. Das sind Ergebnisse einer aktuellen europaweiten Schmerzstudie.

„Schmerzen werden zur Epidemie des 21. Jahrhunderts, wenn nicht endlich etwas geschieht“, sagte Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident des Schmerztherapeutischen Kolloquiums Schmerz – Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie (StK-DGS) auf einem Pressegespräch, zu dem die Koalition gegen Schmerz eingeladen hatte (siehe Kasten).

 

Koalition gegen Schmerz Rund 20 Millionen Menschen leiden in Deutschland an chronischen oder immer wiederkehrenden Schmerzen. Sechs bis acht Millionen sind davon stark beeinträchtigt. Vor diesem Hintergrund haben sich die beiden großen Gesellschaften der Schmerzmedizin zur „Koalition gegen den Schmerz“ zusammengetan. Das Schmerztherapeutische Kolloquium - Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. und die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e. V. fordern, die Schmerzmedizin stärker in die Medizinerausbildung und in die Versorgungsstrukturen des Gesundheitswesens zu integrieren. Sie müsse Pflichtfach für angehende Ärzte werden. Gut ausgebildete Mediziner könnten verhindern, dass sich Schmerzen im Nervensystem einbrennen und ein Schmerzgedächtnis entstehe. Darüber hinaus müsse der Facharzt für Schmerztherapie eingeführt werden.

 

Eine aktuelle europaweite Umfrage (European Pain Survey) zeigte, dass chronischer Schmerz international weit verbreitet ist: Rund ein Fünftel der Befragten in Europa (19 Prozent) leiden an chronischen Schmerzen. Deutschland liegt mit 17 Prozent im Durchschnitt der europäischen Länder.

Die Umfrage ist die derzeit größte und detaillierteste über chronische Schmerzen. Um die Verbreitung des Schmerzes zu ermitteln, wurden über 46 000 Einzelinterviews in 16 Ländern geführt. Davon wurden knapp 5000 chronisch Kranke im Detail zu ihren Schmerzen befragt. In der Regel leiden mehr Frauen (Europa 56 Prozent, Deutschland 58 Prozent) als Männer (Europa 44 Prozent, Deutschland 42 Prozent) an dieser Schmerzform. Das Durchschnittsalter der Betroffenen lag bei rund 50 Jahren. An erster Stelle standen Rückenschmerzen, gefolgt von Kopfschmerzen und Gelenkbeschwerden.

Ein Viertel leidet seit 20 Jahren

Zum Zeitpunkt der Befragung litten die Betroffenen im Durchschnitt bereits seit sieben Jahren an chronischen Schmerzen, ein Viertel sogar seit 20 Jahren. „Wir als Ärzte sind weit davon entfernt, eine befriedigende Schmerztherapie zu leisten“, konstatierte Professor Dr. Michael Zenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS). Insofern sei es eine Schande, dass die Schmerztherapie kein Pflichtbestandteil der medizinischen Ausbildung in Deutschland darstellt. So sieht die im letzten Jahr verabschiedete neue Approbationsordnung das Fachgebiet Schmerz weder als Pflichtfach noch als Querschnittsbereich vor.

Besonders deutlich wurde aus der Umfrage, dass chronischer Schmerz weit gehende psychosoziale Folgen nach sich zieht und zu tief greifenden Veränderungen im Umfeld der Patienten führt. „ Hier sind besonders gestörte Freundschaftsverhältnisse und soziale Aktivitäten sowie beeinträchtigte Sexualkontakte zu nennen“, sagte Zenz. Nicht zuletzt verringern Schmerzen die Leistungsfähigkeit im Beruf: Viele Betroffene fühlten sich dauernd müde (50 Prozent) und weniger konzentrationsfähig (44 Prozent). Rund ein Fünftel der Befragten gaben sogar an, dass die Schmerzen Ursache für den Verlust des Arbeitsplatzes waren. „Schmerztherapie muss sich endlich wandeln in Schmerzprophylaxe“, forderte Zenz.

Vor Therapie Schmerz messen

„Eine frühzeitige, kompetente und konsequente Schmerzbehandlung kann Chronifizierungsprozesse verhindern“, betonte auch Müller-Schwefe. Schmerz sei eine Erkrankung, die unnötigerweise zu gigantischen sozialen Folgekosten führe. So verursache allein die Behandlung chronischer Rückenschmerzen in Deutschland jährlich Kosten in Höhe von 17 Milliarden Euro. 30 Prozent der Kosten entstehen durch ärztliche Diagnostik, Therapie, Medikamente, Klinikaufenthalte et cetera. 70 Prozent machen Arbeitsunfälle und berufliche Rehabilitationsmaßnahmen aus.

Dass für eine Erfolg versprechende Reha eine adäquate analgetische Vorbehandlung jedoch essenziell ist, zeigte Müller-Schwefe an einer aktuellen Studie. In eine Multicenterstudie wurden 91 Patienten einbezogen, die seit mindestens zwölf Wochen unter chronischen Rückenschmerzen litten, aber nicht operativ behandelt worden waren. Ärzte Physiotherapeuten und Patienten wurden getrennt voneinander am ersten Tag sowie nach zwei Wochen mithilfe eines standardisierten Fragebogens befragt, inwieweit Einzel-, Gruppengymnastik und Gerätetraining durchgeführt werden konnten.

Über die Hälfte der Patienten konnte auf Grund ihrer Schmerzen die physiotherapeutischen Maßnahmen nur eingeschränkt wahrnehmen. Dabei unterschätzten sowohl Ärzte als auch Therapeuten bei etwa 50 Prozent dieser Patienten deren subjektiv empfundene Schmerzen sowie die dadurch verursachte Beeinträchtigung erheblich. 30 Prozent der Patienten ging es in der Reha sogar schlechter. So korreliere mit steigender Schmerzintensität die Zunahme an Depressionen beziehungsweise die Abnahme der Lebensqualität.

Der eigentlichen Therapie sollte eine sorgfältige Schmerzmessung vorausgehen. Zur Bestimmung der Schmerzstärke habe sich eine visuelle Analogskala bewährt, mit deren Hilfe der Patient die Schmerzstärke auf einer Skala von 1 bis 10 bewertet.

Starke Schmerzen sind opioidpflichtig

Nicht steroidale Antirheumatika und Cyclooxygenase-2-Hemmer spielen in der medikamentösen Schmerztherapie eine große Rolle. Doch zwingen neue Einblicke in die Mechanismen von Schmerzentstehung und Chronifizierung zu einem Umdenken, sagte Müller-Schwefe. So seien Entzündungshemmer nur bei akuter oder fortbestehender Entzündung als Schmerzursache sinnvoll. Wenn die Schmerzen jedoch keine entzündliche Ursache oder bereits Veränderungen im Nervensystem verursacht haben, sei der sofortige Einsatz von Opioiden gerechtfertigt. Dies gelte nicht nur für Tumorschmerzen, sondern generell für starke und chronische Schmerzen. Auch Nervenschmerzen, die bislang als opioidresistent galten, könnten mit Opioiden behandelt werden. Top

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