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Selbstgestricktes gegen den Alptraum Schlaflosigkeit

18.10.1999
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-PharmazieGovi-Verlag

Selbstgestricktes gegen den
Alptraum Schlaflosigkeit

von Ulrike Wagner, Dresden

Wenn rund um den Globus die Lichter ausgehen, beginnt für viele Menschen eine ruhelose Nacht. Schlafstörungen sind weit verbreitet, aber erst in den letzten Jahren ins Zentrum des wissenschaftlichen Interesses gerückt. Rund 1500 Schlafforscher aus allen Kontinenten trafen sich vom 5. bis zum 9. Oktober in Dresden zum dritten Kongress der "World Federation of Sleep Societies". Sanofi-Synthelabo stellte dort ein neues Therapieschema vor, und die WHO präsentierte ihr Projekt zu Schlaf und Gesundheit.

"Zu Dosierungen und Einnahmeschemata fragen Sie Ihren Patienten", könnte demnächst ausgerechnet auf dem Beipackzettel einiger Schlafmittel stehen. Denn was die Patienten intuitiv richtig gemacht haben, bestätigen nun klinische Studien. Die Einnahme von Schlaftabletten nach Bedarf ist genauso sicher wie die ständige Medikation, und die Patienten schlucken insgesamt weniger Tabletten. Das ist das Ergebnis mehrerer Studien mit Zolpidem (Stilnox®), die Sanofi-Synthelabo auf einer Pressekonferenz am 7. Oktober in Dresden vorstellte.

Mehr als die Hälfte der Insomnie-Patienten, denen der Arzt Schlafmittel verschrieben hatte, nahmen die Medikamente unter eigener Regie immer dann ein, wenn sie tatsächlich nicht schlafen konnten. Gerade diese Patienten waren besonders zufrieden mit der Behandlung, erklärte Professor Dr. Eduard Estivill die Ergebnisse einer Telefonumfrage, an der in vier europäischen Ländern 2000 Personen teilgenommen hatten. Zu den Risiken solch selbst gestrickter Therapieschemata gab es bisher kaum klinische Daten.

Weniger Schlaftabletten

In mehreren Studien hat Sanofi-Synthelabo nun an insgesamt 1200 Patienten mit chronischen Schlafstörungen die intermittierende Einnahme von Zolpidem getestet. Professor Dr. Raymond Cluydts vom Sleep Wake Disorder Center des Universitätshospitals von Antwerpen, Belgien, und Privatdozent Dr. Göran Hajak von der Georg-August-Universität in Göttingen stellten die Ergebnisse der Studien vor. Patienten, die unter Schlaflosigkeit leiden, können Zolpidem bei Bedarf einnehmen, ein abruptes Absetzen und anschließende Wiederaufnahme der Behandlung führt nicht zu Sicherheitsproblemen, die Behandlung bei Bedarf ist für die meisten Patienten geeignet, und bei Betreuung durch einen Arzt nehmen sie spontan etwa ein Drittel weniger Schlafmittel ein.

"Die Patienten verlieren ihre Angst und denken nicht mehr, dass sie etwas Falsches tun, wenn sie eine Schlaftablette nehmen", erklärte Hajak. Bisher dauerten die Studien allerdings maximal vier Wochen, eine größere Studie mit 4500 Patienten läuft derzeit in Deutschland.

Zolpidem eignet sich für die Therapie bei Bedarf besonders gut, da Rebound-Phänomene nach längerer Einnahme dieses Medikaments im Gegensatz zu den anderen Benzodiazepin-Rezeptoragonisten seltener auftreten. Beim Rebound verschlimmern sich die Schlafstörungen nach Absetzen des Medikaments so stark, dass die meisten Patienten wieder zur Schlaftablette greifen. Außerdem leiden Patienten unter Zolpidem-Behandlung seltener an einem "Hangover"-Effekt mit Schläfrigkeit und Konzentrationsstörungen am nächsten Tag.

Angst vor Abhängigkeit

Weltweit leide jeder Dritte an Schlaflosigkeit, berichtete Estivill. Frauen und ältere Menschen sind davon besonders betroffen. Die Ergebnisse der Telefonumfrage bestätigten die Zahlen. 34 Prozent der 2000 Befragten litten unter Schlafstörungen. Nur etwa ein Drittel dieser Patienten habe überhaupt einen Arzt aufgesucht, 13 Prozent hatten ihren Apotheker um Rat gefragt und fast 40 Prozent hatten nichts unternommen, obwohl sie sich über die Auswirkungen der schlaflosen Nächte auf den nächsten Tag im Klaren waren. Grund dafür ist die Angst, von Schlafmitteln abhängig zu werden. Außerdem glauben die meisten Patienten, daß sich der Schlaf nach Einnahme eines Medikaments vom natürlichen Schlaf unterscheide und deshalb weit weniger erholsam ist.

Schlaftabletten nur bei Bedarf einzunehmen, würde den meisten Patienten entgegenkommen, denn bei 75 Prozent der Patienten treten die Schlafstörungen nur gelegentlich auf, erklärte Hajak. Selbst Patienten mit chronischen Schlafstörungen klagen selten über permanente Beschwerden. Daher sei die Behandlung bei Bedarf für die Patienten besonders attraktiv. Erst bei täglicher Einnahme von Hypnotika könnten Abhängigkeiten entstehen, sagte Hajak.

Schlafstörungen bekannt machen

Schlaflosigkeit war bisher ein unterschätztes Problem. Dabei können durchwachte Nächte dramatische Folgen haben. Dazu gehört ein erhöhtes Risiko für Depressionen, für kardiovaskuläre Probleme, die Patienten sind häufiger abwesend, oft krank, haben weniger Erfolg im Beruf und verursachen häufiger Verkehrsunfälle. Aus diesem Grund hat die WHO 1996 das "Worldwide Project on Sleep and Health" ins Leben gerufen. "Es gibt Behandlungsmöglichkeiten für die Patienten und man kann Schlafstörungen verhindern", erklärte Professor Dr. Thomas Roth, Direktor des "Sleep Disorders and Research Center at Henry Ford Hospital" in Detroit, USA, auf der Pressekonferenz der WHO, die ebenfalls in Dresden stattfand.

Hauptanliegen der WHO ist derzeit, Schlafstörungen und ihre Folgen ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Auf ihrer Homepage (www.worldsleep.org) informiert die WHO über Schlaf, Schlafhygiene und derzeit laufende Programme. Die Wissenslücke klafft allerdings nicht nur bei den Patienten. Auch bei den Ärzten besteht Aufklärungsbedarf. So verspricht sich Hajak von einem eintägigen Trainingsprogramm für niedergelassene Ärzte 10 oder 20 Prozent mehr Patienten, deren Schlafstörungen diagnostiziert und behandelt werden könnten. Top

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